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Kultur / Film & Fernsehen 21.06.10

Agenten ohne Superkräfte oder stählerne Muskeln

Text: Julia Hanel

Julias Kulturecke - Jacques Berndorfs "Der Meisterschüler"
Nach „Ein guter Mann" und „Bruderdienst" nahm Krimi-Autor Jacques Berndorf für seinen dritten BND-Thriller erstmals ein reelles Ereignis zum Ausgangspunkt: die Terroranschläge in Mumbai vom 28. November 2008.  


Eines der Ziele der Terroristen war eine jüdische Einrichtung. Hier setzt Berndorfs Thriller ein. Vor der Linse einer Überwachungskamera wird eine junge Frau im wahllosen Gemetzel gezielt hingerichtet. Der indische Nachrichtendienst entdeckt neben der Leiche eine Karte mit der Aufschrift „Im Namen Allahs". Ein ähnliches Exemplar liegt wenig später neben der Leichnam eines ermordeten Priesters, der mit reaktionären Predigten auf sich aufmerksam machte. Mit der Zeit tauchen weitere dieser Kärtchen auf - an Mordschauplätzen auf der ganzen Welt. Der BND beauftragt Agent Karl Müller, nach Indien und fliegen und verdeckt zu ermitteln.

Die Jagd nach dem mysteriösen Täter, der auf einer Art Kreuzzug zu sein scheint, ist jedoch nicht das einzige Problem, das die so genannte Operation Crew des BND zu lösen hat. Agentin Svenja Takamoto ist undercover in Pakistan, um eine wichtige Informantin zu treffen: Die Frau des Vizepräsidenten des pakistanischen Geheimdienstes. Dieser musste aus politischen Gründen abtauchen und gilt als unauffindbar. An Svenja ist es nun, ihn und seine Familie aus dem Land zu bringen, ohne dass der pakistanische Geheimdienst Wind davon bekommt. Als wäre das nicht schon schlimm genug, erreichen den BND auch noch Gerüchte, die CIA verhöre auf deutschem Boden afghanische Terrorverdächtige mit illegalen Foltermethoden. 

Agenten-Thriller haftet das Vorurteil an, illusorisch, überzogen und reißerisch zu sein. Im Zeitalter von James Bond und Jason Bourne ist dieser Einwand durchaus berechtigt. In Berndorfs BND-Thrillern tauchen jedoch weder actionreiche Einzelkämpfe, noch atemberaubende Stunteinlagen auf. Der ehemalige Spiegel-Journalist erzählt die Ereignisse um Karl Müller und seine BND-Kollegen zwar kompakt und schnell, folgt dabei jedoch vielmehr dem unaufdringlichen Stil eines John le Carreés.  

Berndorfs Agenten haben weder Superkräfte, noch stählerne Muskeln. Sie tragen durchschnittliche Namen wie Müller oder Krause, haben mit den Schwierigkeiten ihres Doppellebens zu kämpfen und müssen persönliche und berufliche Niederlagen einstecken. Er schafft somit einen neuen Typus des Super-Agenten, der so normal erscheint, dass er problemlos in den Massen untertauchen kann und dadurch an Authentizität gewinnt. Die Arbeit des Bundesnachrichtendienstes wird hier ohnehin sehr wirklichkeitsnah wiedergegeben, was darauf zurückzuführen ist, dass Berndorf als erstem Autor die Tore des Geheimdienstes zu Recherchezwecken geöffnet wurden.  

Die Verflechtung der Handlung mit historischen Geschehnissen macht Berndorfs „Der Meisterschüler" zu seinem besten Thriller. Starke Dialoge und vielschichtige Charaktere gehen hier einher mit spannenden Handlungssträngen. Dass sich all jene Handlungsstränge letztendlich verknüpfen lassen und zu einem stimmigen Ganzen verschwimmen, ist womöglich der einzige Schwachpunkt des Thrillers. Hier hätte der Autor mutiger vorgehen und Antworten verwehren können. Dennoch ist „Der Meisterschüler" eines der Glanzstücke der deutschen Thriller-Literatur und absolut empfehlenswert. 

(Text: Julia Hanel)

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