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Gesellschaft / Menschen 20.04.10

"Es gibt keinen mafiafreien Raum in Deutschland"

Text: Timo Brücken

tt_back_viewalessandra_schellneggerInterview mit der Mafia-Expertin Petra Reski
Ihr Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern" darf in Deutschland nur zensiert erscheinen. Mit back view spricht Petra Reski über verkaufte Städte, blutige Betriebsunfälle und "wunderbare" Freundschaften zwischen Mafiosi und Politikern - und darüber, wie es ist, selbst von der Mafia bedroht zu werden.


„Alles, was ich über die Mafia weiß, verdanke ich ihr", sagte die Krimiautorin Donna Leon über Petra Reski. Die Journalistin und Schriftstellerin Reski lebt heute in Italien und schreibt dort seit Jahren über das organisierte Verbrechen. Das passt nicht jedem, wie sie uns in einem Interview verriet.

back view: Frau Reski, in einem Ihrer Bücher mussten Seiten geschwärzt werden. Zwei in Deutschland lebende italienische Gastronomen hatten erfolgreich dagegen geklagt, dass ihre Namen darin im Zusammenhang mit einem Bericht des Bundeskriminalamtes genannt wurden. Wie mächtig ist die Mafia in Deutschland, wenn wegen ihr sogar Bücher zensiert werden?
Petra Reski: Diese Frage stelle ich mir natürlich auch. Ich finde es sehr bezeichnend, dass die Zensur meines Buches im Ausland für viel mehr Aufsehen gesorgt hat, als in Deutschland selbst. Etwas Vergleichbares gibt es nicht einmal in Italien. Dort versucht die Mafia auf andere Weise Journalisten mundtot zu machen, etwa durch enorme Schadenersatzklagen. Aber dass ein Buch zensiert wird, das hat es auch dort noch nicht gegeben. Für mich war das sehr aufschlussreich: Die Mafia passt sich, egal wo sie sich bewegt, an die Gegebenheiten des jeweiligen Landes an und sucht nach Gesetzeslücken, die sie für sich nutzen kann. In Deutschland ist das sehr stark ausgeprägte Persönlichkeitsrecht eine davon.

Gibt es in Deutschland denn so etwas wie Mafia-Hochburgen? Wo ist sie besonders aktiv?
Die in Deutschland am weitesten verbreitete Mafiaorganisation ist die kalabrische ‘Ndrangheta, der auch das Massaker von Duisburg zur Last gelegt wurde. Und zwar, weil sie traditionell mobiler ist, als die anderen Organisationen. Aber generell hat sich die Mafia immer Orte gesucht, an denen schon viele Landsleute lebten, die ihr dann gegebenenfalls beim Einstieg behilflich sein konnten. Deswegen sind vor allem Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen Hochburgen der Mafia - und seit dem Fall der Mauer auch Thüringen und Sachsen. Allerdings muss man sagen: Es gibt keinen mafiafreien Raum mehr in Deutschland. Die Mafia agiert auf unterschiedliche Weise, je nach Wirtschaftsstruktur einer Region. In München bewegt sich die Mafia anders als in Erfurt. München gilt als „verkauft" - als zwischen den einzelnen Mafiaorganisationen aufgeteilt. In Erfurt hat die kalabrische ‘Ndrangheta die Vorherrschaft erobert. Im Osten sind auch ehemalige Stasi-Seilschaften von der Mafia genutzt worden.

paul_schirnhoferWie verdient die Mafia an diesen Orten ihr Geld? Ist das klassische Bild von Schutzgelderpressung und Drogenhandel noch aktuell?
Nein, überhaupt nicht mehr. Mit dem Schutzgeld ist es ein bisschen wie mit der Spinne in der Yucca-Palme: Das ist eine Geschichte, an die viele Deutsche immer noch glauben. Schutzgelderpressung ist schon lange nicht mehr der Haupterwerbszweig der Mafia, sie dient grundsätzlich dazu, ein Territorium zu beherrschen. Aber das kann die Mafia nur dort, wo sie schon die gesamte Bevölkerung unter Kontrolle hat, wie in ihren ursprünglichen Territorien in Italien. In Deutschland war es immer ein Problem, Schutzgeld einzutreiben. Wenn eine Pizzeria angezündet wurde, hat das immer sofort die Polizei auf den Plan gerufen. Schon seit Jahren sind die Mafiosi deshalb dazu übergegangen, das Schutzgeld über die Zulieferbetriebe einzutreiben. Diese erpressen die italienischen Restaurants dann einfach dadurch, dass sie höhere Preise für ihre Waren verlangen.

In Italien lieferte sich die Mafia blutige Auseinandersetzungen, ließ sogar Richter umbringen und bedroht bis heute kritische Journalisten. Drohen uns solche Verhältnisse irgendwann auch in Deutschland?
Wenn die deutsche Öffentlichkeit sich des Problems nicht bewusst wird, kann so etwas langfristig nicht ausgeschlossen werden. Es gab bereits deutsche Staatsanwälte, die von der Mafia bedroht wurden und unter Polizeischutz leben mussten. Und die Tatsache, dass sowohl mein Buch als auch das von Jürgen Roth nur geschwärzt verkauft werden dürfen, ist natürlich ein ganz starkes Signal für die massive Präsenz der Mafia in Deutschland. Grundsätzlich versucht die Mafia aber wieder in die Unsichtbarkeit abzutauchen und subtiler zu agieren. Es gibt zwar immer wieder Morde, die nicht aufgeklärt werden, weil den Ermittlern der Mafiahintergrund nicht klar ist. Aber etwas so Spektakuläres wie der Sechsfachmord in Duisburg ist ein Betriebsunfall. Damit wurde die Aufmerksamkeit auf die Mafia gelenkt, was nicht in ihrem Interesse ist. In Deutschland hat die Mafia längst auch in die legale Wirtschaft investiert und hält sich schon lange nicht mehr mit den Verbrechen auf, gegen die deutsche Gesetze gemacht sind. Es geht zwar nach wie vor auch um Falschgeld, Rauschgift und Autoschieberei, aber im Verhältnis zu den legalen Investitionen, ist das nur ein kleiner Teil. Die Mafia wird in Deutschland außerdem so gut wie nie als Mafia bezeichnet, weil es bei uns den Straftatbestand der Mafiazugehörigkeit nicht gibt. Deswegen sind die Möglichkeiten für Polizei und Justiz leider sehr beschränkt, den Mafiosi überhaupt noch ein Verbrechen nachzuweisen.

Wird das Thema also nicht ernst genug genommen? Nach den Morden von Duisburg im Jahr 2007 war die öffentliche Aufmerksamkeit ja sehr schnell wieder verschwunden.
Duisburg ist schon längst vergessen. Und genau das will die Mafia: Dass das Aufwachen nur vorübergehend war und die Deutschen schnell wieder in ihren langen Schlaf zurückfallen. Die Öffentlichkeit ist sich keineswegs darüber klar, wie präsent die Mafia in Deutschland wirklich ist. Es ist auch kein politischer Wille zu erkennen, die Mafia zu thematisieren. Das hat damit zu tun, dass die italienische Mafia kaum mehr in den Statistiken der Landeskriminalämter auftaucht - was nicht daran liegt, dass sie keine Verbrechen mehr begeht, sondern nur geschickter vorgeht. Die italienische Mafia kann auf 200 Jahre Erfahrung zurückblicken - im Gegensatz zu anderen kriminellen Organisationen, die sich noch mit Bandenkriegen aufhalten und noch nicht so gut in die legale Wirtschaft abgetaucht sind. Warum sollte ein Politiker also auf ein Problem aufmerksam machen, das offenbar niemand sieht? Das bringt ihm keinen Vorteil, er kann dadurch keine Wählerstimmen gewinnen. Manche Ermittler sagen auch, ein Deutscher empfinde einen Wohnungseinbruch subjektiv als bedrohlicher als die Geldwäsche von 200 Millionen Euro. Aber gerade bei der Geldwäsche gibt es etliche deutsche Helfershelfer. Das kann keine kleine Mafiabande alleine machen, das geht nur mit Hilfe von deutschen Steuerberatern, deutschen Bankdirektoren und auch von deutschen Politikern.

Also ist die Mafia vor Ort immer sehr gut vernetzt?
Sie ist absolut gut vernetzt. Das ist ja das Geheimnis der Mafia: Sie ist nie ein Fremdkörper in der Gesellschaft. Sie ist immer ein Teil davon, egal ob in Deutschland oder in Sizilien. Nicht umsonst haben die ‘Ndrangheta und die anderen Organisationen ihr Netz über Pizzerien und andere Gastronomie aufgebaut. Das hat zwei Vorteile: Zum einen darf man nach deutschem Recht in öffentlichen Lokalen nicht abgehört werden und zum anderen bekommt man so natürlich gesellschaftliche Kontakte, und die sind das Wichtigste. Es gibt etliche Fälle von Mafiosi, die beste Beziehungen zu Lokal- und Bundespolitikern haben. Und diese soziale Vernetzung ging anfangs immer von den Restaurants aus. Dann wurden Wahlpartys finanziert, und manchmal war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

In Filmen und Büchern sieht man immer wieder das Klischee von der Mafia als „Ehrenwerte Gesellschaft". Wie stark prägt das die Wahrnehmung der Menschen?
Das ist ein Teil des Propagandafeldzuges der Mafia. Es ist für die Mafia unerlässlich, ihr Bild zu kontrollieren und diese romantische Idee von einer Art Robin-Hood-Organisation zu verbreiten. Das Bild, das die Mafia heute in Deutschland von sich selbst zeichnet und wie sie zum Großteil auch wahrgenommen wird, entspricht dem Bild, das sie in Sizilien etwa in den 60er Jahren von sich selbst entworfen hat. In Deutschland produziert Francesco Sbano, ein aus Kalabrien stammender Fotograf, heute CDs mit „Musik der Mafia". Das dient ganz klar dem propagandistischen Zweck, die Mafia als eine Art Weltkulturerbe darzustellen. Und eine Kultur kann man natürlich nicht vor Gericht stellen und verurteilen. Die Deutschen nehmen dieses Folklore-Bild der Mafia leichtgläubig an, weil sie dann denken können: Das hat ja nichts mit uns zu tun. Solange die Mafia als ein kleines wildes Völkchen betrachtet wird, das irgendwo in den italienischen Bergen lebt, sich gegenseitig umbringt und schöne kleine Liedchen singt, haben wir damit kein Problem.

Sind Sie persönlich auch schon von der Mafia bedroht worden?
Ja, ich bin in Deutschland bedroht worden, und zwar nicht nur einmal. Ich kann nur sagen, dass mich das sehr beunruhigt hat, vor allem, weil niemand die Bedrohung wirklich versteht. Außer wenigen Journalistenkollegen und der deutschen Polizei, die freundlicherweise dafür sorgt, dass bei meinen öffentlichen Veranstaltungen immer ein Polizist anwesend ist. Ich finde es interessant, mit welcher Selbstverständlichkeit sich diese Leute so benehmen können. Ich bin auf einer Lesung in Erfurt bedroht worden und sogar vor Gericht. Wenn man als Journalist in Deutschland von der Mafia bedroht wird und es den Menschen gleichzeitig an der Wahrnehmung dafür fehlt, ist das für den Einzelnen natürlich sehr frustrierend. Deswegen bin ich froh, in Italien zu leben, wo das Thema sehr viel ernster genommen wird und, wo ich große Solidarität erlebt habe, ohne die ich das Ganze gar nicht überstanden hätte.

Müssen die Deutschen also ihren Umgang mit dem Thema Mafia ändern?
Absolut. Ich wünschte mir, dass es so wäre. Die Mafia hat aber überhaupt kein Interesse daran, dass über sie geredet wird und dass solche Bücher wie meines erscheinen. Sie möchte lieber weiter das romantische Bild von der „Ehrenwerten Gesellschaft" verbreiten. Und wer in Deutschland bemerkt, dass sich die Mafia nicht nur auf sechs tote Kalabrier in Duisburg beschränkt, dem wird sofort vorgeworfen, er wolle alle Italiener in Sippenhaft nehmen. Und Rassismus ist ja ein Vorwurf, den man den Deutschen sehr leicht machen kann.


Liebe Petra Reski, vielen Dank für das Gespräch.


(Interview: Timo Brücken / Fotos:Alessandra Schellnegger und Paul Schirnhofer )

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avatar Bytes Land
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es waere besser zu fragen: Gibt es einen mafiafreien Raum irgendwo in der Welt uberhaupt?((
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In Erfurt hat die kalabrische ‘Ndrangheta die Vorherrschaft erobert. Im Osten sind auch ehemalige Stasi-Seilschaf ten von der Mafia genutzt worden.
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Ich mag, wie das Thema der Website und wie gut Sie organisiert den Inhalt. Es ist eine wunderbare Arbeit
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avatar Jak Poderwac
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Vielen Dank für die wertvolle Ratschläge, für mich sind sie sehr relevant!!
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avatar BTscene
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In den vergangenen zehn Jahren wurden in NRW, Baden-Württemberg und Bayern viele Beamte aus den Ermittlungen gegen organisierte Kriminalität abgezogen.
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