Gesellschaft / Brennpunkte 01.08.10
Text: Julia Nix
Kommentar einer Duisburgerin zur Massenpanik auf der Loveparade
24. Juli, Samstagnachmittag. 15 Uhr. Duisburg feiert die größte Party des Jahres. Meine Mutter und ich sitzen vor dem Fernseher und schauen die Übertragung der Loveparade. Wir amüsieren uns über die teils ausgeflippten und manchmal recht spärlich ausfallenden Kostüme der Technofans. Einem Kollegen, der auf einem Wagen mitfährt, schicke ich eine flapsige SMS: „Tanz mir den Float, Baby." Die Handynetze sind bereits jetzt gut ausgelastet, eine Antwort bekomme ich nicht.
Eine Stunde später auf dem Heimweg kommt mir eine Kolonne von Polizeifahrzeugen entgegen. „Etwas spät", denke ich, immerhin ist die Loveparade kurz davor, ihren Höhepunkt zu erreichen. Die Radiomoderatoren weisen beharrlich auf die Abschlusskundgebung hin, bei der David Guetta als Headliner auflegen soll. Ich höre „Sky and Sand" von Paul Kalkbrenner. Perfekt für eine Autofahrt während dieses beschwingten Sommertages, an dem die Menschen in meiner Heimatstadt so fröhlich feiern. „Warum wir die Masse lieben" titelt die Zeitung meines Vertrauens an diesem Tag.
Ortswechsel: Eine halbe Stunde später bin ich daheim eingetroffen, plötzlich laufen Eilmeldungen über den Fernseher. Von zehn Toten auf der Loveparade ist plötzlich die Rede, das Wort „Massenpanik" steht im Raum. Ich kann es nicht begreifen, dass sich das gerade wirklich in meiner Heimatstadt abspielen soll. Dann der Griff zum Telefon. Kollegen und Freunde sind an diesem Tag auf der Loveparade unterwegs.
Der Anruf meiner Tante, die gerade in Berlin unterwegs ist macht mir die Dramatik der Situation bewusst. Nur durch Zufall oder Faulheit bin ich an diesem Tag nicht auf dem Gelände. Ich frage bei den Kollegen nach, ob jemand was von den Fotografen gehört hat, die in der Menge unterwegs waren.
Niemand weiß etwas Genaues, und so verbringe ich den mit Freunden geplanten Grillabend eher vor dem Fernseher und zappe durch die Nachrichtensender, die aktuell berichten. Die Zahl der Toten und Verletzten wird stetig nach oben korrigiert. Den Moderatoren vom Westdeutscher Rundfunk, die darauf eingestellt waren, von einer Megaparty zu berichten, ist das Entsetzen über das Geschehene anzusehen.
Moderatorin Sabine Heinrich hat sich über Ihr fröhliches T-Shirt eine schwarze Jacke gezogen, von der Unbeschwertheit der vergangenen Stunden keine Spur mehr. Die Kollegen meistern die Umstellung mit Bravour, über diese Professionalität kann ich mich jedoch nicht so recht „freuen". Auch Stunden nach dem Unglück ist nicht klar, ob alle Bekannte von mir unversehrt vom Gelände gekommen sind. Gegen ein Uhr nachts erhalte ich schließlich die erlösende SMS: Es geht allen gut.
Der Blick zurück
Eine Woche nach den tragischen Ereignissen auf der Loveparade haben viele Trauernde ihre Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht und Plakate, Kerzen, Blumen oder Stofftiere an den Ort getragen, an dem am 24. Juli 2010 21 Menschen ums Leben kamen und über 500 verletzt wurden. Jung und Alt pilgern zu der Stätte, die die Schleuse zu dem Großereignis war. Unklar ist nach wie vor, wer die Verantwortung für die Katastrophe übernehmen wird.
Immer noch reißt der Strom der Menschen, die zum Tunnel an der Karl-Lehr-Straße kommen, nicht ab. Viele legen Blumen nieder oder zünden Kerzen an. Auf den Plakaten machen viele ihrem Unmut Luft, dass auch nach über einer Woche niemand bereit ist, für die Katastrophe Verantwortung zu übernehmen. "Nun kennt uns die halbe Welt - aber zu welchem Preis!" ist an einem Zaun unmittelbar vor dem Eingang zum Tunnel zu lesen. "Paul hat mehr Rückgrat" steht auf einem anderen Plakat, das auf WM-Orakel Krake Paul anspielt. "Schande" säumt den Weg von Anfang bis Ende des Tunnels, der so viele an diesem Tag zum verhängnisvollen Nadelöhr wurde.
Eigentlich sollte der 24. Juli ein fröhlicher Tag für die teils von weit her angereisten Raver und die Stadt Duisburg werden. Viel erhofft hatte sich die Stadt von dem Großereignis, das viele Jahre in Berlin beheimatet war. Die Loveparade sollte Geld in die Stadtkassen spülen und die Aufmerksamkeit auf Duisburg lenken.
Aufmerksamkeit für eine Stadt, die sich mit ihrem Image schwer tut. Lange war das Stadtbild geprägt von der Montanindustrie. Nicht schön und irgendwie ein bisschen schmuddelig - keinesfalls der beste Ruf für eine Stadt, die den Niederrhein mit dem Ruhrgebiet verbindet. Erst recht nicht dazu geeignet, um Besucher in die Stadt zu locken, dachten doch viele bei der Ruhrgebietsstadt nur an "Türken und Schimanski".
Dies sollte sich nun unter anderem 2010 mit der Teilnahme an „RUHR.2010 - Kulturhauptstadt Europas" und der Ausrichtung der Loveparade ändern. Lange stand wegen der schlechten finanziellen Lage der Stadt in den Sternen, ob die Loveparade überhaupt finanziert werden könne. Groß waren daher Jubel und Erleichterung, als die Stadt schließlich ausreichend Sponsoren fand, um die Großveranstaltung zu stemmen.
Die einstige Freude darüber, die Loveparade ausrichten zu können, ist nach den tragischen Vorfällen maßlosem Entsetzen gewichen, ist die Stadt Duisburg nun doch untrennbar mit der Loveparade-Katastrophe verbunden. Duisburg ist jetzt ebenso wie Eschede oder Winnenden mit einem höchst tragischen Ereignis verknüpft, das mit Sicherheit in einem Atemzug mit dem Stadtnamen genannt werden wird. Scham und Entsetzen macht sich breit in der Stadt.
Scham und Entsetzen darüber, dass auch nach über einer Woche nach der Massenpanik niemand die Verantwortung übernehmen möchte, weder die Stadtverwaltung noch der Veranstalter. Die Wut der Bevölkerung richtet sich dabei gegen Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der sogar Morddrohungen erhalten haben soll. Rücktrittsforderungen werden laut, die Linke hat währenddessen für die Ratssitzung am 4. Oktober einen Antrag auf Abwahl des Oberbürgermeisters gestellt.
Für die Stadt Duisburg ist die Loveparade zum Totentanz geworden. Wer die Verantwortung dafür übernehmen muss, das werden schließlich wohl die Gerichte entscheiden müssen. Auch, wenn Duisburg nicht die schillernste, die vorzeigbarste Stadt an Rhein und Ruhr ist, so war ich immer stolz darauf, diese Stadt als meine Heimat zu nennen. Momentan fällt es jedoch schwer, mit einem Auto mit Duisburger KFZ-Kennzeichen unterwegs zu sein.
Einige Duisburger haben einen Trauerflor an ihren Wagen angebracht. Traurig wenn man bedenkt, dass viele noch während der WM euphorisch und voller Stolz mit Deutschland-Fahnen durch die Straßen fuhren. Dieses Gefühl werden die Duisburger vermutlich lange nicht mehr verspüren. Stattdessen hofft eine ganze Stadt mit gesenktem Kopf Tag für Tag darauf, dass sich endlich jemand für die desaströse Planung verantwortlich zeigt.
(Text und Fotos: Julia Nix)
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Der amerikanische Blick auf Europa |
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