Gesellschaft / Brennpunkte 26.01.10
Text: Regina G. Gruse
Mehr als 1 700 Kinder werden noch immer gesucht
Der Fall einer vermissten Maddie McCann, die im Alter von fast vier Jahren im Urlaub verschwand, wurde in den Medien lange diskutiert. Doch tatsächlich ist dies kein Einzelfall. Jährlich verschwinden in Deutschland über 100 000 Kinder, von denen die meisten wieder auftauchen. Zwei Prozent jedoch bleiben für immer verschwunden.
Jedes Jahr gehen bei der Polizei in Deutschland 100 000 Vermisstenanzeigen ein. Es handelt sich dabei vor allem um Kinder und Jugendliche, die einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind, von einem Elternteil verschleppt wurden oder von selbst weg gelaufen sind. Von den vermissten Kindern tauchen zwar 98 Prozent in den darauffolgenden Tagen oder Stunden wieder auf. Die übrigen zwei Prozent bleiben jedoch dauerhaft verschwunden. Die Zahl der gemeldeten Fälle beim Bundeskriminalamt schwankt täglich um 200 bis 300 Fälle. Derzeit geht man von etwa 1 700 dauerhaft vermissten Kindern in Deutschland aus.
Warum verschwinden Kinder eigentlich?
Die Gründe für das Verschwinden von Kindern sind unterschiedlich und auch nicht immer leicht nachvollziehbar. Manchmal verschwinden Kinder ohne ersichtlichen Anlass. In diesem Fall wird automatisch von einem Gewaltverbrechen ausgegangen. Doch es gibt auch andere Ursachen für das Verschwinden von Kindern und Jugendlichen. Einige reißen aufgrund von Liebeskummer oder Schulproblemen von zuhause aus. Auch werden immer mehr Kinder von einem Elternteil verschleppt. Besonders im Ausland ist die Spur dann schwer zu verfolgen. So ist eine Entführung zum Beispiel in islamischen Ländern kaum aufzulösen. Je länger ein Kind verschwunden ist, desto schwieriger wird die Suche. Nach zwei Wochen ohne Zeichen schwinden die Chancen gegen Null.
Wer unterstützt Eltern mit vermissten Kindern?
Um Eltern auf diesem schweren Weg zu unterstützen, gründete sich 1997 die Aktion „Wir helfen suchen" aus der später die Initiative „vermisste Kinder" entstand. Auslöser für die Gründung solcher Stiftungen und Initiativen war der Fall Dutroux. 1997 wurden zwei Mädchen, Sabine Dardenne und Laetitia Delhez, als vermisst gemeldet. In Frankreich und Belgien fand man daraufhin Tausende Plakate an Hauswänden und Autos, die um Mithilfe bei der Suche baten. Am 15. August 1996 konnten die beiden aus einem Kellerverlies bei Charleroi in Belgien gerettet werden.
Bei der Initiative „Vermisste Kinder" arbeiten ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiter, die bis April 2009 bereits 59 Kinder durch ihre aktive Mithilfe und Suche finden konnten. So werden beispielsweise Bilder der vermissten Kinder auf der Internetseite veröffentlicht - bei längerem Verschwinden werden die Fotos elektronisch „gealtert". Die Initiative betreut die Eltern vor allem psychologisch, um mit dieser schweren Situation umgehen zu können. Außerdem hat die Initiative Möglichkeiten, die über die der Polizei hinausgehen. Innerhalb von drei Stunden können bundesweit elektronische Plakate in S- und U-Bahnen sowie an Flughäfen geschaltet werden. Sie sollen die Bürgerinnen und Bürger zum Mithelfen durch Umsehen anregen. Auch auf Videoportalen im Internet werden Suchmeldungen geschaltet.
Wie kann man Kinder schützen?
Die Initiative „Vermisste Kinder" hat auch eine kostenlose Kinderschutzfibel zur Verfügung gestellt, um Eltern über Präventionsmaßnahmen aufzuklären. Es ist schwierig, den Kindern keine Angst zu machen und sie dennoch ausreichend zu informieren und vorzuwarnen. Den Kindern ein Handy zu geben, wird Eltern zum Beispiel ans Herz gelegt. Außerdem das offene Gespräch über den Alltag und das Nutzen von bundesweiten Sportangeboten, damit die Kinder Selbstvertrauen gewinnen und das Gefühl haben, sich behaupten zu können.
Seit 1983 gibt es auch einen internationalen Tag der vermissten Kinder. Dieser ist am 25. Mai und wurde von dem ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan ins Leben gerufen. Der Tag wurde als Erinnerung an den sechsjährigen Etan Patz gewählt, der 1979 auf dem Weg zur Schule für immer spurlos verschwand. Der Tag soll dafür sorgen, dass kein vermisstes Kind je vergessen wird.
Mehr zum Titelthema "Kinder dieser Welt":
Steffi Geihs über das schwierige Leben des geistig behinderten Peters
Regina G. Gruse über den sexuellen Missbrauch von Kindern
Anna Franz mit einer Umfrage über Sinn und Unsinn des Medikaments Ritalin
(Text: Regina G. Gruse)
|
titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
Kommentare