Kultur / Film & Fernsehen 01.05.10
Text: Julia Hanel
Julias Kinoecke: Vincent will meerEs ist ein Film über eine Reise mit Umwegen, ein Film über drei Anti-Helden, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch eines gemeinsam haben - ihre Krankheit: Vincent (Florian David Fitz) leidet am Tourette-Syndrom, Marie (Karoline Herfurth) an Magersucht und Alexander (Johannes Allmayer) an einer Zwangsneurose.
Alle drei landen sie in einem gestohlenen Auto und fahren gen Italien, um die Asche von Vincents Mutter ans Meer zu bringen. Dorthin, wo sie ihre glücklichsten Tage erlebt hat. „Als du noch nicht geboren warst und sie keinen Grund hatte, zu saufen", würde Vincents Vater (Heino Ferch) sagen.
Der ist Politiker und mehr an seinem Ruf, als am Schicksal seines Sohnes interessiert. Vincents Ausbruch aus dem Heim bringt vor allem den Terminplan seines Vaters durcheinander. Dennoch begibt er sich mit Therapeutin Frau Doktor Rose (Katharina Müller-Elmau) auf die Suche nach den drei Ausreißern.
Eine Komödie über Behinderung, Krankheit und Neurosen? Hätte auch ins Auge gehen können, vor allem in Zeiten der politischen Korrektheit. Seit Barry Levinsons Meilenstein „Rainman" (1988) ist die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik zudem nur selten gelungen, wenn geistige Erkrankungen auf die Leinwand projiziert wurden.
Dass Ralf Huettners Roadmovie „Vincent will meer" dennoch funktioniert, liegt unter anderem an einer sensiblen, unaufdringlichen Erzählweise, die ohne plumpen Witz auskommt und sich nicht ausschließlich auf die Krankheiten der Protagonisten fokussiert. Denn die Tragikomödie vereint mehrere Sujets in sich: Das Familiendrama mit einer heiklen Vater-Sohn-Beziehung, die Sehnsucht nach Selbstbestimmung, die in einer Art Eskapismus endet, das Verlangen nach Akzeptanz und einem Platz in der Gesellschaft.
Huettners Inszenierungskonzept wird zusätzlich von herausragenden Darstellern getragen. Florian David Fitz, der auch das Drehbuch geschrieben hat, meistert die Wandlung seiner komplexen Figur mit Bravour. Anfangs passiv und seinen Attacken ausgesetzt, entwickelt er mit der Zeit Verantwortungsbewusstsein und Stärke.
Karoline Herfurth überzeugt als anorektische Rebellin, die nicht weiß, ob sie sich nach dem Leben oder dem Tod sehnt. Und Johannes Allmayer, der gelegentlich einen Hauch zu pedantisch spielt, jedoch für die chaotischsten und komischsten Momente des Films sorgt.
Heino Ferchs Darstellung des blasierten Politikers erscheint zeitweise ein wenig überzogen und stereotyp. Auch seine Wandlung vom gefühlslosen Karrieremenschen zum reumütigen Vater wirkt etwas unglaubwürdig, was allerdings ausschließlich dem Drehbuch anzulasten ist.
Den Nebenfiguren fehlt es zusätzlich an Tiefe und Hintergrund. Über Maries und Alexanders Vergangenheit und Umfeld erfährt man beispielsweise nichts. Auch werden einige Nebenstränge zu kurz angerissen, was eine gewisse Oberflächlichkeit erzeugt und viele Fragen ungeklärt lässt. Zudem haben sich hier und da kleine, aber überflüssige Film- und Logikfehler eingeschlichen. Alexanders Badeschlappen werden beispielsweise plötzlich zu Turnschuhen.
Fazit: „Vincent will meer" ein durchaus gelungenes Roadmovie, das zugleich bewegt und vergnügt und den Zuschauer auf eine Reise mitnimmt, die Spuren hinterlässt.
Bewertung: 4 von 5 Sternen 



(Text: Julia Hanel / Zeichnungen: Christina Koormann)
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titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
Kommentare
Ein richtig guter deutscher Film. Nicht platt und trotzdem witzig, bedient sich nicht den üblichen Klischees und hat eine tolle Story.
Die Fehler im Film sind mir zwar auch aufgefallen, aber im Gesamten sind sie eher nebensächlich und werden durch die guten schauspielerisc hen Leistungen ausgeglichen.
Wie ich das Ende fand - da bin ich mir noch nicht schlüssig. Auf jeden Fall eher Realität als Hollywood ;-)