Kultur / Film & Fernsehen 22.04.10
Text: Julia Hanel
Julias Kinoecke - Young Victoria
Als die junge Victoria von Kent (Emily Blunt) 1837 im zarten Alter von 18 Jahren den englischen Thron besteigt, ahnt sie nicht, dass sie ganze 63 Jahre lang regieren und die Geschichte ihres Landes und des britischen Empires maßgebend beeinflussen wird. Ihr Weg an die Macht ist hart und steinig. Victoria wächst isoliert und einsam, fernab des königlichen Hofes, bei ihrer Mutter, der Herzogin von Kent auf. Eigentlich an fünfter Stelle der Thronfolge, zeichnet sich schon bald ab, dass König George IV den Thron an seine Nichte Victoria übergeben will. Die ist jedoch noch minderjährig und steht unter der Kontrolle ihrer strengen Mutter und deren machtgierigen Privatsekretär Conroy. Beide versuchen das junge Mädchen von einem Amtsverzicht zu überzeugen. Victoria weigert sich jedoch und bricht enttäuscht mit ihrer Mutter. Ihre Entschlossenheit und Stärke beeindrucken vor allem ihren Cousin Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (Rupert Friend), der sich nach dem Willen des Königs von Belgien (Thomas Kretschmann) mit ihr verbinden und somit das Haus Coburg noch weiter im europäischen Hochadel verankern soll. Aus der ersehnten Verbindung entwickelt sich jedoch von ganz alleine eine wahre Liebe, die das Leben der Monarchin entscheidend prägen soll.
Es gibt sie also doch - die einzig wahre Liebe. Denn in dieser Hinsicht hält Vallées Drama sich tatsächlich an die historischen Fakten. Victoria und Albert haben sich - wie aus vielen Briefen und Aufzeichnungen hervorgeht - bereits vor ihrer Hochzeit im Jahr 1840 innig geliebt. Eine Seltenheit für die damalige Zeit, in der Eheschließungen aus diplomatischen und politischen Gründen zustande kamen. Womöglich ist dies der Grund für die Entscheidung des Regisseurs, sich hauptsächlich auf die Liebesbeziehung der jungen Regentin zu konzentrieren und politische Themen außen vor zu lassen. Die Konflikte und Intrigen mit denen Victoria lange Zeit zu kämpfen hatte, sowie die gesellschaftlichen Umbrüche und Brennpunkte jener Zeit, werden lediglich in Nebensträngen erwähnt, was den Film zeitweise zu einer „Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund" werden lässt.
Dank der grandiosen Darbietung der beiden Hauptdarsteller ist die gefühlvolle Schilderung von Victorias Jugendjahren dennoch gelungen. Nach zahlreichen Komödien wie „Der Teufel trägt Prada" und „Dan - Mitten im Leben" stellt Shootingstar Emily Blunt in der Rolle der jungen Königin Victoria ihre Wandlungsfähigkeit zur Schau. Ihre Verkörperung der englischen Monarchin schwankt auf gelungene Weise zwischen jugendlichem Leichtsinn und zunehmender Ernsthaftigkeit. Für ihre eindrucksvolle Darbietung wurde die Engländerin zu Recht für einen Golden Globe nominiert. Rupert Friend überzeugt nach Kostümdramen wie „Stolz und Vorurteil" und „Chéri" erneut in einer historischen Rolle und mimt den deutschen Prinzen Albert mit Witz und Charme. Das Zusammenspiel der beiden Protagonisten harmoniert von der ersten bis zur letzten Minute und lässt „Young Victoria" zu einem gefühlvollen Historiendrama werden.
Dass die Inszenierung hin und wieder einen zu antiquierten Eindruck macht, stört nur bedingt. Historische Stoffe verleiten eben häufig zu gediegener Atmosphäre und förmlichen Dialogen. Entschädigen dürften hier eine aufwendige Kulisse und eindrucksvolle Bilder. Prunkvolles Interieur und prächtige Roben haben „Young Victoria" zudem einen Oscar in der Kategorie „Beste Kostüme" eingebracht.
Fazit: Eindrucksvolles Kostümdrama mit starken Hauptdarstellern.
Bewertung: 4 von 5 Sternen



(Text: Julia Hanel / Zeichnung: Christina Koormann)
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