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Gesellschaft / Meinungen 12.04.09

Wer sind wir eigentlich?

Text: Verena Brändle

Ein Kommentar über die fehlende Identität unserer Generation
Es gibt viele verschiedene Namen für viele verschiedene Generationen: „Baby Boomers", SDS, Hippies, „Generation Golf" und kürzlich erst „Generation Praktikum". Und dann gibt es uns: nicht rebellisch genug und nicht homogen wie  beispielsweise die „Baby-Boomer Generation" aus Amerikas 1950ern. Warum unserer Generation schwerwiegende Identitätsprobleme prophezeit werden müssen, erklärt dieser pessimistische Ausblick.


Es scheint, als seien wir davongelaufen vor dem Schreckensbegriff „Generation Praktikum", eine Generation von Hochschulabsolventen, verdammt zum Dasein als ewiger Praktikant. Das Diplomzeugnis vergilbt an der Wand der kleinen Ein-Zimmerwohnung. Wenn wir also nicht mehr zur „Generation Praktikum" gehören, in welche Richtung sind wir denn davongelaufen? Gab es da eine bestimmte? Das ist eher unwahrscheinlich. Es wirkte doch eher wie eine Flucht in verschiedene Richtungen, aufgeschreckt wie ein Hühnerhaufen. Jede Richtung war gut und billig, solange wir nicht dem Strom hinterher laufen - weil jeder und jede jetzt ein „eigenes Ding macht". Klar. Das heißt übersetzt, dass wir alle versuchen, uns gegenseitig zu übertreffen. Wir möchten uns von der Masse abheben - Was uns in Bezug darauf auch sehr geläufig sein dürfte, ist der Begriff Mainstream, klingt besser, irgendwie verächtlicher. Dennoch, und so hart die Wahrheit auch sein mag, haben wir voll des Drangs nach Individualismus einen neuen, mindestens genauso langweiligen Mainstream geschaffen, in dem wir jetzt wieder das tun, was uns die Masse diktiert. Der einzige Unterschied besteht in der Tatsache, dass wir anstatt für andere auf die Straße zu gehen, uns jetzt um unsere eigenen Interessen kümmern und das mehr denn je.

Gründe für dieses ambivalente Verhalten zu finden, ist nicht unbedingt schwer, wenn man etwas tiefer eintaucht in unsere Welt der Young Professionals, Trainees und High Potentials: Die Angst, nicht gut genug zu sein, beherrscht uns. Hartz IV lässt grüßen - wir werden alle in der Finanzkrise umkommen. Und wenn nicht da, dann beim nächsten Unglück. Wir mussten Katastrophen wie den 11. September 2001 und den Kampf gegen den Terrorismus erleben. Der Irak Krieg 2003 hat uns gezeigt, wie machtlos wir gegenüber denen sind, die die „globalen" Entscheidungen treffen und damit auch, dass unser Individualismus und das Motto „Ich schaffe alles, wenn ich nur will" nicht immer zum Erfolg führen. Diese Ereignisse haben uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und uns die eigene, angebliche Nichtigkeit vor Augen geführt. Sie haben uns anstatt Siegesgewissheit Unsicherheit eingebläut und uns gezwungen, die Bibliotheken zu besetzen, als gäbe es keinen Morgen mehr.

Gewinner oder Verlierer?
Denn nur wer der Welt gewachsen ist, kann in ihr überleben. Das heißt auch: Dem Untergang geweiht ist der, der im Strom mit schwimmt. Er wird erdrückt. Wir bewegen uns also auf dem schmalen Grat zwischen Anpassung und Individualismus.
Bemerkt haben wir jedoch nicht, dass aus dem Individualismus bereits Anpassung geworden ist und die ersten Opfer schon unter Wasser sind. Das heißt, dass diejenigen, die jeder neuen Bewerber- und Jobvorgabe hinterherlaufen, die Verlierer sind. Es ist aber auch verwirrend, wenn zum Beispiel gerade zwei große Unternehmen Hochschulabsolventen ein ganz unterschiedliches Bild vom perfekten Bewerber vorzeichnen. So rekrutiert Aldi zum Beispiel vor allem Wirtschaftswissenschaftler mit dem Slogan: „Karriere ist eine Gerade". McKinsey, jedoch, wirbt um alle und jeden Hochschulabsolventen mit „Jeder will die Besten. Deshalb will McKinsey die Außergewöhnlichen." Was sollen wir denn jetzt glauben? Wie außergewöhnlich müssen und können wir überhaupt sein? Den Bachelor schnell durch zuziehen, um jung, formbar und damit willig zu bleiben, ist eine Möglichkeit. Und was passiert dann mit uns? Genau das ist das Dilemma, in dem wir uns gerade befinden. Geben wir uns der Leistungsgesellschaft hin, gefährden wir uns selbst. Also versuchen wir mit dem „Anderssein" uns aus der Menschenmasse hervor zutun, streben immer höher und weiter und verbiegen uns am Ende mit großer Wahrscheinlichkeit.

Der berufliche Erfolg konkurriert mit dem Wert der Selbstbestimmung. Laut Shell Studie 2006 möchten die 15- bis 25-Jährigen heute neben der Topkarriere auch noch das Topaussehen. Gut, das will jeder, aber wenn das die Punkte ganz oben auf der Wunschliste sind, dann sieht es ganz schnell düster aus. Laut dem „Hamburger Abendblatt" belegt eine Studie der Wiener Personalberatung Neumann International deutlich den Zusammenhang zwischen Spaß am Beruf, den individuellen Stärken und dem Willen, Verantwortung im Job zu übernehmen. Die Komponenten bedingen sich gegenseitig. Angenommen wir steigen bei Aldi oder McKinsey ein, weil sich das nun mal gut anhört, finden das Künstlerdasein als Komponist sphärischer Klänge aber viel besser, so schnappt die Falle unweigerlich zu: Der Job macht keinen Spaß und wir möchten keine Verantwortung übernehmen. Neben der Tatsache, dass die Qualität deutscher Führungskräfte damit sinkt, bekommen wir schwerwiegende Identitätsprobleme, weil wir uns selbst übergangen haben.

Abschließend muss man sich wohl eingestehen, dass uns Metaphern nicht weiterbringen, dass Pauschalisierungen unfair sind und dass Eindrücke nur durch Erfahrungen entstehen. Vielleicht sollten wir also einfach aufhören, uns vor der Welt zu fürchten. Immerhin sind wir in der Position, sie mitzugestalten. Wieso sollten wir uns vor etwas fürchten, das wir selbst schaffen, ganz wie Frankenstein sein Monster? Wenn wir dort angelangt sind, ist es vermutlich schon zu spät. Dennoch, einmal durchatmen und darauf zu hören, was man selbst eigentlich will, hilft wenigstens, zu uns selbst zu finden. Selbstbestimmung scheint uns fremd geworden zu sein. Denn, mal ehrlich, auf die Frage „Wer sind wir eigentlich?" müssen wir ganz offen antworten: „Wir wissen es nicht."

(Text: Verena Brändle)

Kommentare

avatar Katrin K.
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Super Text! Sehr interessante Ausführung und sooooo wahr! Man sollte wirklich darüber nachdenken und dazu wird man durch deinen Text angeregt. Bravo :)
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