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Gesellschaft / Menschen 01.12.09

Über das unausweichliche Vergessen

Text: Martin Kießling

tt_back_viewAlzheimer ist nicht gleich Demenz
Diese Diagnose trifft betroffene Patienten und Angehörige oft schockartig und plötzlich. In den meisten Fällen ist diese Krankheit nicht heilbar, sondern nur in ihrem Fortschritt zu bremsen. Was kann man tun? Wie können alle Beteiligten mit einer solchen Diagnose umgehen und leben?


Demenz - Das ist doch Alzheimer?!
Übersetzt man den lateinischen Begriff „Demenz" wörtlich, so bedeutet er „Weg vom Geist" bzw. „Ohne Geist". Ein Wort, das allzu treffend eine Krankheit betitelt, deren Hauptmerkmal der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit ist. Oft wird im privaten und öffentlichen Leben fälschlicherweise „Demenz" mit „Alzheimer" gleichgesetzt, doch letzteres stellt nur einen möglichen Typ der Krankheit dar. Grundsätzlich steht bei einer Demenz am Anfang die Störung bzw. Störungen des Kurzzeitgedächtnisses sowie der Merkfähigkeit. Im weiteren Verlauf verschwinden auch Inhalte des Langzeitgedächtnisses. Man muss sich vor Augen führen, was dies für Betroffene bedeutet: Ein Mensch verliert langsam, innerhalb von vergleichsweise wenigen Jahren, die Fertigkeiten, Fähigkeiten und Erinnerungen, die er in seinem Leben erworben, erarbeitet und erlebt hat. Nicht eine, sondern alle.

Wie kommt es zu einer Demenz?
Ursachen für Demenzerkrankungen gibt es viele. Dabei kann man jedoch in zwei Typen unterteilen: primäre und sekundäre Formen der Demenz. Letztere sind Folgeerscheinungen anderer Krankheiten wie beispielsweise Stoffwechselerkrankungen oder Vergiftungserscheinungen durch Alkohol oder Medikamente. Diese sind behandelbar und somit ist bei frühzeitiger Diagnose auch eine Rückbildung der dementiellen Beschwerden möglich. Allerdings macht lediglich zehn Prozent aller Krankheitsfälle dieser Typ aus, die restlichen 90 Prozent entfallen auf die primären, auch „irreversibel" genannten Demenzen. Diese sind in der Regel unheilbar. Die einzige Möglichkeit bleibt die Verlangsamung des Krankheitsfortschritts. Hier wird unterschieden zwischen der so genannten Alzheimer-Krankheit und gefäßbedingten Demenzen, bei denen Durchblutungsstörungen im Gehirn zum Absterben von Nervengewebe führen.

Alzheimer - Was steckt genau dahinter?
Alzheimer  ist die häufigste irreversible Demenzform, etwa 60 Prozent macht allein sie als Ursache aus. Während ihres Verlaufs werden die Nervenzellen des Gehirns irreversibel zerstört und das schleichende Vergessen hält Einzug in das Leben eines Betroffenen. Wichtig ist, den fast unmerklichen Beginn festzustellen. Das gelingt leider nur in den seltensten Fällen. Oft werden Symptome erst im Nachhinein als diese erkannt. Am Anfang stehen kleinere Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen. Die Sprache des Betroffenen wird mehr und mehr beeinträchtigt, der gesprochene Satzbau wird immer kürzer. Besonders fatal für das selbstständige Leben sind zunehmend mangelndes Urteilsvermögen sowie zeitliche und örtliche Orientierungsstörungen. Immer antriebsschwächer und lebenskraftloser beginnen viele Erkrankte damit, sich Neuem zunehmend zu verschließen. Das erste Stadium ist somit beschritten. Natürlich bemerken die Betroffenen ganz bewusst die Veränderungen, die in ihnen vorgehen. Und die, die um sie herum vorgehen. Angehörige versuchen, die Situation zu erleichtern, indem sie Aufgaben abnehmen und sich mehr und mehr um Dinge kümmern, die die Erkrankten bislang immer selbstständig erledigen und begreifen konnten. Dass diese Veränderungen bei einem dementen Menschen oftmals zu Wut, Angst und Niedergeschlagenheit führen, ist unbedingt nachvollziehbar.
Im zweiten Stadium werden die Symptome immer offensichtlicher. Immer mehr ist der Erkrankte auf die Hilfe und Unterstützung anderer Menschen angewiesen. Die Störungen des Gedächtnisses nehmen neue Ausmaße an: Nahe Verwandte können nicht mehr namentlich benannt werden, die Sprache wird undeutlich und inhaltsleer. Zeit- und Ortsgefühl gehen verloren, der Mensch treibt mehr und mehr im geistigen und seelischen Nirgendwo. Gerade auch für Angehörige und Mitmenschen wird es mit der zweiten Krankheitsphase zu einer starken Belastung, da beim Erkrankten verstärkt Aggressionen, Depressionen und plötzliche Stimmungsschwankungen auftreten.
Im Spätstadium, der Phase drei, ist der Betroffene schließlich vollkommen auf Pflege und Betreuung durch andere angewiesen. Symptome wie Krampfanfälle und Gangunsicherheit, der Verlust der Kontrolle über Blase und Darm. Der gesamte Körper gibt allmählich auf. Die Folge: Bettlägerigkeit und somit eine erhöhte Infektionsgefahr. Alzheimer-Kranke sterben nicht an Vergesslichkeit, oft sterben sie an einer einfachen Lungenentzündung. Nach einem jahrelangen Kampf, der nicht gewonnen werden kann. Mitkämpfer sind immer auch die Menschen, die den Krankheitsverlauf begleiten. Familienmitglieder, die im Endstadium nicht mehr erkannt werden. Menschen, die am Ende nur noch zusehen können, da eine verbale Verständigung mittlerweile unmöglich geworden ist.

Die Diagnose ist da, was nun?
Was kann man tun? Was können Angehörige tun? Was macht die Krankheit ertragbar, was fördert das Wohlbefinden und die Lebensqualität eines Erkrankten und seinen Mitmenschen? Es geht im Fall der primären, irreversiblen Demenz nicht darum, die Krankheit zu stoppen oder eine Heilung herbeizuführen. Es geht darum, den Verlauf zu verlangsamen. Schon allein das ist eine schwere Hürde in den Köpfen und Herzen aller Beteiligten, bei den Kranken und deren nahen Mitmenschen. Medikamentös lässt sich vor allem dort anpacken, wo das Problem entsteht: Im Gehirn eines Erkrankten kommt es zu einer Verminderung des Botenstoffes Acetylcholin. Also versucht man mit Medikamenten, diesen Schwund zu verlangsamen. Darüber hinaus gilt es auch, Begleitsymptome wie Schlafstörungen oder Angst mit Hilfe von Medikamenten zu mindern. Doch Medikamente sind nur ein Teil der Behandlungsmöglichkeiten. Besonders im Anfangsstadium und zur Bewältigung der Diagnose kann eine Psychotherapie sinnvoll sein. Bei der nichtmedikamentösen Behandlung ist es besonders wichtig, individuell vorzugehen. Dazu gehört die Beachtung des lebensgeschichtlichen Hintergrunds eines Kranken, dazu gehört auch die Orientierung an den Fähigkeiten und Bedürfnissen. Gerade bei Demenzen spielt zudem die menschliche Umwelt für den, der dement ist, eine entscheidende Rolle. Sein Wohlbefinden fällt und steigt mit dem Verhalten und der Reaktion von Mitmenschen auf ihn. Da ab einem bestimmten Fortschritt der Krankheit der Betroffene selbst nicht mehr in der Lage ist, dies zu beeinflussen, ist es umso wichtiger, dass Angehörige sich mit dem Verlauf der Demenz beschäftigen, sich informieren, sich kümmern. Gerade das ist schwierig,  da sich ein Ehepartner, ein Kind oder Enkelkind nach Jahrzehnten der Vertrautheit an einen veränderten Menschen gewöhnen muss. Der richtige und behutsame Umgang, Nachsicht, Geduld und Einfühlungsvermögen sind die Grundvoraussetzungen für die Angehörigen.

Resignation wäre und ist verheerend, wurde die Krankheit Demenz bei einem Menschen bemerkt bzw. diagnostiziert. Nicht nur beim Erkrankten, im Besonderen auch bei den Angehörigen. Es gibt für primäre Demenzen keine vollständige Heilung, aber Therapiemöglichkeiten. Diese nicht zu nutzen, nicht zu versuchen, dem Kranken die letzten Lebensjahre zu erleichtern, sie möglichst positiv und würdevoll zu gestalten, wäre ein Fehler. Die Chance für Hilfe ist da. Und Hilfe lohnt sich.


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(Text: Martin Kießling)

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