Gesellschaft / Brennpunkte 24.03.10
Text: Timo Brücken
„Eine Gesellschaft ohne Gott ist die Hölle auf Erden", predigte der Augsburger Bischof Walter Mixa im vergangenen Jahr und sprach von der „Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus". Die besten Beispiele dafür seien die „gottlosen Regimes" der Nazis und der Kommunisten gewesen.
Der Bischof ist nicht der einzige, der so denkt: Wer nicht an Gott glaubt, kann kein guter Mensch sein - dieses Argument muss man sich als Atheist oft von gläubigen Menschen anhören. Aber warum eigentlich? Können wir ohne Gott wirklich nicht gut sein? Ist der Mensch nicht zur Menschlichkeit fähig, wenn er nicht an ein höheres Wesen glaubt, das ihm sagt, was er zu tun oder zu lassen hat?
Diese Moralvorstellung ist sehr fragwürdig, wenn man genauer hinsieht. Vereinfacht ausgedrückt besagt sie nämlich, dass wir uns nur moralisch verhalten, weil es uns ein höheres, vielleicht göttliches Wesen vorschreibt. Ein Beispiel: Jesus sagt in der Bibel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Und weil er das sagt, sind wir nach der Logik „Keine Werte ohne Religion" nett zu unseren Nachbarn. Weil es uns der angebliche Sohn Gottes befiehlt. Würden wir uns hingegen nicht an diese Regel halten und uns egoistisch oder gewalttätig aufführen, müssten wir Gottes Strafe fürchten, denn der sieht bekanntlich alles, immer und überall. Überspitzt gesagt ist man nach dieser Denkweise nur ein guter Mensch, weil man andernfalls die entsprechenden Konsequenzen tragen muss. Wer sich an die Regeln hält, dem winkt hingegen das Paradies. Das ist nichts anderes als Moral aus Angst vor der Hölle. Wer danach lebt ist kein guter Mensch, sondern ein Opportunist.
Wie viel ist eine solche Moral wert, die nur unter Zwang und ständiger Überwachung funktioniert? „Die Leute sagen, wir brauchen eine Religion, und in Wirklichkeit meinen sie, dass wir eine Polizei brauchen", brachte es der Satiriker Henry Louis Mencken zynisch auf den Punkt. Soll es wirklich so sein, dass wir jederzeit zu Dieben, Mördern und Vergewaltigern werden, wenn wir uns nur unbeobachtet genug fühlen? Sind alle Atheisten demnach automatisch Verbrecher, weil sie nicht an die große Überwachungskamera im Himmel glauben, die jeden ihrer Schritte kennt? „Wenn die Menschen nur deshalb gut sind, weil sie sich vor Strafe fürchten und auf Belohnung hoffen, sind sie wirklich ein armseliger Haufen", sagte schon Albert Einstein und hatte damit meiner Meinung nach vollkommen recht. Eine Moral, der die Menschen nur aus Angst vor Bestrafung folgen, ist wertlos.
Der Mensch kann auch ohne den Glauben an ein höheres Wesen gut zu seinen Mitmenschen sein, weil er aus sich selbst heraus erkennen kann, dass es besser ist, friedlich und respektvoll miteinander umzugehen, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Dafür braucht er keine Götter und schon gar keine Religionen. Die haben sich nämlich ihrerseits auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Angefangen bei den Kreuzzügen und der Inquisition, über Selbstmordattentate und heilige Kriege bis hin zur jahrelangen systematischen Vertuschung von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Wo soll da die moralische Leitschnur gewesen sein? Genau so wenig sollte man vergessen, dass die Grundlagen unserer heutigen Wertesysteme - Aufklärung, Humanismus und Menschenrechte - vor allem gegen den Widerstand der Kirchen erkämpft werden mussten. Diese glaubten nämlich lange, als einzige eine unfehlbare Quelle der Wahrheit zu besitzen - was sie übrigens mit Bischof Mixas „gottlosen Regimen" gemeinsam haben.
Religion und Werte gehören also keinesfalls untrennbar zusammen. Es ist kein Glaube notwendig, um Moral zu vermitteln. Im Gegenteil, er ist dabei sogar oft ein Hindernis. Das Wertesystem einer Gesellschaft sollte allen Menschen offen stehen, an welchen Gott auch immer sie glauben oder auch nicht. Deswegen sollten Werte auf einer säkularen, weltlichen Basis vermittelt werden. Nicht als die drohenden Worte eines allmächtigen Wesens, sondern als etwas vom Menschen selbst Geschaffenes. Lieber durch Einsicht und Selbsterkenntnis als durch Angst und Unterwürfigkeit.
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