Panorama
28.02.08
Text:
Konrad Welzel
Die mehrfache Junioren-Gedächtnisweltmeisterin Christiane Stenger weiss, wie man richtig lernt. In einem Interview erzählt sie back view von ihren Techniken und ihrem Leben.
back view: Wie kommt man mit zehn
Jahren auf die Idee, sich von einem Gedächtnistrainer
unterrichten zu lassen?
Christiane Stenger: Also das war eigentlich nur ein
großer Zufall. Ich habe mir in der zweiten Klasse immer
Krankheiten ausgedacht, weil ich den Unterricht meist
richtig langweilig fand. Irgendwann haben sich meine Eltern dann Sorgen gemacht
und sind mit mir zu einem Psychologen gegangen. Bei einem Intelligenztest kam
dann raus, dass ich hochbegabt bin. Dadurch kam ich zur Hochbegabtenförderung
und konnte verschiedene Kurse besuchen.
Ehrlich gesagt, der Hauptgrund,
warum ich dann ausgerechnet zum Gedächtnistraining gegangen bin, war
wahrscheinlich der, dass der Kurs direkt in meiner Straße stattfand.
Es war also einfach nur ein Zufall, der letztendlich Dein ganzes Leben
geprägt hat.
Ja. Das war dann immer so eine kleine Stütze für mich.
Gerade in der siebten Klasse war das Gedächtnistraining sehr wichtig für mich,
als ich beim Zwischenzeugnis zwei Fünfen hatte und deshalb
fast durchgefallen wäre.
Bedeutet ein gutes Gedächtnis auch gleichzeitig, dass man
klug ist?
Das würde ich so nicht sagen. Es kann zwar so sein, muss
aber nicht. Man muss die gelernten Dinge auch anwenden können. So bringt es zum
Beispiel überhaupt nichts, wenn ich ein Telefonbuch auswendig lerne und damit
nichts anfangen kann.
Es besteht also kein
bedingter Zusammenhang dazwischen, aber es kann
natürlich hilfreich sein, sein Gedächtnis zu trainieren.
Kann man behaupten, dass Du eigentlich einfach zu faul bist, Dinge auswendig zu lernen und deshalb
Eselsbrücken brauchst?
In gewisser Weise schon. Das Lernen fällt einem mit diesen
Eselsbrücken einfach leichter. Und letztendlich geht es ja nicht darum, wie man es lernt, sondern dass man sich das Wissen
irgendwie aneignet. Und es macht ja auch viel mehr Spaß, sich Geschichten
auszudenken, anstatt stur Fakten auswendig zu lernen.
Wie schnell kann man sich Deine Techniken aneignen und wie
schwer ist es für „Anfänger"?
Im Grunde ist es nicht schwer und benötigt auch gar nicht
viel Zeit, den Einstieg in die Techniken zu
finden. Wenn man sich in zwei bis drei Wochen etwas mit den Methoden
beschäftigt und sie anwendet, hat man sich schon eine gute Grundlage
geschaffen. Anfangen kann man ganz schnell mit dem Merken der Zahlen von Null
bis Neun. Die Null ist zum Beispiel ein Ei, die Eins ein Baum, da er nur einen
Stamm hat, die Fünf eine Hand und so weiter. Wichtig ist dann nur, dass man
dran bleibt.
Weil man es schnell wieder verlernt?
Das ist nicht das Problem. Aber gerade für Anfänger ist es
schwer, sein eigenes Gehirn
zu überzeugen, dass die neuen Lernmethoden besser sind. Denn man ist erstmal sehr skeptisch gegenüber neuen Dingen
und will lieber bei den bewährten Techniken
bleiben. Jeder Neuling muss sich also erst
einmal selbst überzeugen und dafür darf man
gerade am Anfang nicht locker lassen.
Was muss man sich unter Deinen „KEEP IN MIND" - Seminaren
vorstellen? Hilfst Du den Menschen dort „lediglich", ihr persönliches
Erinnerungsvermögen zu steigern oder steckt da noch mehr dahinter?
Natürlich lernt man zunächst einmal alle Grundtechniken, die
man dann für alle Bereiche und Probleme anwenden kann. Aber dieses Seminar
bietet noch so viel mehr. Vor allem werden die
Kreativität und die Fantasie trainiert und gefördert. Man lernt aber auch den
Zustand der Konzentration kennen und damit umzugehen, was ja auch in alle
Lebensbereiche übertragbar ist.
Ich habe aber auch schon von einigen Seminarteilnehmern
selbst gehört, dass durch das Gedächtnistraining auch die Sinne gestärkt werden
und die Wahrnehmungsfähigkeit für die Dinge des alltäglichen Lebens wieder
enorm gesteigert wird. Es schafft aber auch neues Selbstvertrauen und
Selbstbewusstsein, da die Menschen immer wieder über ihre eigene Leistungsfähigkeit
überrascht sind.
Hast Du schon konkrete Pläne für Deinen beruflichen
Werdegang nach Deinem Studium? Welche Ziele verfolgst Du?
Natürlich will ich weiter an meinen Gedächtnisseminaren dran
bleiben und mein Diplom der Politikwissenschaft machen. Ich habe auch noch
viele weitere Ideen in meinem Kopf für neue
Buchprojekte. Und im Herbst dieses Jahres kommt ein Parfum
heraus, das ich gemeinsam mit einem Parfumeur erarbeitet habe. Aber was
ich konkret beruflich einmal machen will, das weiß ich eigentlich noch nicht.
Wie kommst Du denn dazu, ein eigenes Parfum zu kreieren?
Das hat ja jetzt auf den ersten Blick erstmal wenig mit Deinen Fähigkeiten zu
tun.
Doch eigentlich hängt es schon damit zusammen. Denn mich hat
eine Parfumeur angesprochen, ob ich nicht Lust
hätte, einen eigenen Duft zu erstellen. Er hat eine Serie mit dem Namen „The beautiful
mind series" geplant, in der verschiedene Frauen mit besonderen Fähigkeiten
ihren eigenen Duft kreieren. Das war eigentlich auch sehr interessant und lustig,
da ich mein eigenes Parfüm wirklich selbst entwickeln durfte und aus
verschiedenen Rohstoffen zusammengesetzt habe.
Wäre es in Deinen Augen nicht sinnvoll, bereits in der
Grundschule ein Schulfach wie Gedächtnistraining einzuführen?
Das wäre natürlich super! Und das müsste auch gar kein
eigenes Schulfach werden. Es würde schon völlig ausreichen, wenn die Lehrer einmal zwei bis drei Stunden im Jahr die
Techniken erklären und konkret üben würden. Wenn diese dann in den
verschiedenen Fächern einfach angewandt und eingebaut werden, wäre das
überhaupt kein großer Aufwand.
Außer für die Lehrer, die sich die Techniken natürlich
erst einmal selbst aneignen müssen.
Auch die Lehrer hätten damit keinen großen Mehraufwand.
Gerade die Grundtechniken für Kinder sind sehr schnell zu verstehen. Und vor allem die Kinder haben doch viel mehr Spaß und
Freude an lustigen Geschichten, mit denen sie viel leichter lernen können.
Und schließlich können auch Lehrer
nach ihrem Studium noch etwas Neues lernen. Hilft ja auch ihnen in sehr
vielen Situationen weiter.
Sitzt Du lieber in der Uni und bastelst Dir witzige
Geschichten mit dem Unistoff, gibst Du lieber eigene Seminare oder bevorzugst Du dann doch eher lockere Abende bei Stefan Raab und Günther Jauch?
Ich mache eigentlich alles gerne. Mittlerweile macht mir ja
auch das Lernen Spaß. Ich helfe aber auch sehr gerne den Menschen in meinen
Seminaren weiter und selbstverständlich ist es auch sehr lustig auf dem Sofa
bei Stefan Raab zu sitzen. Aber ich finde gerade die Mischung aus den
verschiedenen Bereichen macht es aus.
Könntest Du uns ein kleines Gedächtnistrainingbeispiel
einer Geschichte für eine Einkaufsliste geben: Klopapier, Vanilleeis,
Büroklammern, Hefe, Mineralwasser, Blumenkohl und eine Tüte Chips.
Natürlich: Auf dem Klopapier sitzt ein Vanilleeis und wirft mit Büroklammern auf die Hefe. Dann kommt die Mineralwasserflasche vorbei, will helfen und
geht dazwischen. In ihr sitzt ein winkender Blumenkohl, der gerade eine Tüte
Chips isst.
Wichtig ist, sich diese Geschichte als
Comic oder kleinen Film vorzustellen. So hat man ganz schnell seine Einkaufsliste zusammen und auch noch Spaß beim Einkaufen.
Vielen Dank für das nette Interview und viel Erfolg für Deine weiteren Projekte!
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