Gesellschaft / Meinungen 30.06.09
Text: Steffi Geihs
„Für seine Fans war er der King of Pop." Mit diesem Satz begann die Tagesschau des 26. Juni 2009 zur besten Sendezeit um acht Uhr abends. Danach sah man Bilder von der Schweigeminute des US-Kongresses (!) und einen Beitrag über Jacksons Leben. Es folgte eine Live-Schaltung nach Los Angeles. Eine Korrespondentin stand vor der Absperrung von Michaels Wohnhaus und erzählte sowohl von der Polizeiarbeit wie auch von trauernden Anhängern. Erst nachdem Sprecher Thorsten Schröder - nach viereinhalb Minuten, also einem Drittel der gesamten Zeit - eine Sondersendung plus anschließender Konzertaufzeichnung angekündigt hatte, folgte die Berichterstattung über Merkels Besuch in Washington. Schon klar, dass sie sich hinter der musikalischen Berühmtheit einreihen musste, hatte sie mit Obama doch ohnehin nur belanglose Dinge auf der Tagesordnung. Den Nahostkonflikt beispielsweise, Klimaschutz, Guantánamo und Afghanistan. Auch was danach kam, war (anscheinend) weit weniger relevant. Es drehte sich lediglich um den Iran, in dem sich gerade ein ganzes Volk erhebt und um sein Recht auf Freiheit kämpft. Sowie um eine Anschlagsserie in Bagdad, der in den letzten Tagen fast 200 Menschen zum Opfer fielen. Keine Popstars wohlgemerkt. Noch später nach der Jacksonaufregung kam ein Report über die Mehrwertsteuer-Diskussion. Eine vernachlässigbare Angelegenheit, die uns alle direkt betrifft und die finanz-schwächeren Mitglieder unserer Gesellschaft vor Schwierigkeiten stellt. Mehr nicht.
Die Tagesschau steht mit ihrer seltsamen Prioritätenliste nicht alleine da, Michael Jackson war den ganzen Tag über präsent. Egal ob in den großen Online-Zeitungen oder im Rundfunk: seiner Musik, den Nachrufen und Informationswellen konnte man nicht entkommen. Überall war der Tod des Entertainers der Aufmacher, tagelang zierte sein Konterfei die Titelseiten. Der Radiosender Bayern 5 Aktuell ließ sich sogar dazu hinreißen, den törichten Satz „It´s the day the music died" zu zitieren. Vielleicht habe nur ich es noch nicht mitbekommen, aber - meiner bescheidenen Meinung nach - lebt die Musik, definitiv. Solche Sätze wären selbst beim Tod von Mozart oder Beethoven vermessen gewesen. Aber bei Michael Jackson?
Damit es klar wird: Sein Tod ist durchaus tragisch und kam viel zu früh. Michael Jackson war eine herausragende Persönlichkeit und einer der erfolgreichsten Musiker unserer Zeit. Rund um den Globus konnte er Menschen für sich und seine Lieder begeistern. Jede Trauer ist berechtigt. Aber uns bedrängen andere Probleme. Menschenrechtsverletzungen, Klimakatastrophe, Weltwirtschaftskrise - um nur drei Schlagworte zu nennen. Außerdem sterben täglich Menschen: unbekannte Helden des Alltags, Wissenschaftler, Politiker, Nobelpreisträger. Großartige Leute, die sich um unser Gemeinwohl verdient gemacht haben. Aber deren Tod stellt eine Randnotiz dar. Bestenfalls.
Etwas Seltsames geht vor. Leise, schleichend haben sich unsere Prioritäten verschoben. Die Aufgaben, die wir bewältigen müssen, sind immens. Aber statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, werden wir mit Banalitäten drangsaliert. Wir bekommen keine „echten" Meldungen mehr, weil wir über den Tod eines (durchaus umstrittenen) Pop-Künstlers diskutieren. Das scheint genau die Art Gedanken zu sein, mit der sich ein Großteil der Bevölkerung beschäftigen möchte. Michael Jackson, Britney Spears, Boris Becker - das reicht dann auch schon. Dabei gibt es sie noch, diese vom Aussterben bedrohte Rasse, die mehr wissen will und sich nicht mit Klatsch über Paris Hilton abspeisen lässt. Aber sie muss sich endlich widersetzen, muss sich wehren gegen das Bombardement an Bedeutungslosigkeiten, dem wir täglich ausgesetzt sind. Schluss damit! Wir müssen lernen, uns auf die essentiellen Dinge zu konzentrieren. Dann bekommt Michael Jackson eine kurze Würdigung in den Medien. Wir gedenken seiner und bewundern sein Lebenswerk. Doch anschließend wenden wir uns anderen Themen zu. Jenen, die wirklich wichtig sind.
(Text: Steffi Geihs)
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Kommentare
Meiner Meinung nach ist es nicht ok, was die Presse alles zu Stories macht (ist er jetzt der Vater seiner Kinder oder nicht, wer erbt wie viel, welche Schulden hatte michael etc etc), aber dass die Tagesschau am Todestag so viel über ihn berichtet hat, finde ich durchaus in Ordnung. Die darauffolgenden Tage ist die Berichterstattu ng dort ja wieder zurückgegangen. Da der Tod Michael Jacksons die meisten Zuschauer mehr bewegt als die Situation im Iran (etc.), fand ich es auch angemessen, Michael an Platz eins zu setzen.