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Gesellschaft / Menschen 10.03.10

Vom Hörsaal direkt ins Bordell

Text: Regina G. Gruse

tt_back_viewÜber Geldnot und den veränderten Umgang mit der Sexualität
Bücher über Studentinnen, die ihr Studium durch Prostitution finanzieren sind derzeit angesagt und in jeder guten Buchhandlung zu finden. Eine profitorientierte Geschäftsidee der Verlagswelt oder der Hilfeschrei einer Generation? back view wirft einen Blick auf die Hintergründe dieser Entwicklung.


Hohe Studiengebühren und Lebenshaltungskosten belasten viele Studierende immer mehr. Ein Grund für die bundesweiten Bildungsstreiks des vergangenen Jahres und eine Voraussetzung für die Entwicklung des "Sextrends" unter Studierenden.

Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge war in vielerlei Hinsicht problematisch. Das enorme Arbeitspensum brachte bereits den Namenszusatz „Burn-Out-Bachelor" zum Wortschatz vieler Studierenden hinzu. Die Studienbeiträge sind eine zusätzliche Belastung, besonders für jene, die vom Elternhaus nicht oder nur wenig finanziell unterstützt werden können. Nicht selten sind dann mehrere unterbezahlte Nebenjobs oder Studienkredite nötig, um das Studium überhaupt zu ermöglichen. Zeit fürs Lernen oder gar zum Schlafen bleibt dabei kaum und die Finanzierungssorgen gehen an die Nerven. Mitte zwanzig und finanzieller Ruin? Das muss nicht sein - sagen sich vor allem einige Studentinnen in ganz Europa und schaffen dadurch einen neuen Trend: Studium und Prostitution.
Eine Stunde „Arbeit" bringt dabei wesentlich mehr Geld, als bei den normalen Aushilfsjobs eines Studierenden. Bücher, wie „Mein teures Studium: Studentin, 19 Jahre, Nebenjob: Prostituierte" der Französin Laura D. (Originaltitel „Mes chères études"), zeigen, dass dieser Trend kein Mythos ist. Die französische Studentenorganisation SUD-Étudiants schätzte bereits 2006, dass in Frankreich 40 000 Studenten und Studentinnen ihren Körper verkauften.  In Großbritannien zeigte die Studie „Sex, Work and Students" der Kingston University 2006, dass von den befragten Studierenden - verglichen mit dem Jahr 2000 - doppelt so viele zugaben, wiederum Hochschüler zu kennen, die Striptease-Tänzer, Masseuse oder Prostituierte seien. Und auch an Deutschland geht diese Entwicklung nicht spurlos vorbei. Auch wenn es keine gesicherten und exakten Zahlen gibt,  erschienen hierzulande Bestseller, wie „Und nach der Vorlesung ins Bordell: Bekenntnisse einer deutschen Kunststudentin" von Alexandra Aden. Darin erzählt sie von ihren Erlebnissen als Prosituierte. Zu Beginn ihres Studiums der Kulturwissenschaften kannte sie keinerlei finanzielle Probleme. Ihr wohlhabender Freund hat sie unterstützt und über Wasser gehalten. Doch als die Beziehung zu Ende war, stand Alexandra den Kosten wieder alleine gegenüber. Schnell merkte sie, dass "normale" Jobs dafür nicht ausreichten. Bis sie eine Anzeige in der Zeitung entdeckte. Sie nahm sich allen Mut zusammen und wagte tatsächlich den Schritt in die Prostitution. Ein weiteres Werk ist „Fucking Berlin: Studentin und Teilzeit-Hure" von Sonia Rossi, die ihr Doppelleben als Prosituierte und Mathematikstudentin beschreibt und klar macht, dass ein solcher Job auch Spaß machen kann.

Sex sells - wie schon Charlotte Roche mit „Feuchtgebiete" unter Beweis stellte - und so tauchen seit dem ersten Bestseller über Studentenprostitution immer weitere solcher Zeugnisse auf. Doch geht es dabei lediglich um den Profit oder sind es die Aufschreie einer verzweifelten Generation? Das bleibt ungewiss. Fakt ist allerdings, dass die deutschen Studierenden finanziell kein einfaches Leben mehr haben und größtenteils von dem Verdienst der Eltern abhängig sind. Der Bildungsstreik wird von der Mehrheit der Bevölkerung nicht ernst genommen. Das Leben zwischen Hörsaal und Straßenstrich wirkt wie ein toller Trend und nicht wie ein gesellschaftliches Problem, das nach einer Lösung verlangt.
Sowohl die Studenten, die sich prostituieren, als auch die schlaflosen Studenten mit drei Jobs brauchen Hilfe und Unterstützung. Doch eben diese ist nicht in Sicht. Sollte der Trend so weiter gehen und die Bestseller immer mehr Aufmerksamkeit erringen, bringt das zudem wohl ein weiteres Problem mit sich: Das Ansehen der Studentenschaft könnte erheblich sinken. Wird bald jeder Zweite im Lebenslauf ein paar Jahre der Prostitution nachzuweisen haben? Wird es das allgemeine Bild eines Studenten sein? Sind Dialoge, wie „Ich bin die BWL-Studentin Jana" - „Schön und wo gehst du anschaffen?" die Zukunft, oder wird es vorher zu einer Änderung des gesamten Hochschulwesens kommen? Die Bücher lassen diese Idee zumindest in realistische Nähe rücken.


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(Text: Regina G. Gruse)

Kommentare

avatar La Gonda
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Das ist ja mal ein super Artikel; zu einem Thema, das immer noch schlüpfrig und schmutzig, also aufregend und erregend klingt -- aber tatsächlich viel grottiger ist als die Hochglanz-Bests eller für den Bahnhofsbuchhan del.
Exzellent!
Noch toller wäre es, wenn die Autorinnen selbst zu Wort kämen. "keinerlei finanzielle Probleme. Ihr wohlhabender Freund hat sie unterstützt und über Wasser gehalten"?!? Mal ehrlich: Wo gibt's denn so was?!? Das klingt doch wie von Buchverlag am Konferenztisch konzipiert, oder?!?
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