Gesellschaft / Menschen 04.02.09
Text: Martin Josef Gottfried Böcker
Back view im Gespräch mit einer Luftwaffen-Offizieranwärterin
Frau Fahnenjunker Elisabeth Wurster ist 22 Jahre alt. Sie ist Soldatin, Luftwaffen-Offizieranwärter und Studentin in Personalunion. Wie das geht - und was sie macht - erzählt sie im exklusiven back view-Gespräch. Wir haben uns mit ihr in München an der Universität der Bundeswehr getroffen.
Hallo Elisabeth, du bist Soldatin bei der deutschen Luftwaffe. Was genau machst du da?
Ich bin Offizieranwärterin, offiziell nennt sich das „Offizierlaufbahn für den Truppendienst“.
Hört sich irgendwie gefährlich an. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff „Offizierlaufbahn“?
Also für uns „Luftwaffen-OAs“ (Offizieranwärter, Anm. d. Red.) heißt das, dass wir erst mal für elf Monate den Offizierlehrgang in der Offizierschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck absolvieren müssen.
Und was lernt man da?
Erst mal haben wir – wie alle anderen Soldaten auch - die militärischen Grundfertigkeiten gelernt. Das geht von Waffen- und Wachausbildung über Formaldienst bis hin zu den absoluten Grundlagen des Gefechtsdienstes. Darüber hinaus haben wir eine intensive Sprachausbildung in der NATO-Sprache Englisch bekommen. Ansonsten haben wir Wehrrecht, Didaktik und Methodik, „Innere Führung“ und Geschichte gelernt. Psychisch und physisch sehr belastend war unser Überlebenslehrgang. Da mussten wir uns eine Woche lang unter Schlaf- und Nahrungsentzug in südbayerischen Wälder durchschlagen. Mein persönlicher Höhepunkt war das Truppenpraktikum in einer Grundausbildungseinheit. Dort war ich sechs Wochen als Hilfsausbilder von Wehrpflichtigen eingesetzt und habe viel von den länger dienenden Feldwebeln gelernt.
Und was kommt nach dieser elfmonatigen Ausbildung?
Am Ende werden die Abschlussprüfungen geschrieben und dann werden wir an eine der Bundeswehr-Universitäten geschickt. Entweder in den Norden an die Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg oder in den Süden an die Universität der Bundeswehr München.
Das klingt sehr interessant. Wo studierst du was?
Ich studiere Staats- und Sozialwissenschaften an der Universtität der Bundeswehr München. Also eigentlich liegt die Uni in Neubiberg, das ist in der Münchener Peripherie. Wenn alles klappt, dann schließe ich nach zwölf Trimestern, also nach vier Jahren mit dem Master ab.
Vier Jahre bis zum Master? Das klingt schnell…
Ja, ist es auch. An den Bundeswehr-Universitäten studiert man in Trimestern. Vereinfacht könnte man das mit drei Semestern am Stück und pro Jahr beschreiben, also drei mal drei Monate. Danach haben wir drei Monate studienfreie Zeit, in der wir unseren Urlaub abbauen, militärische Lehrgänge besuchen können oder Praktika für unser Studium absolvieren.
Das hört sich straff an. Wie kommst du mit dem Zeitdruck zurecht?
Im ersten Trimester war es schlecht, weil ich da noch nicht so realisiert habe, dass man im Trimestersystem kontinuierlich durchlernen muss, sonst hat man gleich einen riesigen Berg an Arbeit vor sich. Das klappt jetzt im zweiten Trimester schon deutlich besser. Und im Gegensatz zu zivilen Studenten müssen wir nicht nebenbei arbeiten, weil die Bundeswehr uns bezahlt. Das bedeutet allerdings auch, dass wir neben dem Studium noch unsere militärischen Pflichten erfüllen müssen.
Die da wären?
Jeder Soldat muss seine „individuellen Grundfertigkeiten“ aufrechterhalten. Dazu muss er jedes Jahr seine Schießleistungen erfüllen, das Deutsche Olympische Sportabzeichen ablegen, eine bestimmte Anzahl an Leistungsmärschen ablegen, Sanitätsausbildungen absolvieren und an einem speziellen körperlichen Fitnesstest teilnehmen. Klingt aber schlimmer als es ist.
Was kann man bei der Bundeswehr eigentlich alles studieren?
Also so ziemlich jede Ingenieurwissenschaft, wie zum Beispiel Bauingenieurwesen, Luft- und Raumfahrttechnik, Maschinenbau, Elektrotechnik und so. Aber auch kaufmännische Dinge wie BWL, VWL oder Wirtschafts- und Organisationswissenschaften. Zu guter letzt auch Pädagogik, Geschichte, Politik oder eben Staats- und Sozialwissenschaften, was ich ja auch studiere.
Warum gibt die Bundeswehr - deiner Meinung nach - so viel Geld für die akademische Ausbildung aus?
Die Bundeswehr möchte den akademisch ausgebildeten Offizier, denke ich. Wir werden in der aktuellen Einsatzsituation mit hoher Wahrscheinlichkeit im engen Kontakt mit anderen Nationen zusammen arbeiten und kommen auch relativ schnell in höhere Führungsebenen. Da ist es einfach hilfreich, wenn man schon mal wissenschaftlich gearbeitet hat. Und… wer bei uns im Studium scheitert verlässt die Bundeswehr in aller Regel vorzeitig. Außerdem glaube ich, dass der Beruf, den wir Soldaten ausüben, etwas Besonderes ist und wir viele Jahre unseres Lebens für den Staat hergeben. Da ist das Studium auch eine große Hilfe, damit die nach zwölf Jahren Militärdienst wieder ins zivile Arbeitsleben integriert werden.
War das Studium der Hauptgrund für dich zur Bundeswehr zu gehen?
Nein! Das Studium stand bei mir ganz lange hinten an, ich wäre auch ohne Studium zur Bundeswehr gegangen. Als ich ungefähr 14 war, habe ich mal ein Bundeswehr-Plakat gesehen. Und da wurde präsentiert, was die Bundeswehr für Tätigkeitsfelder abdeckt, was mich total überrascht und mein Bild vom Bund radikal verändert hatte.
Was waren das für Tätigkeitsfelder?
Ich kann mich nicht mehr genau an das Plakat erinnern, aber da ging es um Krisenbewältigung und Konfiktverhütung, um humanitäre Einsätze, um Ausbilden und Erziehen. Vor allem aber darum, Verantwortung zu übernehmen, was mir sehr wichtig ist.
In welcher Form wirst du Verantwortung übernehmen?
Im Moment bin ich als Zugführer eines Objektschutz-Zuges eingeplant, das heißt ich werde ungefähr 30 Soldaten führen. Objektschützer sind sozusagen die Infanterie der Luftwaffe.
Luftwaffensoldat und trotzdem kein Pilot. Wie hoch ist denn der Anteil an Piloten bei euch?
Puh. Das weiß ich nicht genau in Prozent. Aber sehr wenig. Während meiner militärischen Ausbildung waren in meinem Hörsaal zwei von 24 Lehrgangsteilnehmern für den fliegerischen Dienst eingeteilt, einer für den Jet, einer für die Transall (ein Transportflugzeug der Bundeswehr, Anm. d. Red.).
Für was waren denn die anderen Offizieranwärter eingeteilt?
Eigentlich die ganze Palette, die die Luftwaffe zu bieten hat: Flugabwehr, Führungsdienst, Versorger und natürlich auch Objektschutz, so wie ich.
Und wie ist es für dich als Frau in der Bundeswehr?
Es ist nicht immer leicht, aber eine Herausforderung, die ich immer wieder gerne bewältige. Es ist halt ursprünglich ein Männerberuf mit hohen körperlichen Ansprüchen. Da muss man sich als Frau manchmal doppelt anstrengen. Entscheidend sind aber die Kameradschaft in der Gruppe und der eigene Wille. Wenn es mal belastend wird, und die Kameraden merken, dass du dich anstrengst, dann bekommst du große Unterstützung und schaffst es auch. Getreu unserem Motto: Wer will, der kann.
Liebe Elisabeth, vielen Dank für das Gespräch.
(Text und Foto: Martin Böcker)
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