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Kultur / Literatur 15.07.10

Anne Fortiers Weltbestseller "Julia"

Text: Julia Hanel

julia_teaserJulias Kulturecke: Kritik zum Buch „Julia"
„Ein größeres Elend gab es nirgendwo, als das von Julia und ihrem Romeo." Als Shakespeare 1597 die wohl tragischste Liebesgeschichte der Welt veröffentlichte, war nicht zu erahnen, was ihr über die Jahrhunderte hinweg folgen sollte: Adaptionen, Opern, Filme und Hörbücher. Die jüngste Fassung ist das Erstlingswerk der dänischen Autorin Anne Fortier.


In einem wesentlichen Punkt unterscheidet sich ihr historischer Roman von den bisherigen Fassungen. Er spielt nicht „einst im lieblichen Verona", sondern im heutigen Siena. Dieser Kniff ist durchaus kein Stilbruch der Autorin, die sich hier klar auf die Fakten besinnt, welche belegen, dass Shakespeare wohl gewisse Vorlagen für sein Liebesdrama hatte. Diese wiederum siedeln das Geschehen im toskanischen Siena an. Dort lieferten sich im 14. Jahrhundert die verfeindeten Familien Tolomei und Salimbeni erbitterte Fehden um Macht und Reichtum. In ihrem Roman „Julia" greift Fortier diese Geschichte auf und spinnt sie zu Ende.

Die Suche nach ihren Wurzeln und die Hoffnung auf eine satte Erbschaft führen die junge Amerikanerin Julia Jacobs ins italienische Siena. Nach dem mysteriösen Tod ihrer Eltern war sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Janice bei ihrer Tante Rose in den Vereinigten Staaten aufgewachsen. Als diese nun überraschend stirbt, erbt Julia einen Schließfachschlüssel und einen merkwürdigen Brief, der sie auffordert, nach Italien zu reisen und den Familienschatz zu bergen.

Das Schließfach in der Bank in Siena enthält jedoch weder Wertpapiere noch kostbaren Schmuck. Stattdessen erwartet Julia eine alte Schatulle mit vergilbten Schriftstücken. Aus diesen geht hervor, dass sie eigentlich Giulietta Tolomei heißt und somit eine Nachfahrin jener Giulietta ist, die sich im Mittelalter in den Sohn der verfeindeten Sippe verliebt hatte. Und natürlich läuft ihr kurz darauf auch ihr ganz persönlicher Romeo über den Weg, der zwar Alessandro heißt, aber - ganz im Shakespearschen Sinn - ein Nachfahre der verhassten Feindesfamilie ist.

julia_textDer Roman „Julia" profitiert hauptsächlich von einem geschickten Wechselspiel zweier Zeitebenen. Ein Handlungsstrang ist in der Gegenwart angesiedelt, ein zweiter führt den Leser anhand eines alten Tagebuchs ins Spätmittelalter. Anne Fortier zitiert hier aus den tatsächlich existierenden alten Novellen aus den Jahren 1476 bis 1562, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Shakespeare als Vorlage gedient hatten.

Fortiers Roman ist durchaus fundiert recherchiert. Während der dreijährigen Arbeit an ihrem 650 Seiten starken Wälzer bereiste sie zusammen mit ihrer Mutter etliche Male Siena, durchforstete Archive nach Stammbäumen und alten Dokumenten, ließ sich von Stadthistorikern an Orte führen, die für Touristen üblicherweise verborgen blieben und zeichnete Pläne von alten Festungen und Gebäuden. Der Roman besticht somit vor allem durch Detailtreue und exakte Beschreibungen historischer Plätze und Orte. Wer noch nie zuvor im wunderschönen Siena war, wird nach diesem Roman womöglich die Koffer packen.

Sprachlich ist Fortiers Roman kein Höhenflug. Wirken die Passagen, die in der Vergangenheit angesiedelt sind, noch melodisch und poetisch, erscheint die Erzählweise der gegenwärtigen Handlung eher simpel. Auch die Dialoge erinnern gelegentlich an kitschige Hollywood-Szenarien. Fraglich ist zudem, wie es möglich ist, dass sich nahezu alle Figuren in derselben Sprache unterhalten, wo doch die Protagonistin kein Italienisch spricht und Italien nicht gerade für seine Offenheit gegenüber der englischen Sprache bekannt ist.

Bedauerlicherweise gelingt es der Autorin ebenfalls nicht, ihre Figuren von einer klischeehaften Darstellung wegzuführen. Hier begegnet die „typische Amerikanerin" dem „typischen Italiener". Vor allem die Protagonisten Julia und Allesandro sind äußerst stereotyp konzipiert. So trifft zwangsläufig auch amerikanisches Weltbild auf historische Adelsgeschichten aus dem alten Europa. Zudem werden die Charaktere zu oberflächlich beschrieben, um Sympathie für sie empfinden zu können. Für den Leser bleiben die Protagonisten bedauerlicherweise schwach gezeichnete Unbekannte.

Fazit: Dass „Julia" zum Weltbestseller avancierte ist durchaus nachvollziehbar. Es handelt sich hierbei um einen massentauglichen Schmöker, der durchaus Unterhaltung verspricht. Die einfache Erzählweise macht den Roman zur idealen Urlaubs- und Freibadlektüre. Wer auf triviale Dialoge und stereotype Charaktere empfindlich reagiert, lässt das Buch allerdings besser im Regal stehen.


(Text: Julia Hanel / Fotos: S. Fischer Verlag)

Kommentare

avatar Judith
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Hab mir das Buch heute gleich mal bestellt...Klingt ja schon sehr interessant. Mich hast du jedenfalls neugierig gemacht..:-)
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