Gesellschaft /
Menschen
31.01.09
Text:
Kristin Heck
Der deutsche Journalist und Autor Boris Reitschuster ist Russland-Korrespondent für den FOCUS. Exklusiv hat er mit back view-Redakteurin Kristin Heck über seinen Arbeitsalltag und sein Leben in Russland gesprochen. Dieses Leben ist "spannender als die meisten anderen Korrespondentenplätze", aber oft auch nicht ganz ungefährlich.
back view: Wie fanden Sie ihren Weg zum Journalismus und letzten Endes zum FOCUS?
Boris Reitschuster: Nach meiner Dolmetscher-Ausbildung in Moskau arbeitete ich als Übersetzer auch fürs Fernsehen. Das war der erste Kontakt mit dem Journalismus. Ich fand Gefallen daran, schrieb einfach ein paar Zeitungen an und bat ihnen Artikel an, baute mir auf diese Weise einen kleinen „Bauchladen" aus verschiedenen Blättern auf. Dann machte ich ein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen, wechselte von dort zu dpa und AFP, und irgendwann wurde der Focus darauf aufmerksam, dass es da vor der Haustür einen Journalisten gibt, der sehr gut russisch spricht.
Viele junge Journalisten möchten gerne Auslandskorrespondenten werden, allerdings hört man dabei selten Russland als künftigen Traumarbeitsplatz. Was reizt Sie persönlich an Russland?Ich liebe Land und Leute, sie sind für mich zur zweiten Heimat geworden. Der Humor der Russen ist sprichwörtlich, ihre lockere Lebensauffassung, ihre Emotionalität, die berühmte russische Seele. Russland ist spannender als die meisten anderen Korrespondentenplätze, ich glaube, man erlebt hier in einem Monat mehr als in Italien in einem Jahr. Aber natürlich braucht man auch ein starkes Nervenkostüm. Die unglaubliche Bürokratie, die Willkür des Staats und seiner Beamten, sie setzen einem sehr zu. Es ist sehr spannend in Moskau, aber nicht immer sehr gemütlich.
Wie unterscheidet sich das Leben in Russland vom Leben in Deutschland? Ziehen Sie eines dem anderen vor?Dinge, die in Deutschland quasi nebenbei laufen und kaum Aufmerksamkeit erfordern, rauben einem in Russland einen Großteil der Zeit: Allein für den Mietvertrag muss man so viele Dokumente besorgen, dass die Liste ein ganzes DIN-A-4-Blatt umfasst. Man ist ständig im Papierkrieg mit Behörden, Ämtern, etc. Das Ausmaß, das der Bürokratiewahnsinn erreicht, ist enorm. Moskau platzt aus allen Nähten, U-Bahn und Straßen sind überfüllt, die Luft ist schlecht, Freizeitangebote sind rar und extrem teuer. Dafür kann man rund um die Uhr einkaufen, hat ein unglaubliches kulturelles Angebot. Insgesamt würde ich es so sagen: Wo es um den öffentlichen Raum geht, ist das Leben in Russland härter und schwieriger als in Deutschland, wo es ums Private und zwischenmenschliche Beziehungen geht, ist das Gegenteil der Fall: Die Herzlichkeit der Menschen, ihr Humor, ihre Leichtigkeit, ihre Emotionalität machen das Land sehr liebenswert.
Wie lässt sich bei Ihnen Arbeit und Privatleben vereinen?Oft sehr schwer. Irgendwie steht man ständig unter Strom. Selbst im Urlaub ist man nicht davor sicher, dass man plötzlich zurückgerufen wird – wie beim Geiseldrama im Musical „Nord-Ost" in Moskau 2002; ich war damals in Italien im Urlaub und musste gleich in das nächste Flugzeug.
Aus einem Vortrag von Ihnen weiß ich, dass es bei Ihrer Tätigkeit als Journalist schon mal brenzlig werden kann. Wie sind die Arbeitsbedingungen in Russland?Schwer. Ich bekam Morddrohungen, auch von offizieller Seite, wurde von einem der größten Boulevard-Blätter in die Nähe der Spionage gestellt, in Blogs auf staatlichen Seiten werde ich schon mal als Saujude, Goebbels und Münchhausen geschimpft, ich wurde schon eingesperrt und zweimal rüde von der Polizei angegriffen, einmal sogar absichtlich mit dem Auto angefahren, und alles blieb ohne juristische Folgen, obwohl sich die deutsche Botschaft einschaltete. Das Signal ist klar: Journalisten sind quasi Freiwild. Kein Wunder, werden kritische Stimmen doch in den gesteuerten Medien gezielt und penetrant als Feinde Russlands hingestellt.
Pressefreiheit ist ja schon in Deutschland ein Thema für sich, wie sieht es damit in Russland aus?Sehr schlecht. Hier herrscht in großen Teilen der Bevölkerung, vor allem im Kreml, noch das alte sowjetische Verständnis von Journalisten – dass sie ein Propaganda-Instrument der Regierung sind. Viele russische Journalisten sehen das genauso und halten es für eine Illusion, dass es kritischen Journalismus geben kann. Die glauben mir dann nicht, dass ich einen Artikel schreiben kann, der meine eigene Meinung widergibt und nicht das, was der Chefredakteur oder die Regierung befohlen hat. Es gibt noch Inseln des freien Journalismus in Russland, aber wer da arbeitet, hat es schwer. Wirtschaftlich, aber auch noch grundlegender: Russland ist eines der Länder, in denen am meisten Journalisten getötet werden. Beim Mord etwa an Anna Politkowskaja spricht viel dafür, dass die Behörden verwickelt waren. Meine Bücher konnten bisher nicht in Russland erscheinen; es fand sich kein Verleger, alle haben Angst, und auch mir sagte man, es sei lebensgefährlich, wenn meine Bücher auf Russisch erscheinen.
Regierungswechsel in 2008: Dmitri Anatoljewitsch Medwedew ist neues Staatsoberhaupt. Inwieweit ist der Wechsel merkbar und welchen Einfluss hat Putin als Premierminister in der jetzigen Regierung?Das ganze ist wie in der Fahrschule: Formal ist Medwedew am Steuer, aber den Kurs gibt der „Fahrlehrer" Putin an, und er hat auch Ersatzpedale, kann jederzeit in die Bremse und ans Steuer greifen, den Fahrschüler zur Not auch rausschmeißen. Auf dem Rücksitz sitzen als Prüfer die großen Clans, die alten aus der Jelzin-Zeit und die neuen, Putins Geheimdienst-Freunde. Demokratisch wird Russland auch unter Medwedew nicht von heute auf morgen werden. Es besteht zwar etwas Hoffnung, dass Medwedew mit seinem Bekenntnis zum Rechtsstaat und Reformen etwas ernster meint als Putin, der acht Jahre lang hehre Worte wiederholte und in vielem das Gegenteil tat. Für einen wirklichen Wandel aber fehlt Medwedew bislang der Handelsspielraum.
Proteste und Demonstrationen gegen den Kreml gehören derzeit zur Tagesordnung. Wie sinnvoll bzw. wirkungsvoll sind diese Proteste? Vertreten die Demonstranten eine mehrheitliche Meinung in Russland?Nur eine verschwindende Minderheit der Russen weiß überhaupt etwas von diesen Protesten. Im Fernsehen werden sie weitgehend totgeschwiegen, oder die Demonstranten werden zu Handlangern der USA und feindlicher Kräfte erklärt. Das Fernsehen ist stramm gesteuert, die Nachrichten sind Putin- und Medwedew-Superman-Shows und spiegeln den Menschen eine falsche Realität vor. Dieses Propaganda-Fernsehen anzusehen ist schmerzhaft und bitter. Aber es wirkt. Mit der Krise, die jetzt ausgebrochen ist, wird es für das Fernsehen allerdings immer schwerer werden, die Menschen zu manipulieren und die Probleme zu verschleiern. Es gibt immer mehr Protestaktionen. Als jetzt in Wladiwostok die Menschen gegen höhere Importzölle für Autos protestierten – von deren Import leben dort viele Menschen, musste der Kreml Sondertruppen der Polizei 6400 Kilometer weit von Moskau einfliegen lassen – weil sich die örtliche Polizei weigerte, die Demonstrationen brutal niederzuknüppeln. Das offizielle Moskau erklärte die Demo zu einer Aktion ausländischer Geheimdienste mit dem Ziel, den Fernen Osten von Russland zu lösen. Das erinnert an die Sowjetunion und DDR in der Endphase, als die Machthaber schon sehr losgelöst waren von der Realität.
Die zwei neuesten Bücher von Boris Reitschuster, erschienen im Econ-Verlag:
Putins Demokratur. Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt (2006)
ISBN 978-3430200066
Der neue Herr im Kreml. Dimitrij Medwedew (2008)
ISBN 978-3-430-20049-3(Interview: Kristin Heck, Foto: Igor Gavrilov)
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