back view Schrift

Gesellschaft / Meinungen 20.10.09

"Hauptsache, ich habe meinen Strom"

Text: Anna Franz

backview-teasertt_back_viewUmfrage zum Titelthema „Atomenergie"
„Es heißt nicht Atomkraft, sondern Kernkraft. Wer sich einen grinsenden „Atomkraft-Nein-Danke" Sticker aufs Auto klebt, hat keine Ahnung." Das war der Standardsatz eines Chemielehrers aus Münster. Ob chemisch korrekt oder nicht - gegen „Atomkraft" wird protestiert und sie sorgt auch in vielen Wohnungen für Licht im Dunkeln. Diesmal konnten nicht nur Saarländer, sondern auch Nachbarn aus Frankreich ihre Meinung zu dem Thema loswerden.


tamara

Tamara, 17, macht eine Ausbildung zur Erzieherin:
„Von Atomenergie halte ich nicht viel, weil es auf lange Sicht die Umwelt zerstört. Dass Atomstrom so günstig sein soll, ist für mich kein Argument. Deutschland sollte seine Atomkraftwerke abstellen!"




martinMartin, 22, studiert Sport im 3. Semester:
„Mir ist es egal, ob es Atomenergie ist- Hauptsache, ich habe meinen Strom zu Hause. Mit den Umweltproblemen befasse ich mich überhaupt nicht.
Wenn jetzt neben mir ein Endlager eingerichtet würde, würde ich mich schon informieren, ob es sicher ist oder nicht. Aber im Moment bin ich ja nicht betroffen. Bei mir in der Nähe ist nirgendwo ein Atomkraftwerk, von daher macht mir auch eine Laufzeitverlängerung nichts aus."



christopherChristopher, 26, studiert Soziologie und Hannah, 24, studiert Publizistik:
„Ein Ausstieg aus dem Atomausstieg ist schlecht! Wenn die Atomkraftwerke länger laufen, werden alternative Energien weniger gefördert. Denn wenn ein Großteil des Energiebedarfs der Deutschen durch Atomstrom gedeckt ist, warum sollte man dann alternative Energien ausbauen? Dabei ist das unsinnig - die neue Technik ist längst so weit, dass man sie verstärkt einsetzen könnte. Wenn man mehr Wind- oder Solarkraftwerke baut, schafft man natürlich auch wieder neue Arbeitsplätze. Fakt ist ja, dass die Atomkraftwerke unsicher sind. Wenn man mal an die ganzen Störfälle in diesem Jahr denkt, und die Frage der Endlagerung ist auch nicht gelöst. Die Abfälle werden jetzt wohl nach Russland verschifft, aber so kann das ja nicht ewig weitergehen. Es ist ja egal, wo der Müll hinkommt, es schadet unserer Umwelt trotzdem."

fabienne


Fabienne, 16, französische Schülerin:
„Ich mag keine Atomkraft, sie verschmutzt und zerstört die Umwelt."





margoMargo, 24, Französin, wohnt in Berlin, Europastudien - Absolventin:
„Meiner Meinung nach können Atomkraftwerke nicht als Langzeitlösung gesehen werden, daher bin ich dagegen. Ich weiß, dass einige Wissenschaftler gerade erforschen, ob man nicht Atomenergie produzieren kann, ohne dass überhaupt radioaktive Abfälle anfallen. So hätte man das Problem der Endlagerung gelöst. Die Ergebnisse der Forschung könnten aber erst in 500 oder 2000 Jahren angewandt werden - so lange können wir nicht mit der Atomkraft weitermachen. Außerdem gibt es einen sehr großen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist gegen Atomkraft, und trotzdem beschließt die Regierung, die Laufzeiten zu verlängern. Ist es günstiger, bringt es mehr Geld, erhält es Arbeitsplätze? In erneuerbare Energien müsste auf jeden Fall viel Kraft gesteckt werden - das kann sich die Regierung in der Wirtschaftskrise wohl nicht leisten. In Frankreich gibt es so eine Atomstrom-Debatte gar nicht. Sarkozy ist für Atomkraftwerke, basta. In Frankreich ist Atomkraft die erste Energiequelle, und damit bin ich nicht einverstanden"

backview-umfrage-anna

(Umfrage und Fotos: Anna Franz / Zeichnungen: Christina Koormann)

Kommentare

„Billiger“ Strom aus Kernenergie ist ein Ammenmärchen - Fakt sind 2 Euro pro Kilowattstunde

Die Atomenergie steht ungerechtfertig t im Ruf günstigen Strom zu produzieren. In Wahrheit handelt es sich um eine Branche, bei der trotz Privatisierung in realsozialistis cher Manier immer noch der Staat haftet, falls etwas schief geht. Die Befürworter der Kernenergie und damit eines Endlagers Gorleben behaupten oft, der Kernkraftstrom sei preiswerter im Vergleich zu anderen, insbesondere erneuerbaren Energien. Betriebswirtsch aftlich trifft dies sicherlich zu. Da die Kernkraftwerke inzwischen wohl größtenteils abgeschrieben sein dürften, rechnet sich dies betriebswirtsch aftlich sogar sehr gut. Bei der lediglich betriebswirtsch aftlichen Rentabilitätsberechnung des Kernkraftstroms fehlen indes mehrere entscheidende Kostenblöcke, die als betriebs-extern e Kosten für die Gesamtheit der deutschen Volkswirtschaft anfallen.

Diese externen Kostenfaktoren bei der Erzeugung von Kernkraftstrom hat, übrigens schon unter der Regierung von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, das damalige Bundeswirtschaf tsministerium 1992 durch die renommierte Baseler PROGNOS AG berechnen lassen. Diese Studie der PROGNOS AG trägt den Titel: „Identifizierung und Internalisierun g der externen Kosten der Energieversorgu ng.“ Aus ihr geht hervor, daß bei Berücksichtigung der externen Gesamtkosten der wirkliche für die deutsche Volkswirtschaft entstehende Preis einer Kilowattstunde Kernkraftstrom schon damals circa 4 DM betragen hat. Das wären heute circa 2 €.

Die günstigen Produktionskost en für Ökostrom betragen bei Windkraftstrom 0,06 Euro pro Kilowattstunde. Der Höchstpreis für solaren Ökostrom beträgt inklusive 19 % Mehrwertsteuer aktuell 0,68 Euro. Wenn aber, volkswirtschaft lich gesehen, der Kernkraftstrom mindestens doppelt so viel kostet wie die erneuerbaren Energien, warum, in Himmels Namen, sollen wir, das deutsche Volk uns dann diese ganze entsetzliche Umweltproblemat ik (Tschernobyl!) der Kernenergie weiterhin „ans Bein binden“?! Man wird vielleicht einwenden, das Kind sei schon in den Brunnen gefallen, d.h. wir haben nun einmal Kernkraftwerke.
Darauf antworten wir: errare humanum, perseverare diabolicum!
Anders gesagt, und um das Bild von eben aufzunehmen: man hole das Kind doch endlich aus dem Brunnen!

Das wird nicht von einer Sekunde auf die andere gehen, aber es muß gelten:
So viel erneuerbare Energien, wie irgend möglich, und so wenig Kernenergie, wie unumgänglich notwendig. Es gibt auch grundlastfähige erneuerbare Energien, zum Beispiel Biomasse und Geothermie… Es gibt nicht nur Wind und Sonne.

Wegen der Treibhausgefahr auf Kernkraft zu setzen, hieße den Beelzebub mit dem Teufel austreiben zu wollen. In 32 Jahren, die der Atomausstieg vorsieht, müßte eine Industrienation wie Deutschland doch in der Lage sein, diesen Strukturwandel hin zur dezentralen erneuerbaren Energieerzeugun g zu bewältigen. Dadurch wäre Deutschland auch weniger verwundbar durch den Terrorismus.

Jeder lange Weg beginnt nun einmal mit dem ersten Schritt, sprich mit dem ersten Kernkraftwerk, das abgeschaltet wird. Das würde ein Endlager, wo auch immer, zwar nicht überflüssig machen, aber das Entsorgungsprob lem nicht unnötig noch mehr vergrößern und verschlimmern.

Schadensbegrenz ung ist angesagt.
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view