Gesellschaft / Brennpunkte 24.08.10
Text: Regina G. Gruse
Wer an Ostfriesland denkt, hat sofort ein Bild von Schafen auf dem Deich, einem Leuchtturm im Hintergrund und einem „Moin"-rufenden Ostfriesen im gelben „Friesennerz" vor Augen. Alles wirkt malerisch und idyllisch. Doch die Realität sieht anders aus. Nach Angaben des paritätischen Wohlfahrtverbandes leben 20 Prozent der Menschen dort an und unter der Armutsgrenze.
Die Ostfriesen leiden unter (relativer) Armut, weil sie maximal 50 Prozent des Durchschnittseinkommens der eigenen Bevölkerungsgruppe zur Verfügung haben. Dadurch leben sie natürlich einen anderen Lebensstandard, als es in Deutschland „normal" ist. Die Teilnahme an der Klassenfahrt muss vielleicht ausfallen, möglicherweise gibt es keinen Computer oder Fernseher in der Familie. Ob Wasser, Strom oder Essen - es muss gespart werden, wo es möglich ist.
Die deutsche Armutsgrenze unterscheidet sich natürlich von der in anderen Ländern. Die absolute Armut ist für die meisten Deutschen kaum vorstellbar. Sie ist gekennzeichnet durch ein Leben am äußersten Rand der Existenz, d.h. es fehlt an Mittel, um lebenswichtige Grundbedürfnisse zu befriedigen. Das kann beispielsweise der Mangel an Wasser, Nahrung oder Bildung sein.
In Deutschland ist vor allem die gefühlte Armut verbreitet. Menschen, denen beispielsweise durch Schicksalsschläge weniger Einkommen zur Verfügung steht und, die verschlechterte Lebensstandards befürchten müssen oder erleben, sind hiervon betroffen. Diese Form der Armut kann nicht an Einkommensgrenzen gemessen werden. Es ist ein subjektives Gefühl der Ohnmacht. Für die Betroffenen ist dies allerdings eine belastende Situation, die nur schwer zu ertragen ist.
Doch natürlich sind auch ländliche und städtische Armut nicht gleichzusetzen. Der Frage nach den Unterschieden gingen die Forscher des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (SI) in ihrer Studie „Armut in ländlichen Räumen" nach. Im Sommer 2009 führten zwei SI-Projektmitarbeiterinnen in fünf Landkreisen in Niedersachsen 30 Interviews mit Betroffenen.
Die Studie zeigt Ängste und Probleme der Menschen auf dem Land, wie in Ostfriesland, auf. Vor allem die Ausgrenzung aus der Dorfgemeinschaft ist für viele ein großes Problem. Anders als in der Stadt ist es auf dem Land noch von großer Bedeutung, im Schützenverein zu sein oder in die Kirche zu gehen. Das sorgt für ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch wer kein Geld für die Kollekte oder die Vereinsbeiträge hat, wird schnell zum Aussätzigen.
Außerdem ist es auf dem Land viel schwieriger, sich die Armut nicht anmerken zu lassen. Jeder kennt jeden und es wird viel geredet. Auch die mangelnden Mobilitätsmöglichkeiten werden rasch zum Problem. Ohne Auto ist jeder Gang in die Stadt schwer und kostet Geld. Busse fahren nur selten und so haben Menschen in dörflichen Regionen auch Probleme, Kultur- und Bildungsangebote wahrzunehmen.
Gerade deshalb ist es so schwierig, die betroffenen Menschen in Ostfriesland zu unterstützen. Angebote wie das „soziale Kaufhaus" gibt es allerdings vor allem in der Stadt und so sind sie für die Menschen auf dem Land schwer zu erreichen.
Dennoch ist das Projekt der evangelisch-reformierten Kirche in Emden eine gute Möglichkeit der Armutsproblematik entgegen zu wirken - wenn auch primär der in der Stadt. Im „sozialen Kaufhaus" werden Haushaltswaren, Kleidung, Bücher, Möbel und Elektrogeräte angeboten, die als Spenden gebracht oder kostenlos abgeholt wurden.
Die Preise sind erstaunlich niedrig. Pullover beispielsweise werden für einen oder zwei Euro angeboten, Bettwäsche für nur 1,50 Euro. Jeder kann sich dort etwas kaufen und wer auf Harzt-IV-Niveau lebt bekommt eine Kundenkarte und damit noch einmal 30 Prozent Rabatt. Dadurch, dass das Kaufhaus für jeden zugänglich ist, braucht sich niemand angeprangert oder beschämt zu fühlen.
Um dem Leiden in ganz Ostfriesland entgegen zu wirken, gründete sich 2009 in Emden die sogenannte „Armutskonferenz Ostfriesland". Bisher waren die Initiativen und Hilfsangebote noch nicht vernetzt. Jetzt wollten Vertreter aus Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden sowie Akteure aus öffentlichen Einrichtungen gemeinsam etwas erreichen. Was alle verbindet, ist der Kontakt zu den Betroffenen in der Gesellschaft.
Unter anderem haben sich auch die „Tafeln" und die Wohnungslosenhilfe angeschlossen. Ziel ist es in erster Linie, auf die Probleme aufmerksam zu machen, um sie dann lösen zu können. So setzen sich die Mitglieder der "Armutskonferenz" bei ihrer Gründungssitzung zum Ziel, die Armut in Ostfriesland zu definieren und herauszuarbeiten, um dadurch die Folgen für den einzelnen Menschen in der Öffentlichkeit deutlich zu machen. Die „versteckte Armut" müsse deutlich gemacht werden, um gemeinsam Lösungen für die Region Ostfriesland zu finden.
(Text: Regina G. Gruse)
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Der amerikanische Blick auf Europa |
Kommentare
Es hatte sich ein Schreibfehler eingeschlichen. Es handelt sich natürlich nicht um DIE ärmste Gegend Deutschlands, sondern um eine der ärmsten Regionen. Danke für deinen Hinweis.
LG die Chefredaktion