Gesellschaft / Menschen 24.03.10
Text: Sebastian Helwig
Gerüchten zufolge tragen sie gern Wollsocken, meiden Partys und zeichnen sich durch eine eher ernste Miene aus - außer, wenn sie gerade inbrünstig Gitarre spielen. In ihrer Freizeit debattieren sie gerne über dogmatische Probleme - natürlich bevorzugt in Latein. Frauen sind toleriert, aber doch eher die Ausnahme. Und auch sonst ist man konservativ und belächelt das bunte Treiben in der Welt.
Theologiestudierende begegnen oft seltsamen Assoziationen, wenn sie von ihrem Studienfach berichten. Dabei sind sie keinesfalls solche Außenseiter: Etwas unter Zehntausend liegt die Zahl der evangelischen Theologiestudieren in Deutschland. Die meisten von ihnen wollen Religionslehrer werden, doch auch Pfarrerinnen und Pfarrer befinden sich hunderte in Ausbildung. Wobei die künftigen Pfarrerinnen in der Mehrheit sind, sie haben ihre männlichen Kommilitonen schon seit Jahren zahlenmäßig überholt. Doch wie wird die Kirche des 21. Jahrhunderts aussehen, in der sie arbeiten werden? Was denkt der theologische Nachwuchs?
"Unsere Welt wird schneller - wir sollten davor aber keine Angst haben" - Jan Ehlert blickt zuversichtlich auf die Zukunft der Kirche. „Als die Eisenbahn Einzug in den Personentransport hielt, hatten die Menschen Angst vor der hohen Geschwindigkeit, heute wissen wir, dass 30 km/h kein Gefahr darstellen. Der Mensch ist zu mehr fähig, als er glaubt. Wir müssen nur Verhaltensweisen entwickeln, mit den neuen Gegebenheiten umzugehen - auch als Kirche." Jan studiert evangelische Theologie in Bonn und ist im Leitenden Gremium des „Studierendenrat Evangelische Theologie", kurz SeTh. "Der Studierendenrat Evangelische Theologie ist die bundesweite Interessenvertretung evangelischer Theolgiestudierender", so formulierte man in der Satzung von 1995. „Heute, 15 Jahre später, sind wir weitaus mehr." ergänzt Jan - und hat damit recht: Wer sich auf die Suche nach einem Ansprechpartner für die "Theos" von heute macht, landet schnell auf der Webseite theologiestudierende.de . Die Web-2.0-Homepage ist als Anlaufstelle für Theologiestudierende und Interessierte konzipiert, hat ein Wiki für Studienorte, Diskussionsforen und ein Blog mit Themen aus Kirche und Gesellschaft. „Als ich beim SeTh anfing, wurde scheinbar ewig über Geschäftsordnungsänderungen diskutiert. Das ging so lange, bis zu später Stunde eine Debatte darüber geführt wurde, ob das Leitende Gremium eine "Glocke" oder eine "wohltönende Glocke" verwenden darf. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Wir haben unsere Strukturen angepasst unsere Arbeitsweise verbessert und sind so neben Interessenvertretung auch Gesprächspartner, Informationsplattform, Netzwerk, Ideenbörse und vieles mehr geworden. Dreimal im Jahr kommen wir live einem Studienort zusammen. Dazwischen viele Male per Email und Telefon."
Sogar einen Merchandise-Shop gibt es: „Nachwuchstheologe" steht schwarz auf weiß auf den erhältlichen T‑Shirts. Zeichen des neuen Selbstbewusstseins der Theologiestudierenden. Und die Jobchancen für Theologen sind nicht schlecht: Zwar haben ein paar Landeskirchen momentan noch Einstellungsstopp, doch schon in einigen Jahren wird es mehr freie Stellen als Bewerber geben. Daher haben auch die Kirchen und Universitäten mit großangelegten Werbeaktionen für Theologiestudium und Pfarrberuf begonnen. Auf Abiturientenmessen oder dem Kirchentag kann man sich schon einmal im Talar fotografieren lassen, dazu gibt es Broschüren und eine Homepage, auf der man seinen „Theologie-Quotienten" errechnen kann.
Über die negativen Aspekte
Doch die Zukunft der Kirche hat auch einige Gewitterwolken: Der demografische Wandel führt zu immer weniger Taufen und immer mehr Beerdigungen. Finanziell ist die Kirche etwas unter Druck, die Zuständigkeitsgebiete der Pfarrer werden vergrößert und auch beim Personal in Jugendarbeit und Kirchenmusik wird oft gespart. Neue Konzepte und Ideen sind gefragt. An der Uni wird darüber auch diskutiert, wenn auch nicht immer direkt in den Lehrveranstaltungen, wie Jan berichtet: „Zwischen exegetischem Proseminar, kirchengeschichtlicher Überblicksvorlesung und Hauptseminar Ethik im 16. Jhd. ist kein Raum für aktuelle kirchenpolitische Debatten. Trotzdem wäre es falsch zu behaupten an der Universität gäbe es keinen Diskurs über aktuelle Themen. Rund um den Kern der Lehrveranstaltungen gibt es immer wieder Diskussionsrunden und Gastvorträge, die aktuelle Debatten widerspiegeln. Nicht zuletzt ist das Gespräch in der Pause auf dem Gang und am Abend beim Bier eines der wichtigsten Foren, wie ich finde. Hier lernt man Menschen, ihre Ideen und Meinungen kennen. Das ist bereichernd für mich." So hat natürlich auch der Rücktritt der Bischöfin Margot Käßmann unter den Theologiestudierenden Wellen geschlagen: „Viele haben betroffen reagiert, das haben auch die Kommentare auf theologiestudierende.de sowie den dazugehörigen Seiten bei Facebook und Twitter gezeigt. Am selben Tag hatten wir ein Treffen des Bonner Redaktionsteams von theologiestudierende.de und haben zu Hause auf meinen Sofa die Pressekonferenz verfolgt. Mit Frau Käßmann - da waren wir uns sofort einig - haben wir eine enthusiastische und lebendige Persönlichkeit und Visionärin unserer Kirche verloren."
Krise unterm Kreuz? - der theologische Nachwuchs möchte daran nicht so recht glauben. Für Jan hat die Zukunft erst einmal noch ein paar Semester Studium parat, das Theologiestudium ist mit zwölf Semestern Regelstudienzeit noch ein Vollstudium, von dem ein Bachelor nur träumen kann. Neben den Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein lernen die Studierenden Wissen in Geschichte, Religionswissenschaft, Rhetorik, Philosophie und vieles mehr. Wegen der Länge des Studiums und relativ unkomplizierter Anerkennung der Studienleistungen wechseln auch fast alle Theologiestudierenden mindestens einmal den Studienort. So plant auch Jan gerade: „Vor allem Prag reizt mich derzeit, aber auch in Deutschland gibt es spannende Städte. Mal sehen, was die kommenden Monate noch mit sich bringen."
Falls ihr also demnächst merkwürdige Gestalten bei euch an der Uni seht, die ihr für Theologiestudierende haltet: Fragt einfach einmal nach, was ihr Bild der Kirche von morgen ist.
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