Kultur / Film & Fernsehen 05.08.10
Text: Julia Hanel
Julias Kinoecke: Inception
Und so gibt es in „Inception" tatsächlich eine Figur namens Ariadne (Ellen Page), die in entscheidenden Szenen des Films die für den Zuschauer essentiellen Fragen stellt. Was zum Beispiel ist ein Traumtourist? Warum kann er Schmerzen empfinden, aber nicht sterben? Was ist ein Traum im Traum? Und was hat es mit diesem Limbus auf sich?
Die wichtigste Frage ist allerdings: Wer ist Dominic Cobb? Nun, er ist ein Eindringling. Keiner, der in Häuser einsteigt oder Kunstgalerien leer räumt. Wenn Dominic Cobb (Leonardo DiCaprio) wo einbricht, dann in die Köpfe seiner Mitmenschen, denn er ist Traum-Spion. Er versetzt seine Opfer in Tiefschlaf, dringt in ihr Unterbewusstsein ein und stiehlt geheime Ideen.
„Extraction" nennt sich dieser hochkomplizierte Prozess und kommt vor allem in der Industriespionage zum Tragen. Als einer seiner Einsätze schief geht, ist Cobb gezwungen, einen Auftrag der Superlative anzunehmen, um sein Ansehen zu rehabilitieren. Der Milliardär Saito (Ken Watanabe) fordert von Cobb eine so genannte Inception: Statt Ideen zu stehlen, soll Cobb Ideen einpflanzen und zwar in den Kopf von Saitos größtem Konkurrenten Fischer.
Dieser soll auf die Idee gebracht werden, das Firmenimperium seines Vaters zu zerschlagen, statt es auszubauen. Genau diese Idee soll Cobb ihm einpflanzen - ein nahezu teuflisch-riskantes Unterfangen, das Cobb nur mit einem brillanten Team durchführen kann. Dazu gehören neben der jungen Architektin Ariadne, ein Gestaltenwandler und ein Chemiker. Was das Team nicht ahnt: Cobb selbst ist das schwächste Glied der Kette, wackelt doch seine Psyche nach dem Tod seiner Frau Mal (Marion Cotillard), die ihm immer wieder erscheint und zum unberechenbaren Störfaktor wird.
Viele Kinobesucher bezeichnen „Inception" als kompliziert. Zweifelsohne ist dieser Film ein hochkomplexes Stück Kinogeschichte. Mit seinen vielen Ebenen und Levels erinnert er an den bahnbrechenden Geniestreich „Matrix". Auch hier wurde das Publikum mit Grenzen zwischen Schein und Sein, Realität und Virtualität konfrontiert. Im Gegensatz zu den Wachowski-Brüdern kommt Nolan allerdings ohne fremde Wesen aus. Er bedient sich dessen, was jeder von uns hat. Einen Kopf voller Gedanken und Ideen, voller Träume.
Nicht leugnen lässt sich jedoch, dass Nolan sich auch bestimmter Filmstrukturen bedient, die an eine Reihe populärer Klassiker erinnern. Die Beschaffenheit seines Teams und die Ausführung des Auftrags erinnern zeitweise stark an „Ocean's Eleven", nicht zuletzt, da auch hier ein Tresor geknackt werden muss.
Die Figur des Dominic Cobb unterscheidet sich aufgrund ihrer Zwiespältigkeit nicht sonderlich stark von DiCaprios letzter Rolle in „Shutter Island". Auch dieser Film spielte mit der Macht der Vorstellungskraft und präsentierte mit DiCaprio einen Protagonisten, der von den Dämonen seiner Vergangenheit gejagt wurde. Nicht ohne Grund bildet zudem Edith Piafs Chanson-Klassiker „La Vie en Rose" eine Art musikalischen Leitfaden. Marion Cotillard, die Cobbs Frau Mal spielt, erhielt schließlich vor einigen Jahren den Oscar für die Hauptrolle in „La Vie en Rose".
Die gestalterische Macht der Träume drückt Nolan durch atemberaubende Bilder aus. Pariser Straßen, die sich gen Himmel wölben, Explosionen in der Schwerelosigkeit und menschenleere Traumwelten. Unterlegt werden diese Illustrationen durch einen enorm lauten, eindrucksvollen Soundtrack von Hans Zimmer. Die surrealen Bilder erscheinen dadurch noch phantastischer, noch traumhafter.
Enttäuschend trivial wirkt hingegen das Geballere, das sich vor allem in der verschneiten Traumebene drei abspielt. In bester James Bond-Manier wird hier geschossen, was das Zeug hält. Hier lässt Nolan sein intelligentes Abenteuer zu stark ins Action-Genre abdriften.
Mit „Inception" ist dem britischen Regisseur dennoch ein kleiner Geniestreich gelungen, der sowohl Anspruch als auch Action bietet und gerade deshalb einzigartig erscheint, weil er viele Fragen offen lässt und das Weltbild des Zuschauers in der letzten Minute des Films vollends auf den Kopf stellt, genau dann wenn er erstmals das Gefühl hat, alles verstanden zu haben.
Fazit: Ideen sind wie Parasiten, erklärt Dominic Cobb. Wer sie einmal im Kopf hat, wird sie nie wieder los. Ähnlich verhält es sich mit diesem Film.
Bewertung: 4,5 von 5 Sternen



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(Text: Julia Hanel / Zeichnung: Christina Koormann)
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titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
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