Kultur / Film & Fernsehen 19.08.10
Text: Julia Hanel
Für die 16-jährige Jenny (Carrey Mulligan) werden all diese Sehnsüchte plötzlich erfüllt. Die wohlbehütete Musterschülerin begegnet dem deutlich älteren David, reich, gutaussehend, charmant. Ein Bonvivant wie er im Buche steht. Er entführt das lebenshungrige Mädchen in die Oper, zu Kunstauktionen, Cocktailpartys und Pferderennen. In Davids Gegenwart blüht Jenny auf, kann all das tun, was ihr zu Hause verwehrt wird: Französischen Chansons lauschen, Camus lesen, Lippenstift tragen, Zigaretten rauchen.
Staunend verfolgen Jennys Eltern, Freunde und Lehrer ihre Verwandlung. Galt Jennys Interesse einst einem Studienplatz in Oxford, überlegt sie nun, welchen Duft sie ihren Freundinnen aus Paris mitbringt. Als Jenny dem mondänen Leben längst verfallen ist, entpuppt sich ihr galanter Traummann als schlitzohriger Filou. Die geplante Hochzeit platzt und Jenny steht ohne alles da - die Schule hat sie schließlich auch geschmissen.
Als ein nostalgisches, aber nicht verklärendes Zeitporträt gewährt „An Education" Einblicke in die britische Gesellschaft der frühen 1960er Jahre. Das Spießbürgertum bröckelt, junge Mädchen streben nach Bildung, nach Unabhängigkeit, widersetzen sich den Repressionen von Schule und Eltern und träumen doch heimlich von Liebe, Leidenschaft und Luxus.
Jennys Geschichte basiert auf den Erlebnissen der britischen Starjournalistin Lynn Barber, die in einem Literaturmagazin ihre Erinnerungen an die erste große Liebe verarbeitete. Kurz darauf erhielt Barber einen Anruf der Produzentin Amanda Posey. Die wollte ihre Geschichte verfilmen und hatte auch schon den passenden Drehbuchautor gefunden: ihren Freund und Bestseller-Autor Nick Hornby („High Fidelity", „About a Boy"). Barber gab ihr Einverständnis und ebnete so den Weg für ein Filmprojekt, das drei Oscarnominierungen und zahlreiche Auszeichnungen einheimste.
Neben wundervoll originalen Requisiten der 1960er Jahre, punktet das „Coming-of-Age"-Drama vor allem mit einem grandiosen Darsteller-Ensemble. Bis in die kleinsten Rollen ist der Film mit britischen Schauspielgrößen wie Emma Thompson, Alfred Molina und Sally Hawkins besetzt.
Überstrahlt werden sie jedoch alle von einer umwerfenden Carrey Mulligan, die auf herrliche Weise Anmut und Leichtigkeit versprüht. Von Filmkritikern immer wieder gerne mit Audrey Hepburn verglichen, verleiht sie der 16-jährigen Jenny eine herzerfrischende Mischung aus Klugheit und Naivität. Für ihre grandiose Darbietung wurde die junge Engländerin wohlverdient für einen Oscar als beste Schauspielerin nominiert.
Man könnte den Film durchaus als Entwicklungsdrama bewerten, rückt er doch die Wandlung eines naiven Mädchens zur selbstbestimmten Frau in den Fokus. Kritisch beleuchtet er jedoch vor allem die Zerrissenheit junger Frauen in einer Zeit jenseits der Emanzipation. So erklärt Jennys Schulleiterin (Emma Thompson), dass man es ohne Abschluss nicht weit bringt. Jenny entgegnet, dies sei auch nicht der Fall, wenn man einen habe. Zumindest als Frau.
Fazit: Brillant gespieltes Drama mit Herz und Humor
(Text: Julia Hanel)
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titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
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