Panorama / Einblick 26.01.10
Text: Regina G. Gruse
Die Missbrauchsfälle passieren jedoch nur sehr selten von einem „gefährlichen Fremden", wie allgemein bekannt. Weit über die Hälfte aller Missbrauchsfälle geschehen innerhalb der Familie, viele auch innerhalb des Bekanntenkreises- unabhängig von der Gesellschaftsschicht. Je enger die Beziehung zwischen Opfer und Täter, desto wahrscheinlicher geschieht der Missbrauch über längere Zeit und mit überwiegend psychischer Gewalt.
Schweigen ist das oberste Gebot
Ein Kind hat durch die enge Beziehung zum Täter kaum eine Möglichkeit auf den Missbrauch aufmerksam zu machen. Schweigen ist innerhalb der Familie das oberste Gebot. Oft kommt es dem kindlichen Opfer gegenüber zu Androhungen von noch mehr Gewalt oder sogar Tötung, doch das ist eigentlich gar nicht nötig. Das Kind ist an die Autorität des Erwachsenen gewöhnt und besonders im Familienkreis auch abhängig. Bei Missbrauchsfällen durch die Eltern hat das Kind meist ein Gefühl der Mitschuld, dass der Täter noch unterstützt. Aussagen, wie „du bist so sexy, ich konnte nicht anders" oder „alle Väter machen das, weil sie ihre Töchter lieben", verunsichern das kindliche Opfer und stärken das Schweigen.
Bei betroffenen Mädchen wurde außerdem festgestellt, dass sie häufig eine enorme Stärke entwickeln. Sie ertragen den Missbrauch, um jüngere Geschwister zu schützen oder um die Stabilität der Familie nicht zu gefährden. Sie wissen, wenn sie etwas sagen werden der Vater im Gefängnis, die Geschwister im Heim und die Mutter allein enden. Auch diese Vorstellungen werden vom Täter häufig unterstützt und bis ins Unerträgliche weiter getrieben.
Die Rolle der Mutter
Wird die Mutter als schwach wahrgenommen, versucht das Kind auch sie zu schützen. Immer wieder kommt es allerdings vor, dass die Mütter Bescheid wissen, jedoch aufgrund von Abhängigkeiten zum Täter nichts bekannt geben. In manchen Fällen halten sie auch nach dem Brechen des Schweigens weiter zum Täter. Das macht es den Kindern nahezu unmöglich mit ihrem Problem nach außen zu gehen. Sie wollen die Liebe der Mutter nicht auch noch verlieren.
Es gibt jedoch auch weibliche Täter. Aufgrund von Schätzungen durch Stichproben wird momentan von 90 Prozent männlichen und zehn Prozent weiblichen Straftätern ausgegangen. Aufgrund von Mütterlichkeitsbildern in unserer Gesellschaft ist Missbrauch durch Frauen ein noch größeres Tabu.
Jungen macht es doch „Spaß"
Ähnlich ignorant steht die Gesellschaft zu sexuellem Missbrauch an Jungen. Eine Reihe von Vorurteilen erschwert es einem Jungen zusätzlich, auf den Missbrauch aufmerksam zu machen. Es wird allgemein das Image gepflegt, dass ein Junge nicht schwach sein dürfe und sich selbst wehren können müsse. Daher sei es seine eigene Schuld, wenn er missbraucht würde. Außerdem wird ein Missbrauch oft fälschlicherweise als Ritus zum Mann-werden durch eine ältere Frau angesehen. Dem Jungen mache es ja „Spaß". Auch die Ansicht, jeder missbrauchte Junge würde später selbst zum Täter, macht es einem Opfer sehr schwer, davon zu berichten. Missbrauch an Jungen findet seltener innerhalb der Familie statt. Die Täter sind meist Lehrer, Trainer oder Pfarrer - weshalb die Opfer meist „Schutzbefohlene" sind.
Die Zahl der bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs an „Schutzbefohlenen" beispielsweise durch Priester steigt aktuell immer weiter an. Zwar gibt es keine genauen Zahlen und die Dunkelziffer ist schwer einzuschätzen, dennoch ist ein Negativ-Trend in den Untersuchungen zu verzeichnen. Die Ursachen sind nicht allgemeingültig zu bestimmen, da jeder einzelne Täter individuelle, persönliche Gründe für seine Tat hat. Das einzige, was alle Täter verbindet, ist die Machtausübung gegenüber Schwächeren.
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