Gesellschaft / Menschen 26.01.10
Text: Steffi Geihs
Peter ist anders. Ganz anders. Geht er durch die Stadt, so fallen die Blicke auf ihn. Neugierig, oftmals angeekelt. Peter ist geistig behindert. Beim ersten Augenkontakt wird die Tatsache sofort sichtbar, denn er trägt die typischen Zeichen der Trisomie 21. Ein Gendefekt, der früher abwertend Mongolismus genannt wurde. Schuld für diese Bezeichnung sind die schräggestellten Lidachsen, die ihm ein asiatisches Aussehen verleihen. Zudem ist er zu klein und zu dick. Seine Erscheinung entspricht keinem Schönheitsideal. Die bebrillten Augen sind gnomenhaft, die Wangen wabblig, die Haut verpickelt. Zu dieser Grimasse kommt eine Fehlstellung der Füße. Peter kann nur auf den Ballen laufen. Schwankend und geziert, anmutig wie eine Ballerina mit zwei Gipsbeinen. Dennoch ist er ständig in Bewegung. Zwanghaft schaukelt sein Oberkörper. Hin und her. Hin und her. Vor und zurück. Und wieder hin und her. Hin und her. Dazu erzeugt er Geräusche. Er schnauft und stöhnt und quiekt. Er grummelt und murrt. Er schnurrt und knurrt und manchmal wiehert er auch. Ein bizarres Wesen, ein Fremder, ein Ausgeschlossener. Menschen, die zufällig mit Peter in Kontakt kommen, ist seine Gegenwart oft unangenehm. Er weckt Ängste. Viele fliehen, denn er wirkt unberechenbar. Wie ein Pulverfass, das jeden Augenblick explodieren könnte.
Manchmal wird Peter wirklich wütend. Dann hasst er alles und jeden und seine kleinen Augen verengen sich zu noch kleineren Schlitzen. Er schnaubt, wirft mit seinen Pantoffeln um sich, zerbricht seine Brille, zerreißt sein T-Shirt. Er demoliert, was gerade im Weg steht. Bis er keine Energie mehr hat und langsam wieder zahm wird. Dann verweigert er alles. Der Koloss ist nicht mehr zu bewegen. Zu nichts. Wie einzementiert nutzt er die Schwerkraft und bleibt sitzen.
Ja, Peter ist ein außergewöhnlicher Mensch. Dafür wird er angestarrt. Überall. Doch ihn stört es nicht, denn er wohnt in seiner eigenen Welt. Dort ist kein Platz für diesen Planeten. Weit weg ist er, sehr weit. Seine Umwelt wird von ihm kaum wahrgenommen. Jeder Gedanke, jeder Sinneseindruck scheint anstrengend zu sein. Jede Anforderung ist zu hoch. Deshalb driftet er ab - in seine eigene Gedankenwelt. Ob er dabei von Feen und Elfen, von Rittern und Burgfräulein träumt oder, ob er einfach nur im monotonen, nichtssagenden Stumpfsinn vegetiert, wird keiner je wissen. Niemals kann es gelingen, in seinen Kopf zu blicken. Auch Peter selbst wird uns nichts erzählen. Denn er redet nicht. Seine Gedanken, seine Wünsche, seine Träume: Sie alle bleiben ein gut behütetes Geheimnis. Wird er befragt, so reagiert er nicht. Oder zeigt sich nur unwillig, muffig, kurz. Jeder Gedanke, jedes Wort bedeutet eine Anstrengung für ihn. Für denjenigen jedoch, der eine Antwort fordert, ist die Anstrengung noch größer. Denn er muss ihn erst aufschütteln, aufrütteln, ihn aus seiner Welt heraus in die Wirklichkeit stoßen. Nur wenn ihm das gelingt, dann bekommt er - vielleicht und mit viel Glück - einen erbosten Halbsatz entgegengeschmettert. Dann spürt der Beharrliche, dass er im Universum von Peter ein Fremdling ist. Hier ist jeder ein Störenfried, der ihn aus seiner sanften Lethargie herausreißen möchte.
Die einzige Freude ist essen. Peter mag alles und so viel wie möglich. Am Liebsten würde er sich mit nichts Anderem beschäftigen. Essen macht glücklich. Sein Umfeld nicht. Denn Peter schmatzt laut und in tausend Tönen. Die Zunge ist einfach zu groß, zu unförmig. Das Essen klebt bald auf seinen Backen, tropft von seinen Lippen. Der Kopf ist tief über den Teller gebeugt, die Geräusche dennoch klar vernehmlich. Und dann, wenn er viel zu schnell fertig ist und sein bettelnder Blick über die Teller seiner Nachbarn gleitet, beginnen seine Verdauungsprobleme.
Wirklich: Peter ist kein Mensch, den man auf den ersten Blick leicht gern haben kann. Aber wenn er seine Kakao-Flasche küsst, wenn er unbeholfen zur Musik tanzt, wenn er auf Geburtstagskarten mit Elvis Presley unterschreibt, wenn er vor seinem Grill-Hendl aus Freude zu singen beginnt, wenn er sich nicht verbiegen lässt von der Meinung der anderen und wenn er lacht, dass seine Augen glitzern, dann würde ich ihn am liebsten einfach nur umarmen; ihn Drücken und sagen, wie liebenswert er trotz allem ist.
Anmerkung der Redaktion: Der Name von Peter wurde geändert
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(Text: Steffi Geihs)
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