back view Schrift

Kultur / Life & Art 14.12.11

Krass - Ein Adjektiv für alles

Text: Christina Hubmann

Normal 0 21 false false false DE X-NONE X-NONE tt_back_viewMein persönliches Wort des Jahres
Zu den Jugendwörtern des Jahres 2011 zählen „Swag" und „Fail". Doch im Best-of-Ranking unseres Wortschatzes sollte keinesfalls „krass" fehlen - denn das passt einfach immer. Um dieses Wort verwenden zu dürfen, muss man weder im Teenageralter sein, noch eine Ahnung von Außenpolitik haben. Es ist mein persönliches Wort des Jahres.



„Krasser Typ". Ja, ich gebe zu, das waren die ersten und leider auch die einzigen Worte, die ich meiner Freundin erwiderte, als sie mir von unserem gemeinsamen Bekannten Tom erzählte. Der hat eben noch die Schulbank mit mir gedrückt und nun sein eigenes kleines Unternehmen gegründet. Ich wusste doch schon immer, dass er "krass" drauf ist.

Als meine Freundin mir diese Geschichte erzählte, kam mir sofort das Wort "krass" in den Sinn. Stattdessen hätte ich ihr auch sagen können, dass Tom schon damals als sehr intelligenter und zielstrebiger Schüler auffiel, schon unser Mathelehrer ihm eine steile Karriere vorausgesagt hat und ich Tom dafür bewundere.
Aber nein, ich sitze verwundert da, schüttle mit dem Kopf, runzle meine Stirn und antworte nur „krasser Typ!" Mein alter Schulkamerad Tom könnte aber genauso gut Drogendealer sein, am Berliner Zoo herumlungern und kleine Hip Hopper in der Großraumdisko mit Aids-Spritzen angreifen. Auch dann wäre die Beschreibung identisch: „krasser Typ!"

Woher kommt dieses "krass"?
„Krass" bedeutet laut Duden in der Jugendsprache „extrem gut, extrem schlecht". Die Bedeutung schwankt irgendwo zwischen Betroffenheit, Erstaunen und Bewunderung. "Krass" löst „oh Gott" ab und auch „wie heftig" kann man einfach durch das das Wörtchen krass ersetzen. Synonyme dafür sind „extrem", „außergewöhnlich" oder „cool".
Der Ausdruck krass hat seinen Ursprung wahrscheinlich von „crassus" und wird schon im Grimm‘schen Wörterbuch wie folgt erwähnt: „nach lat. crassus, doch vermengt mit grasz, gräszlich; ein in manchen kreisen beliebtes superlativisches kraftwort, seit ende 18. jh., wol eben aus der studentensprache: du krasser philister!"

Irgendwann hat das Wort dann begonnen, eine steile Karriere hinzulegen, um schließlich Kultstatus zu erreichen. Da waren zum Beispiel das Comedy-Duo Erkan und Stefan, die es in den 2000er Jahren geschafft haben, dass der Ausdruck "krass" auch im abgelegten Dorf auf dem Schulhof seine Runden zieht. Mittlerweile wird es aber nicht nur für die Schlagzeile auf einer Titelseite verwendet, sondern gehört auch zum Sprachgebrauch von Mitvierzigern bei ihrem Mittagsmeeting. Längst ist die Verwendung des Wortes "krass" nicht mehr ein Erkennungszeichen unserer sogenannten Problemjugend.

Krass ist wie eine Wundertüte
"Krass" passt einfach immer. Es lässt sich problemlos in jeden erdenklichen Satz einbauen und macht ein Gespräch erst komplett. Der Ausdruck ist wie ein altes Sprichwort, dass man immer aus seiner Zauberkiste auspacken kann, wenn einem nichts anderes mehr einfällt. Es ist wie der Smalltalk über das doch so gute oder so schlechte Wetter - Hauptsache man hat irgendetwas gesagt.

Das Wort "krass" ist universell einsetzbar und Platzhaber, wenn einem der richtige Begriff fehlt. Es zeigt, dass man seinem Gesprächspartner zuhört, dass man seine Umwelt wahrnimmt und, dass man sprechen kann. Egal ob es um die Euro-Krise, Herman Cain oder um den überraschenden Erfolg der Piratenpartei beim Votum zum Berliner Abgeordnetenhaus geht. Es ist "krass". Der Ausdruck ist das Schmiergel, das anstandslos zwischen jede beliebige Satzstellung durchflutscht, sich an alle Äußerungen genüsslich ankuschelt und es genießt, immer wieder Präsenz zu zeigen.
Man trägt das Wörtchen den ganzen Tag mit sich herum und hält es auf seiner Zunge bereit, bis es mal wieder etwas zum Sagen gibt. Es passt zum Autounfall auf der A3, der letzten Show von Thomas Gottschalk bei „Wetten Dass..?" und dem Konzert von den Beatstaks. Dinge sind nicht mehr schrecklich, überwältigend oder unbeschreiblich, sondern "krass", "einfach krass" oder "krass" komibiniert mit einem beliebigen Adjektiv.

Auf „krass" kann man sich verlassen
„Ich habe mir eben ein neues Auto gekauft" - „Krass". „Ich bin schwanger" - „Krass". „Ich hatte heute Nudeln zu Mittag" - „Krass". Es scheint, als fällt uns manchmal einfach kein anderes Wort ein. Ein Nicken, ein „krass", und schon kann ein Gespräch für alle Beteiligten zufriedenstellend beendet werden.
Ohne das Wort "krass" würde uns ein Werkzeug fehlen, um unsere nicht vorhandene Meinung widerzugeben. Wir können und mögen uns nicht mehr festlegen, ob etwas gut oder schlecht ist. Überschattet von einer Welle von abertausend herein preschenden News am Tag, nehmen wir Vieles einfach nur noch als "krass" wahr. "Krass" kann alles, aber vor allem, jede denkbare Bedeutung ausdrücken.

Es gibt auf der Welt nur noch zwei Dinge: Sachen, die "krass" sind, oder Sachen, über die man nicht spricht. Das Wort "krass" ist immer verwendbar, wenn man es braucht - vor allem aber, wenn man keine Ahnung hat, keine Erfahrung oder schlicht keine Meinung über einen Sachverhalt vertritt. So gut dieser Ausdruck alle Sätze komplett und Gespräche rund macht und so sehr es deswegen mein persönliches Wort 2011 ist, sollte man bei manchen Themen aber trotzdem etwas mehr zu sagen haben, als ein einfaches Schulterzucken und ein wertneutrales „KRASS!"


(Text: Christina Hubmann)

Kommentare

B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view