Kultur / Film & Fernsehen 13.08.10
Text: Julia Hanel
Julias Kinoecke: Micmas
„Die fabelhafte Welt der Amelie" machte Regisseur Jean-Pierre Jeunet im Jahr 2001 über Nacht zum Star. Mit poetischem Realismus schuf er ein kunstvolles Märchen über die Schönheit der kleinen Dinge und illustrierte es mit phantasievollen Bildern und liebevoll-skurrilen Charakteren. Zu Recht wurde sein einzigartiges Kino-Experiment mit fünf Oscar-Nominierungen belohnt.
In seinem neusten Filmprojekt „Micmacs" beweist der Franzose erneut Mut zum Phantastischen, Bizarren, Skurrilen. Mit DVD-Verkäufer Bazil steht auch hier ein Außenseiter im Zentrum des Geschehens. Sein Leben ist seit jeher geprägt von Rückschlägen. Als kleiner Junge kommt sein Vater beim Entschärfen einer Landmiene ums Leben, die Mutter wird anschließend wahnsinnig, Bazil landet im Heim.
Dreißig Jahre später führt er ein beschauliches, ereignisloses Leben. Bis eines Tages eine Kugel durch die Fensterscheibe schlägt und ihn in den Kopf trifft. Bazil überlebt, die Kugel kann jedoch nicht entfernt werden. Mit Bazil kann es also jederzeit zu Ende gehen. Er verliert seinen Job in der Videothek und lebt fortan auf der Straße. Hier endet gewissermaßen die Exposition.
Die eigentliche Geschichte erzählt von Bazils Begegnung mit einer Reihe kurioser Obdachloser, die gemeinsam unter der örtlichen Müllhalde leben: Unter ihnen Mathegenie Calculette, Schlangenfrau Madame Kautschuk und Bastelkünstler Petit Pierre. Die verrückte Außenseiter-Truppe nimmt Bazil auf und will ihm helfen, sich an jenem Waffenunternehmen zu rächen, das für die Kugel in Bazils Kopf verantwortlich ist.
Sonderlich originell ist die Story nicht. Der kleine Mann aus dem Volk wird ungerecht behandelt und will sich rächen. Er sucht sich Verbündete, schmiedet einen Plan und startet die Revolution gegen den Kapitalismus. Zur eigentlichen Vergeltungsgeschichte gesellt sich eine kitschige Lovestory, die durchgehend überflüssig und inszeniert wirkt.
Lediglich visuell liefert Jeunet erneut Meisterhaftes. Er präsentiert einen Kosmos skurriler Charaktere, farbenfroher Phantasien und versetzt den Zuschauer in eine Art Kino-Zirkus. Untermalt wird der kunterbunte Klamauk mit nostalgischen Pariser Klängen - mal lebhaft, mal melancholisch, wie man es aus „Amelie" kennt und liebt.
Auch die Besetzung ist hochkarätig, sind doch Rollen in Jeunet-Filmen mittlerweile heiß begehrt. Neben Dany Boon zählen preisgekrönte Schauspieler wie Yolande Moreau und Julie Ferrier zur verrückten Außenseitertruppe. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Film immerhin schauspielerisch auf hohem Niveau ist. Hinter den Erwartungen bleibt er dennoch zurück.
Bazil ist weder Amélie noch Antoine („Willkommen bei den Sch'tis") und hat es beim Publikum durchgehend schwer. Der verschrobene Außenseiter ist nur zu Beginn sympathisch, da sich die Rolle schnell im Hyperaktiven, Überdrehten verliert. Dany Boon wollte die Rolle des Bazil ursprünglich ablehnen, wie er kürzlich zugab. Hätte er womöglich auch machen sollen!
Bewertung: 2,5 von 5 Sternen

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(Text: Julia Hanel / Zeichnungen: Christina Koormann)
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