back view Schrift

Gesellschaft / Meinungen 13.07.10

Warum das Rauchverbot sogar schadet

Text: Stefanie Helbig

tt_back_viewContra Rauchverbot
Ich verstehe nicht, wo das Problem ist. Angenommen, es gibt Raucherkneipen und es gibt Nichtraucherkneipen. Dann gehen die Nichtraucher in eine Nichtraucherkneipe und haben ihre frische Luft. Jeder könnte sich dann selbst aussuchen, wohin er will - wozu also ein komplettes Rauchverbot?


Auch laute Musik ist ungesund, und wenn ich keine Lust auf dröhnendes Metalgekloppe habe gehe ich eben ins Cellokonzert. Die Vielfalt macht's! Aber nein, jetzt haben die Nichtraucher ihr Regime ausgeweitet auf das ursprünglichste aller Rauchrefugien. Die Kneipe! Flugzeuge, Büros, Schulhöfe, das konnten wir ja alles gut verstehen. Dafür gab es gute Gründe. Selbst bei Restaurants haben wir noch mitgezogen, auch die Beeinträchtigung des Geschmacks war noch ein Argument, wenn auch schon kein ganz so starkes wie die Vorbildfunktion vor Siebtklässlern auf Schulhöfen.

Aber Kneipen? Da kann ich mir auch meine Freunde nach Hause einladen und ein Beck's für 80 Cent auf den Tisch stellen. Dazu muss ich keine 2,50 Euro pro Bier bezahlen und ich darf sogar rauchen, wann immer mir danach ist.

Es ist fürs Kneipenpersonal ungesund? Moment mal, ein Nichtraucher kann doch in einer Nichtraucherkneipe arbeiten und ein Raucher wird in der Raucherkneipe glücklich. Da haben wir sie wieder, die Vielfalt! Jedem nach seiner Façon. Das sollte in einer aufgeklärten Gesellschaft doch wohl möglich sein. Wir tun ja (noch) nichts Gesetzeswidriges. Wer weiß, irgendwann fällt sicher einem Politiker ein, Rauchen in allen Haushalten zu verbieten, in denen unter 16-Jährige wohnen. Das klingt gar nicht so abwegig, es geht ja nur um den Schutz der Gesundheit Minderjähriger. Aber das zeigt schon, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, die Verbotsmentalität in unserer Gesellschaft zu akzeptieren.

Mir geht es nicht nur ums Rauchen, mir geht es um die allgemeine Angst vor allem. Auf der Reeperbahn in Hamburg ist das Mittragen von Glasflaschen auf der Straße verboten. Das Rauchen aber nur auf der Straße erlaubt. Was bleibt einem übrig? Zwischen Bier und Zigarette pendeln: Bier drinnen stehen lassen, ist ja draußen verboten, rausgehen zum Rauchen, ist ja drinnen verboten. Na wenn das mal kein gemütlicher Kneipenabend ist.

Es ist seit zwei Jahren verboten, am Hamburger Elbstrand zu grillen. In Düsseldorf ist es verboten, im Bus zu essen. In Köln soll es sogar verboten sein, Kaffeebecher mit Öffnung in Bus und Bahn mitzunehmen. Man kann sich die Gefahr, die bei einem Unfall von einem Kaffeebecher ausgeht, ja auch kaum ausmalen.

Es gab mal nichts Selbstverständlicheres, als sich beim Bäcker einen Kaffee zu holen und in die Bahn zu steigen. Gemütlich war das. Und genauso gab es mal nichts Selbstverständlicheres als abends in die Kneipe zu gehen, mit Freunden zu quatschen und zu rauchen. Gemütlich war das. Wenn das einigen Angst macht, können wir ja drüber reden und Kompromisse aushandeln. Das ist es nämlich, worüber eine Gesellschaft funktioniert: Über das Aushandeln der Werte unterschiedlicher Gruppen und der Kompromisse. Und nicht über das Aussprechen eines Verbots von einer Gruppe gegenüber einer anderen. Finden wir es toll, uns gegenseitig von oben herab zu behandeln?

Verbote haben ihren Sinn. Dass jeder nach seiner Facon lebt und da, wo es gefährlich werden kann, nicht weiter machen darf. Treten sie nicht über diese Absperrung, dahinter ist ein Abhang. Parken Sie nicht an einer Ecke, weil andere Autofahrer die Straße dann nicht mehr überblicken können. Aber Raucher schaden niemandem, wenn sie ihre Raucherkneipen haben, die kein Nichtraucher je betreten muss und die dafür eine Nichtraucherkneipe besuchen können, in der sich kein Raucher jemals rausnimmt, zu rauchen. Warum nehmen sich dann die Nichtraucher raus, in Raucherkneipen zu gehen und zu sagen, wo der Hase langläuft?

Die allgemeine Mentalität, sich immer mehr in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen,  anstatt einen Weg zu finden, wie man Vielfalt für alle erträglich umsetzen kann, mag mir nicht behagen. Und, dass sogar Bürger nach immer mehr Verboten schreien, erscheint mir mehr als befremdlich. Die Freiheiten, die uns noch nicht verboten wurden, verbieten wir uns selber, und zwar dankend? Wir scheinen uns schon sehr daran gewöhnt zu haben, dass das Werkzeug "Verbot" so herrlich funktioniert. Hat unsere Gesellschaft keine anderen Mittel mehr als das autoritäre Verbot?


(Text: Stefanie Helbig)

Kommentare

B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view