„Hallo, ich bin Lena, ich bin 18 Jahre alt und komm aus Hannover." Die ersten Worte, die eine gewisse Lena Meyer-Landrut mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht in die Kameras der Casting-Show „Unser Star für Oslo" sagte. Doch was kurz darauf bei Ihrem Auftritt vor Live-Publikum folgte, war an Coolness, Entertainment und Natürlichkeit kaum zu überbieten. Lenas Originalität, die in jeder Bewegung, in jedem extravaganten Ton, in jedem Gesichtsausdruck zum Vorschein kam, begeisterte sowohl Publikum als auch Jury von der ersten Sekunde an. Da fehlten sogar Chef-Juror und „USFO"-Lehrmeister Stefan Raab zeitweilig die Worte, nur um kurz danach unisono zusammen mit Yvonne Catterfeld Marius Müller Westernhagen sich in Lobeshymnen auszubrechen, die schließlich in den Worten „Menschen werden Dich lieben" gipfelten - wie wahr.

Die junge Abiturientin ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht, dass sie nur wenige Monate später vor weit über 100 Millionen Menschen in ganz Europa als deutsche Teilnehmerin am Eurovision Song Contest teilnehmen sollte. Bis dahin galt es jedoch noch einige Runden von „USFO" zu meistern. Mit Liedern von Kate Nash, Paolo Nutini, Jason Mraz und weiteren Künstlern sang, tanzte und begeisterte sich Lena bis ins Finale, in dem sie mit dem für den Song Contest geschriebenen Song „Satellite" auserkoren wurde, Deutschland zu vertreten.
Und nun kam der Tag, dieser lang erwartete 29. Mai 2010, an dem die Veranstaltung in der Telenor Arena in Oslo zur einzigartigen Showbühne für Lena werden würde. Der anfängliche Respekt gegenüber der riesigen Halle war schnell verflogen. Und als Lena mit der Startnummer 22 angekündigt wurde und voller Selbstbewusstsein auf die Bühne trat, kam es in der Arena zu einem Beifall- und Jubelsturm, wie ihn ein deutscher Teilnehmer noch nie vor einem Auftritt erleben durfte.
Dann begann die Lena-Show. Drei Minuten, in der sie mit ihrem Lied „Satellite" von der ersten Sekunde an jeden anderen Musiker des Abends in den tiefschwarzen Schatten ihres gleichfarbigen Kleides stellte. Weder die im Vorfeld als Mitfavoriten gehandelten Safura aus Aserbeidschan, der französische Gute-Laune-Tänzer Jessy Matador noch die alljährliche und nicht unterzukriegende Punkteschacherei konnten in diesem Jahr Lena auch nur annähernd gefährden.
Und es war ein großartiger Auftritt. In bester Entertainment-Manier entführte Lena das Publikum mit in ihre eigene Welt, in der es keinen Platz für Normalität, gekünstelte Show-Elemente oder Kleider mit LED-Tuning gibt - sondern nur Lena. Während die meisten anderen Interpreten die Bühne mit Tänzern, Treppen oder anderen Accessoires füllten, konnte sich das Publikum beim 22. Titel voll und ganz auf Lena und ihre Background-Sängerinnen konzentrieren und sich von dieser unnachahmlichen Leichtigkeit anstecken lassen.

Als es dann zur Punktevergabe kam konnten sich viele bereits nach den ersten Ländereinspielungen denken, in was für eine Richtung sowohl Publikum als auch Jurys tendierten. Innerhalb kürzester Zeit stürmte Lena auf Platz eins und gab diesen bis zum Ende der Show nicht mehr ab. Insgesamt neun Mal durften sich die deutsche Ecke und alle Fans über „Germany - 12 Points!" freuen - wobei man Lenas Gesicht dann nur noch unter ihren Händen begraben sah. Die Überraschung und Ungläubigkeit über das Ergebnis war ihr anzusehen.
Bereits vor den letzten sechs Punktevergaben lag Lena mit uneinholbaren 76 Punkten vorne, was zunächst weder Kommentator noch die Künstlerin selbst realisierten. Nach der letzten Einspielung war es dann offiziell, Lena hat das Unglaubliche möglich gemacht und den Eurovision Song Contest mit 246 Punkten gewonnen und sich zugleich die Herzen ganz Europas erobert.
Der anschließende nochmalige Gang auf die Bühne, begleitet von der gesamten deutschen Delegation samt Deutschland-Fan-Utensilien entwickelte sich auch sofort zu einer weiteren Lena-Show. Die Preisübergabe durch den Vorjahressieger Alexander Rybak und das anschließende Kurzinterview zeigten, wie überwältigt Lena von diesem Erfolg war - damit war einfach nicht zu rechnen. Doch Lena ahnte bereits, dass der Abend für sie gerade erst beginnen sollte. Denn wie bei der Finalshow von „USFO" war es ihr vorbehalten, ihr Lied „Satellite" nochmals zu vorzutragen. „Muss ich nochmal singen?" vergewisserte sie sich über ihren Triumph und legte kurz darauf mit Deutschlandfahne in der Hand nochmals los, als wäre sie schon ein alter Hase in diesem Geschäft. Typische Einlagen wie „Oh my god, this is so crazy!" komplettierten diesmal auch die kleinsten Pausen in ihrer Performance und demonstrierten, dass der Eurovision Song Contest mehr ist als nur Schall und Rauch, sondern ein von Emotionen geleitetes Happening, das in diesem Jahr durch eine 19-jährige Abiturientin auf eine neue Ebene katapultiert wurde. Den Abschluss ihres Auftrittes rundete Lena mit dem Spruch „Ich weiß gar nicht wo ich jetzt hin soll, also red ich einfach noch ein bisschen..." ab - spontan, ungeniert, geschockt, Lena.

Nach den letzten drei Versuchen mit Raab'scher Beteiligung ist diesem nun endlich das gelungen, was Deutschland seit 28 Jahren verwährt blieb. Aber der diesjährige phänomenale Sieg mit einer Newcomerin, die noch vor wenigen Wochen ihr Abitur schreiben musste, überwältigte sogar den sonst so abgeklärten Raab. Auf der nach dem Event stattfindenden Pressekonferenz stimmte dieser sogleich seine ganz persönliche Nationalhymne „Ich liebe deutsche Land" an und proklamierte sogleich, dass Lena es doch verdient hätte, im nächsten Jahr den Titel selbst verteidigen zu dürfen. Lenas Antwort: „Ich bin dabei!".
(Text: Robert Reiche / Fotos:
http://www.eurovision.tv ; EBU - Giel Domen (1./4.), Indrek Galetin (2.))
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