Kultur /
Film & Fernsehen
18.09.09
Text:
Julia Hanel
Julias Kulturecke: DVD "Der fremde Sohn"
„Das ist nicht mein Sohn". Christine Collins steht 1928 fassungslos am Bahnhof von L.A. Hinter ihr eine Horde von Reportern mit Kameras, die das glückliche Wiedersehen von Mutter und Kind festhalten wollen. Doch die allein erziehende Mutter ist sich sicher: Der Junge, den ihr Captain J.J. Jones stolz präsentiert und der lächelnd „Mama" zu ihr sagt, ist nicht ihr vor fünf Monaten verschwundener Sohn Walter.
Doch eigentlich beginnt alles viel früher. Die junge Telefonistin Christine Collins (Angelina Jolie) kommt von der Arbeit nach Hause und findet ein leeres Haus vor. Ihr neunjähriger Sohn Walter ist verschwunden. Verzweifelt gibt sie eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf, doch nichts passiert. 5 Monate lang. Dann der überraschende Anruf der Polizei: „Ihr Sohn Walter wurde gefunden. Es geht ihm gut." Christine ist überwältigt...bis zu jener Szene auf dem Bahngleis. Was folgt, ist ein einziger Albtraum. Die Polizei schenkt ihrer Aussage keinen Glauben. Sie sei nervlich angeschlagen, müsse sich erst wieder an den Jungen gewöhnen. Christine lässt sich überreden das Kind mit nach Hause zu nehmen. Dort fallen ihr optische Veränderungen auf, die sie sich ärztlich belegen lässt und der Polizei übergibt. Sie fordert die sofortige Wiederaufnahme des Falls. Dieses Verhalten lässt sich die Polizei nicht bieten, hetzt die Presse gegen die „Rabenmutter" auf und sperrt sie in eine Nervenheilanstalt, wo sie mit Elektroschocks dazu gebracht werden soll, ihren Irrtum einzusehen. Pastor Briegleb (John Malkovich) wird auf den Fall aufmerksam. Seit Jahren prangert er in seinen Predigten und seiner Radiosendung die Polizeiwillkür im Staat Kalifornien an. Mit Hilfe vieler Demonstranten und einem Topanwalt gelingt es ihm, Christine aus der psychiatrischen Hölle zu befreien und den gesamten Polizeiapparat vor Gericht zu zerren. Zur selben Zeit wird auf einer Farm in Wineville ein grausamer Massenmord an 20 kleinen Jungen aufgedeckt. Und von Walter fehlt nach wie vor jede Spur...
Für seinen packenden Thriller „Der fremde Sohn" griff Hollywood-Legende Clint Eastwood auf die wahre Geschichte der Christine Collins zurück, die sich genau so in den 20er Jahren zugetragen hat. Bekannt geworden ist dieser berüchtigte Fall unter dem Namen „Wineville Chicken Murders". Noch heute zählt er zu den grausamsten und skrupellosesten Verbrechen in der Kriminalgeschichte der Vereinigten Staaten.
Nach Filmen wie „Million Dollar Baby", „Letters from Iwo Jima" und „Gran Torino" lieferte Clint Eastwood hier sein nächstes Meisterwerk ab, das ergreifender und packender nicht sein könnte. Er kreierte einen Film, der mehr ist als nur ein Drama, der zugleich Psychothriller, Familientragödie und Politthriller ist. Denn neben dem Schicksal der Christine Collins und dem Massenmord an kleinen Jungen, geht es hier auch um das Amerika der 20er Jahre, um korrupte Polizeibehörden und menschenunwürdige Zustände in Nervenkliniken, um die Auflehnung der Gesellschaft gegen die Staatsgewalt.
Ein Highlight dieses eindrucksvollen Films ist auch die weibliche Hauptdarstellerin. „Der fremde Sohn" zeigt Angelina Jolie in einer ihrer stärksten Rollen. Selten hat man die vollmundige Hollywood-Diva derart überzeugend erlebt. Ein weiteres Mal wird hier deutlich, wie wandelbar die Oscar-Preisträgerin ist. Schlüpfte sie doch schon in Rollen wie Lara Croft, wirkt sie in diesem Film beinahe fragil und zart. Sie nimmt sich regelrecht zurück und überträgt ihre Wut und Verzweiflung auf das Publikum. Das Schicksal der allein erziehenden Christine Collins wirkt dadurch authentischer. Angelina Jolie brachte diese Rolle zu Recht eine Oscar-Nominierung ein.
Dass Clint Eastwood in seinen Regiearbeiten zur Überlänge tendiert, stört auch in diesem Fall nicht. Die 140 Minuten verlaufen zwar äußerst still, entwickeln jedoch eine unglaubliche Spannung und Tiefe. Bis zur letzten Sekunden hofft man mit Christine Collins, dass ihr Sohn zurückkehrt. Bis zur letzten Sekunde will man nicht glauben, dass sich eine derartige Geschichte tatsächlich abgespielt hat. Und am Ende ist man einfach nur schockiert.
Fazit: Ein Film, der einen nicht mehr loslässt...Grandios!
(Text: Julia Hanel)
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