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Gesellschaft / Brennpunkte 24.03.10

Schwarze Schafe

Text: Regina G. Gruse

tt_back_viewscharzes_schaf_teaserWie Einzelne das Bild der gesamten Kirche trüben
Die schrecklichen Taten einiger Priester fallen auf jeden Einzelnen der katholischen Kirche zurück. Es wird schwer werden, diese Vorurteile wieder aus den Köpfen der Gesellschaft zu bekommen.

Negativität steht im Fokus unserer Gesellschaft. In einer Herde weißer Schafe fällt das Schwarze immer am Meisten auf. Wenn irgendwo auf der Welt ein Unglück geschieht, fragt die Gesellschaft nicht „Wer hat überlebt?", sondern „Wie viele Tote gab es?". Auch die Medien fördern diese menschliche Eigenschaft, denn wer würde schon in der Zeitung von einem Segelausflug lesen wollen, bei dem nichts Dramatisches passiert ist? Da liegt es nahe, dass das Schiffunglück mit 30 Opfern mehr Anklang findet. Doch diese Sichtweise schadet auch den vielen Unschuldigen. Die Fokussierung auf das Unglück in der Welt lässt das Gute verschwinden. Wenn die schwarzen Schafe so sehr auffallen, dass die weißen übersehen werden, ist plötzlich jeder geschwärzt.
Und genau so steht derzeit jeder katholische Priester unter einem Generalverdacht, Kinder berührt, geschlagen oder missbraucht zu haben. Natürlich sind Misshandlungen nie entschuldbar - weder durch die Eltern, noch durch Lehrer oder Geistliche. Doch da besonders letztere ein moralisches Vorbild sein sollten, scheint es bei ihnen verwerflicher zu sein, als bei jedem anderen. Und das negative Bild, das einige schwarze Schafe erschaffen, fällt auf jeden einzelnen Priester zurück. Jede geistliche Einrichtung ist nun unter besonders strenger Beobachtung. Darf das so sein?

Man stelle sich einen Priester vor, der glücklich mit seiner Lebenswahl und seine Enthaltsamkeit ist. Dennoch wünscht er sich vielleicht selbst Kinder, was ihm das Zölibat allerdings untersagt. Umso mehr erfreut er sich an seinen Neffen und Nichten. Und da er Freude an der Arbeit mit Kindern hat, übernimmt er die Kindergottesdienste und den Erstkommunions-Unterricht in seiner Gemeinde. Er ist ein herzensguter Mann und nie gab es einen Grund an seinen Absichten zu zweifeln. Er geht liebevoll, aber nicht sexuell, mit den Kindern seiner Gemeinde um. Wäre es richtig, diesem Menschen nun weniger zu vertrauen, „nur", weil ein anderer Priester einen oder auch mehrere Fehler gemacht hat? Soll dieser Unschuldige dafür zur Rechenschafft gezogen werden? Denn die Realität ist heute nicht mehr die Alte. Plötzlich ist eine einfache Umarmung bereits ein erster Schritt zur Kriminalität. Die Blicke der Gemeindemitglieder werden misstrauischer und verurteilen auch viele Unschuldige.
Und wenn Eltern damit beginnen, Unschuldigen zu misstrauen, kann dann ein Kind noch in die Schule gehen? Dort gibt es Lehrer und eine Vielzahl von Fällen zeigt, dass auch dort sexuelle Übergriffe stattfinden. Ist es zuhause wirklich sicher? Sollte es wirklich im Sportverein Fußball spielen? Ist es ratsam, dem Kind Klavierunterricht zu bezahlen? Sollte das Kind jemals wieder allein gelassen werden?
Diese Fragen können nicht die Lösung dieser unbeschreiblichen Taten und Vorfälle sein. Ein Kind sieht vielen Gefahren ins Auge - im Laufe seines Lebens und vor allem in der Kindheit. Eltern können, so sehr sie das auch wünschen, ihr Kind nie vollkommen abschirmen. Sie sollen es natürlich auch nicht offen ins Messer laufen lassen, aber ein allgemeines Misstrauen hilft Niemandem.
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Das tiefe Vertrauen, das manch einer in die Kirche hatte, ist sicher getrübt. Aber es ist wichtig, den Fokus für das Wesentliche nicht zu verlieren: Es geht um die einzelnen Personen. Die „guten" Menschen sollten nicht das allgemeine Vertrauen verlieren. Jeder Mensch - auch ein Priester - kann Fehler machen. Und es ist wichtig, aus ihnen zu lernen und vor allem für sie einzustehen. Es ist wichtig ,zu bereuen. Für die Eltern ist es wichtig, dass das Kind zukünftig sicher ist. Für das Kind ist es wichtig, zukünftig offen über einen solchen Vorfall sprechen zu können. Und für die Gesellschaft wäre es wichtig, sich nicht dem allgemeinen mittelalterlichen Kreuzzug anzuschließen. Ein Aufbauschen dieses Problems, so tragisch es auch sei, hilft den Betroffenen nicht und schadet den „guten" Priestern. Es ist ein Problem, über das gesprochen werden muss - ohne Frage. Aber es darf nicht zu einer Hexenjagd ausarten mit dem von Misstrauen geleiteten Ziel, jeden Priester seines Amts zu entheben. In jeder Herde gibt es ein schwarzes Schaf, aber auch 99 weiße.

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(Text: Regina G. Gruse / Foto: Daniela Rudzanová by jugendfotos.de)

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