Kultur / Film & Fernsehen 18.08.10
Text: Melanie Nees
TV-Kolumne 17: "Rock statt Rente"
Los geht's mit der im Fernsehen mittlerweile obligatorischen Schicksalsreportage. Ein Senior ist Witwer und fühlt sich einsam, eine Rentnerin langweilt sich daheim beinahe zu Tode. Diese Mitleidserzeugung scheint nötig, um die Produzenten der Doku-Soap als barmherzige Samariter darzustellen, die die Senioren von ihrem traurigen und tristen Alltag befreien "wollen".
Zu blöd, dass das die Quote, die die Produzenten sicherlich mehr interessiert als das Schicksal der Senioren, nicht in die Höhe treiben kann. Mit mitleidserregenden Lebensreportagen für Aufsehen zu sorgen, ist vielleicht eher das Metier von RTL, siehe "Deutschland sucht den Superstar" und "Das Supertalent". Aber "Rock statt Rente" ist ja auch keine Castingshow. Da könnte man fast von Abwechslung und Innovation sprechen.
Ist Abwechslung im Fernsehprogramm einfach nicht mehr gefragt? Ist endlich mal eine neue Sendung geschaffen, wird sie gleich durch alte Folgen einer etablierten Serie ersetzt. Das könnte allerdings möglicherweise nicht am mangelnden Willen nach Neuem, sondern an der neuen Idee liegen, die nicht gut genug ist, um genügend Leute dazu zu bewegen, einzuschalten.
Als ich die Beschreibung der neuen Doku-Soap im Fernsehheft gelesen habe, war mein erster Gedanke: "Na toll. Hilflose Senioren, die ihr Leben spannender machen wollen, werden gnadenlos als Witzfiguren dargestellt." Nach einer Weile war klar, dass ich mit meinem Vorurteil gar nicht so daneben lag. Die 25 Rentnerinnen und Rentner, die in der Sendung Teil eines Rockchores sind, machen mit, um Schwung in ihr langweilig gewordenes Leben zu bringen, manche allerdings auch, weil sie früher für die Musik lebten, reichlich Bühnenerfahrung haben und hier eine Gelegenheit sahen, ihre Leidenschaft wieder aufflammen zu lassen.
Was Witzfiguren angeht, lag ich leider ziemlich richtig, nur die Mehrzahl war etwas falsch, da es in der Sendung einen einzigen Rentner gibt, der wirklich ständig als veräppelt wird: Hans Dieter Wolf. Der 72-Jährige wird im Chor als Störfaktor angesehen, weil er angeblich laut und leider auch falsch singt.
Entweder bin ich taub oder laut ist maßlos übertrieben. Der etwas unmusikalische Rentner bekommt deshalb Einzel-Gesangsunterricht; mit dem von seiner Gesangslehrerin verkündeten Ergebnis: "Juhu, Hans Dieter hat einen Ton getroffen." Respekt ist was anderes. Wenn er nicht gerade als unfähiger Möchtegernsänger präsentiert wird, berichtet Sat1 auch gerne über die Tanzfähigkeiten des Rentners, die, bei aller Liebe, wirklich „Panne" sind.
Man kann einfach nicht anders, als den armen alten Mann auszulachen. Das würde nicht passieren, wenn die Produzenten solche Peinlichkeiten einfach raus lassen würden. Aber nein, Menschenwürde muss sich hinter potentieller Quotenerhöhung anstellen. Anstatt vielen Lachern gebührt dem alten Mann dagegen eher Bewunderung und zwar dafür, dass er in seinem Alter noch so abgehen kann und so viel Spaß am Leben hat.
Gelegentlich gibt es auch andere Teilnehmer, die als Witzfiguren herhalten müssen. Wenn beispielsweise gefragt wird, was denn "Highway to hell" auf Deutsch heiße und einige der Senioren einfach keine Ahnung haben, was das bedeuten könnte oder eine etwas skurrile Übersetzung erfinden. Na und? Sie haben eben nie Englisch gelernt. Wer für mich persönlich am ehesten eine Witzfigur ist, ist Chorleiter Carsten Gerlitz.
Er schaut beim Vorsingen, bei dem er den Senioren zeigen will, wie "Highway to Hell" sich angeblich anhören soll, wie ein kleiner Junge, dem jemand sein Lieblingsauto weggenommen hat. Authentizität gleich null. Gerlitz kennt sich zwar mit Musik bestens aus, hat jedoch in der Rockszene genau so wenig Erfahrung wie die Senioren.
Er leitete einen bekannten Pop(!)-Chor. Als die Senioren "Abenteuerland" von Pur lernen sollen, ist diese Erfahrung meinetwegen noch ausreichend, aber bei "Highway to hell"?! Um einiges authentischer wäre hier ein ehemaliger Rockstar, der ebenfalls das Seniorenalter erreicht hat - Gerlitz ist 43 - aber sein Handwerk noch beherrscht.
Dass Sat1 auf einen solchen Coach verzichtet, hat sicherlich auch finanzielle Gründe. Immerhin durften die Senioren in der zweiten Folge gemeinsam mit Hartmud Engler von Pur singen. Seine Leidenschaft beim Performen ist in sekundenschnelle auf die Chormitglieder übergeschwappt und hat ihnen ein solches Strahlen in die Augen gezaubert, dass mir selbst beinahe Tränen gekommen sind.
Schicksalhaftes Leben hin oder her, diese Lebensfreude, die in den Senioren aufflammt, würde mir persönlich schon als Unterhaltungsfaktor genügen. Mitfreuen ist einfach viel schöner als mitleiden. Solche Momente gab es in der zweiten Folge einige: Die riesen Aufregung darüber, einen Star wie Hartmud Engler treffen zu dürfen, die große Freude über die bevorstehende Möglichkeit bei einem Pur-Konzert auftreten zu können und die überwältigende Leidenschaft mit der alle bei der Performance auf eben diesem Konzert dabei waren.
Wenn die Sendung nur aus solchen Momenten bestehen würde, würde ich gerne jede Woche einschalten, aber jetzt, da die Recherche für meine Kolumne beendet ist, werde ich dieser Sendung eher aus dem Weg gehen. Ich werde mich nicht mehr dazu zwingen lassen, einen tanzenden 74-Jährigen auszulachen und will keine traurigen Lebensgeschichten mehr anhören müssen, die statt den Glücksmomenten oft sehr in den Vordergrund treten.
Das eigentlich beachtliche an der Sendung ist die Leidenschaft, mit der die Senioren dabei sind. Einer von ihnen ist sogar schon 95. Was diesen Rentnerinnen und Rentnern gebührt ist Respekt, keine Lacher. Nur gut, dass die Senioren die Lacher der Zuschauer gar nicht mitbekommen. Für sie zählt nur die Leidenschaft, die neuen Erfahrungen und die Gemeinschaft oder wie Teilnehmerin Doris Kübler (85) sagen würde: "Wir halten ja together."
(Text: Melanie Nees / Foto:Miriam Oddy Ihana by jugendfotos.de)
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Der amerikanische Blick auf Europa |
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