Kultur / Literatur 29.07.10
Text: Julia Hanel
Julias Kulturecke: Buchkritik zu „Zwei an einem Tag"
Über eine Zeitspanne von 20 Jahren beobachtet der englische Autor David Nicholls die Lebensgeschichten seiner Protagonisten Emma und Dexter - immer am 15. Juli. Er erzählt, wie sie ausziehen, um die Welt zu erobern, wie sie reisen, lieben und leben. Wie sie Fehler machen und bereuen. Wie sie sich verirren und vom Weg abkommen, wie sie fallen und wieder aufstehen und wie sie sich dabei nie aus den Augen verlieren.
1988 ist Dexter ein unverschämt gutaussehender Sohn reicher Eltern mit einem mittelmäßigen Abschluss in Anthropologie und einem Ruf als charmanter Weiberheld. Berufliche Ambitionen hat er keine. Vielleicht zum Fernsehen, vielleicht in die Medien. Aber erst einmal reisen und das Leben genießen. In der Nacht der Abschlussfeier landet er mit Emma im Bett, Weltverbesserin mit Einser-Abschluss, moralisch, tiefgründig, kleinbürgerlich. Am Morgen danach gehen beide getrennte Wege. Emma schlägt sich als Kellnerin in einem Billig-Restaurant durch und sucht nach ihrer wahren Berufung.
Dexter dagegen genießt das Leben, das Reisen, die Frauen. Während Emma perspektivlos Tacos serviert, wird Dexter zum gefeierten Medienstar. Als es bei Emma dann endlich aufwärts geht, verliert Dexter Job und Model-Freundin und tröstet sich mit Alkohol und Drogen. Sein Leben hätte keinen Sinn mehr, wäre da nicht Emma, seine einzig wahre Freundin, die ihn regelmäßig mit Briefen, Postkarten und Anrufen aufheitert.
Mit Emma und Dexter präsentiert David Nicholls Charaktere, die der Leser nahezu lieben muss. Eine idealistische Friedensaktivistin, die lieber die Welt verändert, als sich Kontaktlinsen zu kaufen und einen attraktiven Großstadt-Dandy, der unbekümmert in den Tag hineinlebt und das Leben in vollen Zügen genießt.
Trotz ihrer Gegensätzlichkeit sind beide nicht nur sich selbst, sondern auch dem Leser sympathisch. Am Leben dieser zwei grundverschiedenen Menschen teilzunehmen, ist unglaublich faszinierend, sie über 20 Jahre lang zu beobachten ein voyeuristisches Vergnügen. Für den Leser werden Emma und Dexter gewissermaßen zu Vertrauten, zu Freunden, deren Höhen und Tiefen er miterlebt, deren Tränen er teilt.
David Nicholls eroberte bereits mit Komödien wie „Keine weiteren Fragen" und „Ewig Zweiter" die englischen Bestsellerlisten. Die Filmrechte an beiden Büchern sicherte sich seinerzeit Tom Hanks Produktionsfirma. Auch seinen jüngsten Roman „Zwei an einem Tag" spickt er mit Ironie und Humor. Auf die Schippe genommen wird hier nicht nur die oberflächliche Medienwelt. Auch die Naivität politischer Aktivisten, kosmopolitischer Yuppies und konservativer Alt-Aristokraten wird nahezu vorgeführt. Nicholls beweist ein weiteres Mal Mut zu trockenem, teilweise schwarzem Humor.
Wenn dieser Roman eine Schwäche hat, dann, dass er zu schnell vorbei ist. Trotz seiner 600 Seiten liest sich „Zwei an einem Tag" wie im Flug. Wer ihn zur Hand nimmt, wird ihn nicht mehr weglegen wollen. So sollten Bücher sein.
(Text: Julia Hanel)
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titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
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