Kultur / Film & Fernsehen 26.07.10
Text: Melanie Nees
TV-Kolumne: "Zwei bei Kallwass"
Ganze vier Wochen wurde die Sendung mit echten Streithähnen gedreht, die dringend Hilfe bei der Lösung eines persönlichen Problems brauchten und die es nicht zu stören schien, ihr Privatleben im Fernsehen preiszugeben. Das war bereits fragwürdig, aber zumindest echt. Das deutsche Fernsehpublikum legte gegen Ende des Jahres 2001 jedoch wohl nicht so viel Wert auf echte Gefühle von authentischen Bürgern.
Die Quote ließ im ersten Monat nach der Pilotfolge sehr zu wünschen übrig. Eine Konzeptänderung musste her. Von nun an castete man Laienschauspieler, dachte sich selbst spannende Probleme aus und siehe da: Die Sendung hat sich bis heute gehalten, beinahe neun Jahre - und hält sich immer noch, ist fest verankert im täglichen Mittagsprogramm von Sat1.
Doch was bewahrt "Zwei bei Kallwass" seit Jahren vor der Absetzung? Das Talent der Schauspieler sicher nicht. Vielleicht gibt es ein paar Bürger in unserem Land, die ähnliche Probleme haben und sich von der echten(!) Psychologin zu einer Lösung inspirieren lassen wollen. Dazu muss man allerdings nicht unbedingt ständig die Sendung anschauen. Stattdessen kann man sich auch auf der Sat1-Homepage spezielle Ratschläge der Psychologin einholen. Damit kann auch Leuten geholfen werden, denen wegen des anderen Konzepts der große Fernsehauftritt verwehrt bleibt.
Sat1 sucht ganz offen im Internet Darsteller für die Sendung. Eine willkommene Abwechslung zu den Reality-Shows, die vorgeben, aus dem "echten" Leben zu berichten. Diese Sendung wäre mit echten Problemfällen natürlich viel authentischer, aber die Frage ist, ob es so etwas im TV überhaupt noch geben kann und wie lange man Leute finden würde, die sich dazu opfern, ihre Sexphantasien, Sünden, intimen Sorgen oder ähnliches der Welt zu präsentieren.
So wie die Sendung stattdessen umgesetzt ist, erinnert sie dagegen eher an eine Soap. Was die Alltagsnähe angeht, kann "Zwei bei Kallwass" auf jeden Fall locker mit einer Seifenoper mithalten. Auch die Szenen, in denen einer der zwei Streitenden aus dem Besprechungsraum in ein Nebenzimmer flüchtet, eine Intrige aufgedeckt wird oder sich ganz zufällig alles wendet, lassen einen an "GZSZ" und Co denken. Der scheinbar einzige Unterschied ist, dass eine Psychologin dabeisteht und ihren Teil zum Geschehen beiträgt. Wie viel sie spielt oder wirklich selbst eingebracht hat, ist leider nicht bekannt.
Einmal angenommen Frau Kallwass wäre nicht die Einzige, die nicht schauspielert. Könnte man sich noch am Arbeitsplatz, in der Universität, in der Schule oder im Verein blicken lassen, wenn irgendjemand aus dem Bekanntenkreis mitbekommen hat, wie man seinem Freund oder seiner Freundin bzw. seinem Mann oder seiner Frau vor laufender Kamera gebeichtet hat, wie hinterhältig man sie betrogen hat und am besten auch noch mit wem?
Zum Glück ist es mittlerweile offensichtlich, dass die Beteiligten nur Theater spielen, so dass man sich beim Mitwirken keine Sorgen mehr um sein Ansehen machen muss. Noch eine Abwechslung zum Großteil der restlichen Fernsehwelt: Es wird von keinem der Beteiligten der Ruf zerstört. Doch moralische Unterhaltung ist nicht gleich niveauvolle Unterhaltung. Trotz ausgebildeter Psychologin hat die Sendung keinen großen Aha-Effekt und falls man ein Problem hat, bei dessen Lösung einem auf die Sprünge geholfen werden muss gibt es ja immer noch den bewährten Dr. Sommer.
(Text: Melanie Nees / Foto: Miriam Oddy Ihana by jugendfotos.de)
|
titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
Kommentare