Gesellschaft / Menschen 27.07.10
Text: Miriam Keilbach

Abu ist etwas jünger als ich. Zu meinem achten Geburtstag hab ich ihn bekommen. Damals war ich großer Fan von Aladdin und Prinzessin Yasmin, der Disneyfilm - damals noch auf Videokassette - lief bei mir fast täglich, ich konnte die Szenen mitsprechen. Aber noch besser als Aladdin, Dschini, Yasmin oder ihren Tiger fand ich Abu.
Ich weiß noch, dass ich krank war, an dem Tag, an dem ich Abu zum ersten Mal traf. Ich lag mit hohem Fieber im Bett und konnte nicht schlafen. Also erlaubte meine Mama, dass ich um Mitternacht das erste Geschenk öffnen dürfe. Das erste Geschenk war Abu, damals noch mit schönem braunen Fell, großen Augen, weinroter Weste und Hut und laaaangen Armen und Beinen. Ein echt hässliches Ding, eigentlich. Aber mir gefiel er vom ersten Tag. Es war die erste Nacht, die wir zusammen verbrachten.
Seither war Abu alles für mich: Beste Freundin. Zuhörer. Wegbegleiter. Der, bei dem ich mich ausheulen konnte. Ein bisschen wie mein echtes Haustier damals, mein Kaninchen. Dem konnte ich auch alles erzählen. Nur war das Kaninchen drei Jahre später tot. Abu kann glücklicherweise nicht sterben.
Wenn ich Liebeskummer hatte, weinte ich Abu voll. Wenn ich so aufgedreht war, dass ich nicht schlafen konnte, erzählte ich es Abu. Wenn ich jemanden zum Kuscheln brauchte, nahm ich ihn in den Arm. Wenn ich Angst hatte, weil es draußen gewitterte, drückte ich ihn fest an mich. Ich erinnere mich, als meine Mutter Abu zum ersten Mal waschen wollte. Ich hab geschrieen und geweint und ihr gesagt, dass ich ohne Abu aber nicht einschlafen könne. Sie setzte sich durch, sie wusch den braunen Fellknäuel und danach roch er mindestens eine Woche so gar nicht mehr nach Abu.
Warum es ausgerechnet Abu wurde, weiß ich nicht. Die ersten Jahre meines Lebens kam ich ohne ihn aus. Ich hatte zwei Lieblingsstofftiere, aber zu keinem gab es eine solche Bindung wie zum Stoffaffen.
Irgendwann, als ich 15 oder 16 war, hörte ich damit auf, ihn überall mitzunehmen: Ich konnte fortan allein bei Freunden übernachten oder allein übers Wochenende wegfahren. Aber Abu fuhr mit ins Schullandheim nach Südtirol, er war Segeln auf dem Ijselmeer. Abu zog mit mir nach Norwegen, Schweden und in meine Studienstadt Passau. Im Flugzeug musste Abu im Handgepäck reisen, weil ich zu viel Angst hatte, der Koffer könne unterwegs verloren gehen.
Meine Schwester, die selbst kein solches Stofftier hat, fragte mich mal, was passieren würde, wenn ein Mann mehr Platz im Bett bräuchte und Abu rausschmeißen würde. Ich antwortete ihr, dass der Mann hinterher fliegen würde. Uns gibt's nämlich nur im Doppelpack. Der Mann ist vielleicht irgendwann einmal weg - und wer sollte mich dann trösten, wenn nicht Abu?
(Text und Fotos: Miriam Keilbach)
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