Gesellschaft / Netzwelt 10.03.10
Text: Nina Nickoll
Die Idee für „Speed-Dating" kommt von einem Rabbi aus den USA, der die Methode 1998 ins Leben gerufen hat, damit sich jüdische Singles schneller und effizienter kennenlernen können - mit Aussicht auf eine Heirat, um damit die Zahl jüdischer Ehen zu erhöhen. Die eigentlich missionarische Methode wurde aber bald zum kommerziellen Event, welches nur noch wenig mit Glaubensbekenntnissen zu tun hat. Beim „Speed-Dating" kann jeder mitmachen.
back view-Redakteurin Nina Nickoll hat sich einem Test unterzogen und erklärt, wie leicht es zum Beispiel im Internet geht, an Speed-Dates teilzunehmen: „Um an einem ‚SpeedDating' teilzunehmen, müssen Sie sich zuerst bei uns einen Account erstellen. Dieser ist für Sie vollkommen kostenlos und kann jederzeit wieder gelöscht werden. Die darin enthaltenen Daten sind bis auf Ihren Nicknamen und Alter nur für Sie und uns einsehbar."
Einmal angemeldet, kann man sich dann eine Veranstaltung buchen. Aber die kostet natürlich was - je nach „Altersklasse" wird da unterschieden. Na gut, was koste ich denn als 22-Jährige? Ach so, kann ich erst herausfinden, wenn ich angemeldet bin, was ich nicht vorhabe - schade! Aber ein paar andere kleine „FAQs" verrät die Homepage dann doch: „Da unsere Altersgruppen recht starr sind (...) behalten wir uns vor, die Altersklassen im Sinne aller User zu optimieren. Auch wir wollen nicht, dass Sie Ihre Oma, Opa oder Ihre Enkel treffen." Puh, Glück gehabt! Die Teilnahme an einem „Speed-Dating" ist ab 29,00 Euro zu haben - ohne Getränke oder Ähnliches natürlich, versteht sich von selbst. Naja, für Studierende ist das auch kein Sümmchen sondern eher eine Summe, die man dann - vielleicht unbewusst - in einen Monat Mensaessen umrechnet. Das Date (zu deutsch: Verabredung) kommt allerdings erst zustande, wenn sich mindestens sieben Männer und sieben Frauen zu der Veranstaltung angemeldet haben. Wenn die gefunden sind und das Geld zusammengespart sowie überwiesen ist, heißt es nur noch: Mindestens 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn am Treffpunkt sein. Dann kann's losgehen: Der „Dating-Angel" weist dem Teilnehmer einen Tisch zu. Dort ist es dann endlich soweit. Man sitzt der potenziellen „Liebe seines/ihres Lebens" sieben Minuten lang direkt gegenüber. Da wäre es natürlich schlecht, wenn man vom „Äußeren" des Gegenübers so „abgelenkt" wird, dass man erst mal drei Minuten braucht, um die Sprache wiederzufinden. „Time is money!" oder - um der Maxime der Agentur zu folgen "Wer lange schweigt ist selber Schuld!". Zunächst werden der Vorname und der selbstgewählte Nickname ausgetauscht. Letzterer ist dafür da, dass man bei der Auswertung später anonym bleibt. Was dann zu lesen ist, klingt eigentlich ganz „easy" (oder einfach): „Nach dem Gespräch vermerken die Teilnehmer auf ihren Bewertungskarten, ob sie den Anderen wieder sehen möchten oder nicht. Dann wechseln die Männer zum nächsten Tisch und eine neue Runde beginnt." Wenn alle durch sind und man glaubt, es sei endlich mal Zeit zum Durchatmen und man könnte die Eindrücke - und vor allem die vielen neuen Gesichter - endlich mal sacken lassen, geht's erst richtig los! „Nach dem SpeedDating nehmen Sie Ihre Sympathiekarte mit nach Hause und geben direkt nach Ihrem LogIn unter speeddating.de Ihre Ja/Nein-Stimmen ein. Ihre Bewertung muss innerhalb von 48 Stunden eingegeben werden, da sonst bei jedem Ihrer nicht bewerteten Gesprächspartner automatisch ein NEIN gesetzt wird." Wer also lange wartet, ist selber Schuld! Oder: „Der frühe Vogel fängt den Wurm!" Naja, langsam reicht's dann mit den dummen Sprüchen.
Mein Fazit: Wer den Film „Shoppen" von Ralf Westhoff gesehen und dann die Homepage von „Speed-Dating" genauer angeschaut hat, der kann sich nicht dem Eindruck entziehen, dass der Film nicht so mechanisch war, wie das alles hier beschrieben wird. In der deutschen Produktion „Shoppen", die in Hamburg spielt, geht es zwar auch darum, die große Liebe zu finden, aber Sympathie- oder Bewertungskarten waren da zweitrangig. Da saßen sich 18 Großstadt-Singles auf der Suche nach Liebe gegenüber und die meisten trennten Welten voneinander. Ihnen blieb außerdem nur fünf Minuten Zeit für Smalltalk. Aber der Film ist auf jeden Fall eine Ernüchterung für diejenigen, die an die „Effektivität" von Speed-Dates glauben - von einigen wenigen Happy-Endings mal abgesehen. Aber probieren geht über studieren! Und wer sagt denn, dass man dort nicht vielleicht wenigstens einen Freund für's Leben findet?
Weitere Artikel zum Titelthema "Liebe 2.0":
Menschen, die sich durch Prostitution ihr Studium finanzieren von Regina G. Gruse
Kommentar zur lebenslangen Liebe von Ronja Heintzsch
Sinn und Unsinn von One-Night-Stands von Ronja Heintzsch
Single-Börsen im Internet im Test von Wiebke Meeder
Umfrage zu Speed-Dating und Internetbekanntschaften von Anna Franz
(Text: Nina Nickoll)
|
titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
Kommentare