Kultur / Literatur 24.02.10
Text: Regina G. Gruse
Interview über die Hosentaschengeschichten
Wie entstand die Idee einen Verlag für Hosentaschengeschichten zu gründen?
Das wäre eigentlich an sich schon eine Hosentaschengeschichte wert. Die Idee entstand aus reiner Langeweile. Als ich im Sommer 2006 ein WG-Zimmer im Erdgeschoss bezog, sah ich immer so viele Passanten vor meinem Fenster entlang gehen. Damals saß ich den ganzen Tag lang einsam am Schreibtisch und schrieb an einem Drehbuch. Eines Tages kam mir die Idee, irgendwie mit den Leuten da draußen in Kontakt zu treten. Ich hängte also einen winzigen Kasten unterm Fenster auf, in den ich meine eigenen Kurzgeschichten steckte - fotokopiert und handgefaltet. Ich dachte damals, die Leute würden vielleicht 20 oder 30 Stück im Monat mitnehmen. In der Tat jedoch waren es dann sehr schnell 250 bis 300 Exemplare im Monat und die Sache wurde ein deutlich kostspieligeres Hobby, als geplant.
Zwanzig Monate lang habe ich alle vier Wochen eine neue Geschichte herausgebracht. Dann gingen mir erst einmal die Ideen aus und ich hatte auch nicht mehr so viel Zeit zum Schreiben. Parallel zu dieser inneren Flaute kamen allerdings die ersten Anfragen von Autoren, die auch gerne einmal etwas in diesem ‚Verlag' veröffentlichen wollten. Und da war die Idee geboren. Ich denke, das ist etwas, das viele gute Ideen gemein haben - sie reifen irgendwo da oben an einem Ideenbaum unbemerkt vor sich hin und, wenn die Zeit gekommen ist, fallen sie uns vor die Füße. Da merkt man dann ganz plötzlich, dass da über Monate hinweg ein Prozess im Gange war, den man gar nicht wahrgenommen hat.
Mit welchen Problemen hatten Sie bei der Gründung eines eigenen Verlags zu kämpfen?
Es ist nicht leicht, Händler von der Idee zu überzeugen. Bei den Hosentaschengeschichten handelt es sich um ein völlig neues Produkt, das in keine der bekannten Kategorien passt. Es ist Literatur, aber kein Buch, es erscheint regelmäßig, ist aber keine Zeitschrift, es ist ein A3-Bogen, aber kein Flyer, es ist ‚To go', aber kein Kaffee. Ich kann den Leuten also schlecht sagen ‚Machen Sie das so, wie mit dem und dem Artikel. Ich brauche Händler, die Lust auf etwas Neues haben und ihre Kunden noch wirklich beraten. In den Läden, in denen die Inhaber von den Hosentaschengeschichten begeistert sind und diese Begeisterung an die Kunden weitergeben, verkaufen sich die Geschichten sehr gut. Man muss eben auf etwas so Neues erst einmal hinweisen.
Warum Hosentaschengeschichten und nicht Hosentaschenromane?
Manche der Hosentaschengeschichten sind in der Tat Kurzromane. ‚Geschichte' ist eben der Oberbegriff und lässt mir als Verlegerin mehr Freiheit bei der Textauswahl. Da kann ich auch mal fünf oder sechs einzelne Texte eines Autors hintereinander hängen, ohne dass sie von den gleichen Figuren erzählen. Außerdem hat mir der Klang von ‚Hosentaschengeschichten' gefallen - da gibt es dieses ‚Scheschich', das ein wenig wie ein Raunen klingt oder ein Blätterrauschen im Wald.
Gibt es zwischen den jeweils sechs zusammen erscheinenden Hosentaschengeschichten einen inhaltlichen Zusammenhang oder ist für jeden Geschmack etwas dabei?
Letzteres. Ja genau, es soll eben keinen Zusammenhang zwischen den sechs Hosentaschengeschichten einer Edition geben. Sonst würden vielleicht dem einen Leser alle sechs Texte gefallen, dem anderen aber gar keiner und der hätte dann Monate zu warten auf die nächste Ausgabe. Ich will viel Abwechslung bieten mit den Texten. Nicht die ewig gleichen, bekannten Autoren mit den immer gleichen Themen. Die Grenze zwischen Hochliteratur und Unterhaltungsliteratur verläuft in Deutschland heute sehr stark auf der inhaltlichen Ebene. Was sich mit ernsten Alltagsproblemen befasst, mit Tod, Krankheit, Depression, Unglück, das ist eher Hochliteratur und was lustig ist, fantastisch, romantisch, optimistisch, das gilt dann gleich als weniger literarisch. Das langweilt mich. Ich mag gut geschriebene Text von Autoren, die ihre Figuren mögen und sie ernst nehmen, aber das heißt doch nicht, dass immer alles traurig und tragisch sein muss.
Kommen Sie aus Hannover, oder warum wählten Sie die Landeshauptstadt als Verlagsstandort?
Sowohl als auch. Wenn man einen Literaturverlag gründen will, dann überlegt man natürlich erst einmal, damit in die ‚passende' Stadt zu gehen. Das wäre wohl am ehesten Berlin gewesen. Aber ich hatte keine Lust, eine unter Hunderten oder gar Tausenden zu sein. Da sitzt man dann mit seinem Notebook im Szenecafé und erzählt sich gegenseitig, wie hart das alles ist und was für grandiose Pläne man für das eigene Projekt hat. Darum ging es nicht. Ich wollte machen, nicht drüber reden. Hannover hat nicht den Ruf einer Weltstadt und ein Projekt ist nicht gleich aufregend, nur weil es das Attribut ‚hannoveraner' trägt, so wie es bei ‚hamburger' oft der Fall ist. Ich lebe seit 13 Jahren in Hannover und hatte es aus Celle auch nicht weit hier her. Hier habe ich meine Freunde, hier kenne ich mich aus. Außerdem kommt man leichter mit Leuten ins Gespräch, die Wege sind kürzer. Hier kann man noch etwas bewegen, weil noch nicht alles so übersättigt ist.
Wie versuchen Sie die Hosentaschengeschichten bekannt zu machen?
Natürlich muss man viel PR-Arbeit leisten, braucht Berichte in Zeitschriften, im Radio, im Fernsehen und im Internet. Ein Produkt, das keiner kennt, kann auch keiner kaufen. Und ich bin ja im Grunde meines Herzens immer noch das naive kleine Mädchen, das einfach nur mit schönen Geschichten die Menschen glücklicher machen will. Ob sich das Ganze dann auch mal finanziell rechnet, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Wenn es darum ginge, dann würde ich einfach nur bekannte Autoren nehmen und deren Verlage meine Pressearbeit machen lassen. Am liebsten wäre es mir, wenn sich die Idee einfach herumspricht, aber so geht das heute nicht mehr. Wer am lautesten schreit, den hört man auch am besten. Also gebe ich mir Mühe, lauter zu werden, als es eigentlich meine Art ist.
Wie finden Sie Ihre Autoren oder auch, wie finden insbesondere unbekannte Autoren Ihren Verlag?
Unbekannte Autoren sind sehr rege. Die googeln oft einfach nur das Wort ‚Verlag' und klappern alles ab, was sie da finden. Dadurch, dass ich extra ein Einreichformular für Texte auf meine Homepage gestellt habe, gebe ich den unbekannteren Autoren die Möglichkeit, ihre Texte in professioneller Form bei mir einzureichen, auch wenn sie sich vielleicht noch nie mit Fachbegriffen wie ‚Normseite' (Ein Seitenformat, in dem Manuskripte bei Literaturverlagen und -agenten gesetzt werden, damit man die Textlänge kalkulieren kann) beschäftigt haben. Bei den bekannteren Autoren muss ich mehr Arbeit hineinstecken, um an die Texte zu kommen. Die spreche ich persönlich an, per Mail oder auf Messen und in Workshops.
Wo können die Leser die Hosentaschengeschichten kaufen?
Am einfachsten geht es über den Shop auf der Homepage - hosentaschengeschichten.de. Da kann man nachsehen, wo in der Nähe es die Hosentaschengeschichten zu kaufen gibt. Im Moment befindet sich dieses Händlernetzwerk noch im Aufbau. Der Königsweg wäre es natürlich, den eigenen Lieblingsbuchhändler, das Stammcafé oder den Geschenkeladen um die Ecke zu überreden, dass er sich eine Box Hosentaschengeschichten hinstellt. Das macht dann beide Seiten glücklich, weil der Käufer seine Hosentaschengeschichten stets greifbar hat und der Händler ein gutes Geschäft macht mit einem ehrlichen Produkt. Aufgrund der Größe sind die Hosentaschengeschichten auch ideal als kleines Kundengeschenk zur Rechnung oder als „Betthupferl" auf dem Hotelbett.
Wie sieht die Zukunft des Hosentaschenverlags aus?
Welteroberung, ganz klar! (lacht) Es gibt viele aufregende Ideen für die Zukunft, die ich hier natürlich nicht alle ausplaudern kann. Jetzt geht es erst einmal darum, den Leuten zu zeigen, warum es ein Faltblatt geworden ist und kein weiteres Heftchen. Die nächste Ausgabe ist so gestaltet, dass man die Hosentaschengeschichten als Postkarten verschicken kann - einfach die Adresse draufschreiben, eine Briefmarke aufkleben und los geht's. Dann gibt es auch die Überlegung, große Bastelbögen unter den Text zu drucken - in einer anderen Farbe, die beim Lesen nicht stört. Es gibt Vieles, was man mit so einem A3-Bogen machen kann. Ins Regal stellen ist da nur eine Möglichkeit.
(Interview: Regina G. Gruse / Fotos: Leinebrandung und Marina Hartfelder)
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