Kultur / Bildung 19.12.09
Text: Timo Brücken
Interview mit dem Protestforscher Dieter Rucht
back view: In vielen besetzten Hörsälen gibt es Putzpläne, eine feste Nachtruhe oder strikte Mülltrennung. Sind die heutigen Studenten in ihrem Protest zu brav?
Dieter Rucht: Dass die Studenten ihre Hörsäle aufräumen und kein Chaos hinterlassen, würde ich nicht gleichsetzen mit „brav sein". Es gibt einen Unterschied zwischen dieser Disziplin, die vor allem einen positiven öffentlichen Eindruck erzeugen soll, und der „Bravheit" von Aktionen. Man kann ja durchaus den Hörsaal putzen und danach eine sehr offensive oder gar militante Aktion starten. Allerdings fallen die Aktionen insgesamt doch sehr maßvoll aus. Es gibt eine gewisse Scheu, Regeln zu durchbrechen und zu offensiveren Protestformen überzugehen. Das war übrigens auch schon bei den Studentenprotesten vergangener Jahrzehnte so, abgesehen von den 60er Jahren.
In über 50 Uni-Städten wurden Hörsäle besetzt. Die Streikenden sind untereinander über Twitter und Co. sehr gut vernetzt. Kann man da schon von einer neuen Studentenbewegung sprechen?
Dieses Wort kann man sehr vielseitig deuten: Wenn man darunter eine Bewegung in der Größenordnung der 60er Jahre versteht, dann nicht. Ich würde es eher als eine Welle von Studentenprotesten bezeichnen.
Was fehlt denn zu einer wirklichen Bewegung, wie zum Beispiel den 68ern?
Man kann eine soziale Bewegung zum Beispiel abgrenzen von einer politischen Kampagne, die zeitlich und thematisch begrenzt ist. Eine Bewegung zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel anstrebt oder sich einem solchen Wandel widersetzt. Davon kann man mit Blick auf die aktuellen Studentenproteste eigentlich nicht sprechen. Einzelne Aktivisten mögen vielleicht einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel im Kopf haben, aber die öffentlichen Forderungen beziehen sich primär auf die Hochschulen und gehen nicht sehr weit darüber hinaus. Also ist es eher eine politische Kampagne als eine soziale Bewegung.
Sind die Protestierenden nur eine radikale Minderheit oder steht die Mehrheit in Wirklichkeit hinter ihren Forderungen, vielleicht ohne es zu merken?
Nur eine Minderheit unter den Studierenden beteiligt sich. Das sieht man an den Demonstrantenzahlen. Wenn man von zwei Millionen Studierenden in ganz Deutschland ausgeht, wird sichtbar, dass wirklich nur ein kleiner Teil aktiv geworden ist. Man sieht es auch daran, dass an allen bestreikten Hochschulen in der Regel nur die größten Hörsäle besetzt sind, während der Lehrbetrieb insgesamt ziemlich ungehindert weiterläuft. Ein Großteil der Studenten verhält sich gegenüber dem Streik passiv, aber sicher sympathisiert mehr als nur eine Minderheit mit den Protesten. Diese Leute sagen zwar „Ihr habt recht.", aber beteiligen sich nicht persönlich, aus welchen Gründen auch immer.
Bildungspolitiker und Hochschulrektoren haben Zugeständnisse gemacht. Ist das ein wirkliches Entgegenkommen oder nur ein Trostpflaster, damit die Studierenden Ruhe geben?
Ich würde fast sagen, es ist beides. Auf der einen Seite sind es zum Teil nur symbolische Aktionen und rhetorische Zugeständnisse. Man schiebt die Probleme erst einmal auf die Wartebank und sagt „Wir werden uns darum kümmern". Da ist dann völlig offen, was daraus wird. Ich habe den Verdacht, dass der Großteil dessen, was jetzt angekündigt wird, zu wenig konkreten Verbesserungen führen wird.
Auf der anderen Seite ist insgesamt erkannt worden, dass an den Hochschulen doch einiges verändert und verbessert werden muss. Dafür war der Bildungsstreik sehr wichtig. Und auch die fachliche Kritik, zum Beispiel von Hochschullehrern und Unipräsidenten, hat dazu beigetragen. Erst die Verbindung dieser beiden Elemente, Streik und Kritik aus höheren Ämtern, hat für Druck gesorgt. Und die Einsicht, dass sich etwas tun muss, ist jetzt bei vielen Politikern vorhanden. Wie weit sie sich jedoch in konkretes Handeln übersetzt, ist offen. Besonders, weil viele der Forderungen ja mit erheblichen Kosten verbunden sind: Es kostet zwar fast nichts, Prüfungsordnungen oder Lehrpläne zu entschlacken, aber besser ausgestattete Bibliotheken oder eine bessere Relation von Lehrenden und Lernenden sind sehr teuer.
Wie erfolgsversprechend sind die aktuellen Studentenproteste überhaupt? Wird sich wirklich etwas ändern?
Nein, es wird nicht zu einer wirklich markanten Verbesserung der Lage an den Hochschulen kommen, weil dafür das Geld fehlt. Allerdings gibt es punktuelle Fortschritte, zum Beispiel bei der Organisation der Master-Studiengänge. Alles was wenig kostet, wird eher umgesetzt. Die Dinge, die viel kosten, werden hingegen auf der Strecke bleiben.
Dieter Rucht forscht am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung der Freien Universität Berlin (WZB) über die Zivilgesellschaft und verschiedene Formen der politischen Beteiligung in Europa.
(Interview: Timo Brücken / Foto: Joris Sprengel by jugendfotos.de)
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titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
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