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Gesellschaft / Brennpunkte 24.03.10

Religion ist mehr als ein Betriebsunfall

Text: Sebastian Helwig

kommentar_pro_teasertt_back_viewKommentar "für" die religiösen Werten
"Imagine there's no Heaven..." - John Lennon provozierte 1971 mit seiner Vision einer friedlichen Welt ohne Himmel und Hölle. Und in der Tat - die Geschichte der Religion ist keine makellose Ruhmesgeschichte.


Im Namen der Religion wurden Kriege geführt, Hexen verbrannt und Vordenker unterdrückt. Für viele scheint sich der kürzlich bekannt gewordene Missbrauch in der Kirche nur darin fortzusetzen. Kirche kann Moral allenfalls predigen, aber schafft es scheinbar kaum, ihre eigenen Mitarbeiter zu einem Mindestmaß an ethischer Konsequenz zu bringen.

Doch wer so urteilt, reduziert Jahrtausende des religiösen Expermentierens und Suchens seiner Artgenossen allein auf deren Perversionen, Abwege und Blackouts - die oft ihre Geschwister in Ideologien und Machthierarchien von Umwelt und Zeit haben. Unrecht muss man benennen - aber bitte ohne gleich daraus Schlüsse über "die Religion an sich" zu ziehen. Auch die Religion selbst hat sich im Laufe der Zeit verändert und manches Überkommene abgelegt. So wenig es Sinn hat, die  Religion mit dem Verweis auf ihre Ikonen wie Martin Luther King oder Ghandi zu überhöhen, sollte man sie wegen ihrer Fehler gleich ganz in Frage stellen. Außerdem konnte mir bisher niemand glaubhaft erzählen, wie so ein Leben ohne Transzendenz denn aussieht: Die vorgeblich so säkularen Bestattungsrituale beispielsweise kommen nicht aus, ohne ihre Anleihen aus dem Symbolrepertoire der Religionen zu schöpfen.
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Ein seriöser Blick muss anders Bilanz ziehen: Millionen Menschen auf der Welt finden in ihren religiösen Traditionen Unterstützung in Krisensituationen, an denen sie vielleicht sonst zerbrechen würden. Wie wäre das Verhältnis zwischen den ehemaligen Kolonien und ihren Ausbeutern ohne die Vermittlung durch die Kirchen? Wie wäre die Geschichte der Opposition in DDR und Polen ohne die Kirche verlaufen? Wie sähe unsere Gesellschaft ohne jene 70 Prozent aus, die sich als religiös bezeichnen? Die Gelassenheit des Betenden, die Weisheit des Schriftkundigen, der Altruismus der Beschenkten und der Optimismus der Erlösten - ohne ihren Widerhall würden viele unserer Beziehungen in Beruf, Familie und Gesellschaft anders aussehen, davon bin ich überzeugt. Areligiöse sind natürlich nicht per se schlechtere Menschen - aber was schützt besser vor Egoismus und Selbstüberschätzung als die Gewissheit, dass ich von einem größeren Gegenüber abhängig bin?
Religion braucht immer auch Skeptiker und Aufklärer, damit sie nicht auf der Stelle tritt. Aber auch diese Skeptiker müssen im Grunde ihres Herzens eingestehen, wie leer ihr Koordinatensystem doch ohne Religion wäre.
Und: Ohne die Friedens-Visionen von Jesaja, Jesus, King und Co. hätte wohl auch Lennon seinen wundervollen Song "Imagine" nie geschrieben.

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(Text: Sebastian Helwig / Foto: Patrick Piecha by jugendfotos.de)

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