Kultur /
Film & Fernsehen
01.07.10
Text:
Melanie Nees
TV-Kolumne: "Schlag den Raab"Eine von gefühlten hundert Shows von Stefan Raab auf Pro7, in der er ausnahmsweise nicht gegen Promis, sondern gegen ganz "normale" Leute antritt. Sonst erfindet er ständig neue , wie z.B. die Wok-WM. Bei "Schlag den Raab" ist er allerdings den Ideen der Produzenten ausgesetzt, genau wie sein Gegenkandidat. Wie in jeder Show geht es doch wieder nur um Unterhaltung, aber unmoralischere Konzepte als das von "Schlag den Raab" gibt es im Fernsehen wie Sand am Meer.
Das Problem ist folgendes: Das Wort Show impliziert mittlerweile leider das Wort unmoralisch, allerdings hat letzteres drei Steigrungsformen: unmoralisch, unmoralischer, am unmoralischsten. Castingshows wie "DSDS", die nicht von Stefan Raab produziert wurden, gehören zum Beispiel zur dritten Stufe, "TV Total" passt gut in die zweite und "Schlag den Raab" ist meiner Meinung nach ein stolzer Vertreter der ersten Stufe. Denn während man in der dritten Stufe, die vom Niveau her die unterste Schublade ist, manche Teilnehmer als totale Witzfiguren darstellt und ihre Würde völlig zerstört, lässt man bei "Schlag den Raab selbst an den Verlierern noch ein gutes Haar. Eine Niederlage ist eigentlich auch nicht weiter schlimm. Raab ist solche Wettkämpfe mittlerweile wirklich gewohnt, während der Kandidat, unter anderem wegen dem möglichen Gewinn, sicher um einiges nervöser ist und noch mehr unter Druck steht als Raab, der schlichtweg nicht gerne verliert. Auch das passiert ab und zu ein Mal, allerdings nicht all zu oft. In bisher 23 Ausgaben hat er sechzehn mal gewonnen, ein Mal sogar fünf Sendungen hintereinander, was den Jackpot von 500.000€ auf drei Millionen getrieben hat. Bis zur sechsten Sendung war das Verhältnis von Kandidatensiegen und Raab-Siegen noch ausgeglichen, danach nahmen die Triumphe von Raab stark überhand. Liegt wohl daran, dass dieser viele der Spiele bereits kennt und somit viel mehr Übung darin hat als der Kandidat. Dennoch muss man nicht am Verstand der Produzenten der Sendung zweifeln, denn wann geht es im Fernsehen schon mal wirklich darum, Leute glücklich zu machen. Das ist nur des Öfteren der positive Nebeneffekt zur Unterhaltung, auf die es den Sendern eigentlich ankommt.
Was an der Sendung allerdings wirklich schwachsinnig ist, ist dass seit jeher vier mal ein und das Selbe Auto an ein und die Selbe Person verlost wird. Es ist ja nett, dass sie, wo doch die Abwracksteuer schon lange versagt hat, die Autowirtschaft ein bisschen ankurbeln wollen, aber vierfache Freude ist größer als einfache Freude inklusive der sofort aufkommenden Frage, was man mit den vielen Autos anfangen soll. Dann sollte man wohl doch lieber als Kandidat mitmachen und das viele Geld abräumen.
Um gegen Raab antreten zu dürfen muss man allerdings erst unter die fünf Kandidaten kommen, die am Anfang immer zur Auswahl stehen und dann auch noch die Zuschauer davon überzeugen, dass man fähig ist "den Raab zu schlagen". Wenn man ein Mann ist, ist man dabei klar im Vorteil. Es gab bis jetzt genau so viele weibliche Kandidaten wie Kandidaten die "Markus" hießen, denen das TV-Publikum den Wettkampf gegen Raab zugetraut hat - ganze drei. Witzigerweise kamen die Kandidaten mit dem Namen Markus in drei aufeinander folgenden Sendungen. Ob das Zufall war oder nur ein schlagzeilenprovozierende Absicht?
Für Schlagzeilen war auch in der vorletzten Sendung gesorgt: Raab ist in einem Hindernis-Parcours kopfüber von einem Mountainbike gestürzt, war sogar kurz bewusstlos, hat aber trotzdem alle restlichen Spiele durchgezogen. Bei diesen kommt es meistens auf Intelligenz, Geschicklichkeit oder Sportlichkeit an. Diese Mischung macht die Sendung spannender als "Wer wird Millionär", niveauvoller als "DSDS" - und die Sendezeit beinahe doppelt so lang wie die von "Germany's next Topmodel". Doch auch in den ca. vier Stunden wird es selten langweilig. Das Problem bei der Sache ist, dass eine der wenigen "nur" unmoralischen Shows gerade in der Sommerpause ist. Bis zum 18. September muss man sich mit den anderen Shows zufrieden geben - oder einfach WM schauen, denn da ist auch ohne absichtliches Vorführen von wehrlosen Menschen für Unterhaltung gesorgt.
(Text: Melanie Nees)
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