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Gesellschaft / Brennpunkte 13.07.10

Bilder der Hölle und der Emanzipation

Text: Stefanie Helbig

tt_back_viewDie Kulturgeschichte des Rauchens
Rauchen und Trinken passen gut zusammen, das wusste man schon im 16. Jahrhundert: Damals nannte man das Rauchen Tabaktrinken. Nachdem Seeleute die Blätter aus Amerika in ihre Heimat mitgebracht hatten, stieß das Prozedere aber zunächst auf wenig Interesse. Die Spanier bauten die Pflanze an, denn bei offenen Wunden sollte sie Wunder wirken. Die Kunde verbreitete sich bald und es wurde als erwiesen angesehen, dass Tabak eine fabelhafte Medizin sei, die "Unreinheiten säubern und grobe zeehe Feuchtigkeiten zerteilen kann", wie der Arzt Johannes Wittich schwärmte.


Die Seeleute hatten bei den Indianern aber auch gesehen, dass man den Rauch der Blätter inhalieren konnte und brachten dieses Wissen mit nach England. In Deutschland wurde das "Schmauchen" besonders durch den 30-jährigen Krieg bekannt. Soldaten aus aller Herren Länder taten es und fanden bald Nachahmer. Johann Sebastian Bach widmete dem Rauchen mit "Die Tabakspfeife" ein Lied. Er könne sich beim Rauchen "erbauliche Gedanken machen", schreibt er, und sinniert: "Die Pfeife stammt aus Ton und Erde, auch ich bin gleichfalls draus gemacht".

Besonders das Schnupfen von Tabak war - neben der angeblichen Wirkung gegen Läuse und Zahnschmerzen und sogar gegen die Pest - ein Statussymbol. Zum Zeremoniell gehörten 14 Schritte, Mitglieder der Oberschicht lernten sie wie das Tanzen. Dazu gehörten die wertvollen Dosen, Tabatieren genannt, die bei einem Rokoko-Kostüm nicht fehlen durften, und auch als Staatsgeschenk beliebt waren.

Auch die Pfeifen - aus Ton oder in der edleren Variante aus Porzellan und Holz - wurden immer repräsentativer. Bald jedoch fanden sich Gegner, die neben der Gesundheit auch die Moral bedroht sahen. Manchen Zeitgenossen erinnerte der Rauch, der aus Mund und Nase stieg, an die Hölle - ein schreckliches Bild. Ganz zu schweigen von der Brandgefahr in den engen Städten. In Köln wurde 1649 der Kauf, Verkauf und Konsum des Tabaks verboten, in anderen Städten war es ähnlich. Bis zur Todesstrafe reichten damals die angedrohten Strafen.

Da Tabak aber auch eine gute Geldquelle war und viele Königshäuser das Handelsmonopol besaßen, konnten sie verschmerzen, dass das Verbot von vielen nicht eingehalten wurde. Allmählich wurde das "Schmauchen" zum Allgemeingut. Bis zum 19. Jahrhundert bewährte sich die Pfeife, dann wurde sie abgelöst: Pfeifen wurden nur noch auf dem Lande benutzt, in der Stadt rauchte man Zigarre. Während der Revolution von 1848 und 1849 wurde sie geradezu zum politischen Symbol. Was vorher nur während einer Choleraepidemie ausnahmsweise erlaubt war, sollte jetzt jederzeit möglich sein - das Rauchen im Freien. Die Umsetzung dieser Forderung erreichten die Revolutionäre 1848.

Ende des 19. Jahrhunderts dann wurde die Zigarette modern. Sie stand für Aufmüpfigkeit und Emanzipation: Rauchende Frauen waren im Bürgertum ungern gesehen, damit einher gingen erste Anfänge der Emanzipation. Noch karikierte man die rauchende Dame, doch die "neue Frau" der 20er Jahre betrachtete die Zigarette bereits als unverzichtbares Accessoire.

Seitdem hat die Zigarette ihre gesellschaftliche Symbolfunktion immer wieder geändert, als Zeichen der Emanzipation sieht man sie heute nicht mehr. Sie illustriert Hektik genauso wie Gelassenheit, je nachdem, wie sie eingesetzt wird, und war lange Zeit ein Symbol für Aufmüpfigkeit während des Erwachsenwerdens. Heute gibt es immer weniger jugendliche Raucher und die Zigarette wird zum Symbol für den leichtfertigen Umgang mit der Gesundheit. Sie ist ebenso wie Bio-Lebensmittel oder Sport Teil der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte über Gesundheitsvorstellungen.

Ob das bayerische Rauchverbot und die Auswirkungen auf die anderen Bundesländer, anders als seine Vorgänger, die Zigarette aus dem Kulturgut verschwinden lassen kann, wird sich zeigen. Immerhin aber wird Rauchern heute nicht mehr die Todesstrafe angedroht.


(Text: Stefanie Helbig)

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