Gesellschaft /
Menschen
05.08.09
Text:
Robert Reiche
Geschichte eines Volksfestes
Jedes Jahr im Juli ist es soweit: Der Memminger Stadtbach muss gereinigt werden. Und zu diesem Zweck springen jedes Jahr hunderte Fischer ins kühle Nass, um die dort lebenden Fische zu fangen. Der Fischertag, dessen Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen, ist bis heute eines der traditionsreichsten Volksfeste Deutschlands.

Die Geschichte des Memminger Fischertages geht zurück bis ins Jahr 1465. Ein florierender Gerberhandel entwickelte sich zu dieser Zeit i n der freien Reichsstadt in Schwaben. Die Bearbeitung der Felle benötigt große Mengen an Wasser, welches die Memminger Ach lieferte. In dem Stadtbach wurde jedoch auch bald der anfallende Müll entsorgt, was dazu führte, dass einmal jährlich das Gewässer komplett abgelassen und gesäubert werden musste. Hier liegt der Ursprung des Memminger Fischertages: Jedes Jahr war es an den Gesellen einer der vielen Memminger Zünfte den Stadtbach vor der Trockenlegung leerfischen.
Was damals noch dem funktionalen Zweck der Reinigung und Erneuerung des Bachbettes diente, hat sich seit dem 19. Jahrhundert zu einem traditionsreichen Volksfest entwickelt. Das „Ausfischen" ist bis heute Hauptbestandteil des Festes, jedoch kamen über die Jahre weitere Veranstaltungspunkte hinzu .
Einen Tag vor dem Fischertag wird das Fischerfest offiziell durch den „Stadtbüttel" (hochdeutsch: Stadtwächter) auf dem Marktplatz ausgerufen. Es folgt ein Festumzug in historischen Kostümen durch die Memminger Altstadt, der am Fischerbrunnen von Max Pöppel endet. Danach wird die ganze Nacht in der Stadt gefeiert. Dies hat sich in den letzten Jahren zu einem riesigen Fest ausgeweitet, in dem Musikbands und Künstler bei gutem Wetter vor den Lokalen der Altstadt auftreten und ein geselliges Beisammensein in der gesamten Innenstadt ermöglichen.

Am Fischertag treffen sich die „Memminger Fischer" um sieben Uhr morgens, um als Fischerzug und von Kapellen begleitet durch die Stadt zu ziehen und eine möglichst gute Stelle zum Reinspringen oder „nei-jucka" zu finden. Hierbei wird die Länge des Stadtbachs von knapp zwei Kilometer voll ausgenutzt, und rund 1500 Fischer versuchen ihr Glück. Schon am Vorabend, besonders aber am frühmorgendlichen Umzug geben die Memminger ihre traditionellen Fischerlieder zum Besten. Der markanteste Spruch hierbei lautet „Schmotz Schmotz, Dreck auf Dreck, Schellakeenig, wiaschte Sau". Der Memminger Dialekt entpuppt sich hierbei oft als schwer verständlich, wenn die Rufe durch die Straßen gellen. Dennoch ist der unverwechselbare Gesang fester Bestandteil des Fischerfestes, und so stimmen auch stets Besucher von außerhalb gerne mit ein.

Für die Teilnahme am Fischertag gelten feste Regeln: Lediglich männliche Fischer, die seit mindestens zehn Jahren in der Stadt Memmingen wohnen dürfen teilnehmen. Außer den „Fischern" gibt es aber noch eine weitere Teilnehmergruppe, die enorme Verantwortung trägt: die „Kübelesträger". Diese sind das Gefolge der Fischer und positionieren sich am frühen Morgen mit Kübeln und Wannen am Bach, um dort die gefangenen Fische aufzubewahren. Neben denen, die aktive am Geschehen beteiligt sind, ist der Bach am Morgen des Fischertages auch von Zuschauern umgeben, die sich das jährliche Spektakel nicht entgehen lassen möchten.
Um Punkt acht Uhr morgens ist es dann schließlich soweit: Auf einen enormen Böllerschuss hin, der durch die gesamte Innenstadt hallt, springen alle Fischer ins Wasser und versuchen ein möglichst großes Exemplar der dort heimischen Forellen zu fangen. Das Fischerwerkzeug ist hierbei ein so genannter „Bär", ein Netz in Form eines Halbkreises, das an einem Stock befestigt ist. Das Wasser wird sofort von den „Bären" durchstreift und nach meist wenigen Sekunden kann man bereits die ersten Schreie der Fischer vernehmen, die erfolgreich waren. Dann ist nur noch ein „Aiaiaiaiaiaiai" aus dem Bach zu hören und die Fischer bringen ihre Beute an den Rand, um sie den Helfern zu übergeben.

Das gesamte Spektakel zieht sich über eine halbe Stunde hin, bis viele Fischer zum Ende hin noch unter die Brücken des Baches waten, um die sich dort versteckenden Fische zu fangen. Dann beginnen die Fischer langsam, sich um ihren Fang zu kümmern und die Fische in Wannen zu den betreuten Tötungszelten zu bringen.
Wer denkt, dass er ein besonders großes Exemplar gefangen hat, kann dieses im Laufe des Vormittages auf den Marktplatz zum Wiegen bringen. Wer hierbei den größten Fisch, die so genannte Königsforelle gefangen und abgegeben hat, wird auf einer darauf folgenden Feier offiziell zum Fischerkönig für ein Jahr gekrönt. Dieser bekommt für das Königsjahr auch noch einen passenden Namen verliehen. Der diesjährige Fischerkönig Thoran I. „der Aufklärer" löste den Vorjahreskönig Joachim I. „den Saubermann" ab. Am Abend wird der Fischerkönig schließlich noch der Bevölkerung während eines weiteren Umzuges vorgestellt. Noch am selben Tag wird das Fischerfest wieder für beendet erklärt und es beginnt ein Jahr des Wartens auf die nächste Runde im Traditionsfest der Stadt Memmingen.
(Text / Fotos: Robert Reiche)
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