Gesellschaft / Menschen 18.05.10
Text: Konrad Welzel

„Wir brauchen den Euro für ein gemeinsames und starkes Europa", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Tagen immer wieder. Während Kritiker das finanzschwache Griechenland einfach aus der Währungsunion werfen wollten, setzte Merkel auf die Rettung und eine Stabilisierung des Euros zusammen mit den Griechen. Es gibt also zumindest in manchen Köpfen eine Art "Wir-Gefühl". In der aktuellen Diskussion um die gemeinsame Währung kam jedoch auch die Frage nach einer gemeinsamen Europäischen Identität auf den medialen Diskussionstisch.
Gerade die Besonderheiten der Europäischen Union machen es so wertvoll, für eine gemeinsame Identität zu kämpfen und diese zu festigen: friedliche Integration, Freiheit, Frieden, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Menschenwürde. Durch die Wahrung und Verteidigung der Menschenrechte trägt die Gemeinschaft eine besondere Verantwortung, globale Probleme zu lösen. Mit der europäischen Einigung hat sich die Jahrhunderte alte Idee von Frieden und Verständigung verwirklicht.
Schon die Anfänge der Union zielten auf mehr als nur wirtschaftliche Überlegungen ab. 1951 wurde im Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zwischen den sechs Gründungsstaaten festgeschrieben, dass sie „durch die Errichtung einer wirtschaftlichen Gemeinschaft den ersten Grundstein für eine weitere vertiefte Gemeinschaft unter Völkern" legen wollen. Es war ein Weg der freiwilligen, friedlichen Einigung eines lange bekriegten Europas.
Aber was meint man eigentlich, wenn man von einer Identität spricht? Was ist ihr Ziel, wie weit reicht sie? Generell geht es bei einer Identität um die Summe von Merkmalen, die eine gesellschaftliche Gruppierung von anderen unterscheidet - um gemeinsame Wurzeln und zumindest ähnliche kulturelle Vorstellungen. Es braucht ein Gefühl der Zugehörigkeit. Im Vordergrund steht in der Regel aber die nationale Identität und Kultur. Rund 41 Prozent der Europäer fürchten sogar, ihre regionale durch eine europäische Identität verlieren zu können. Demgegenüber stehen allerdings 59 Prozent der Unionsbürger, die sich zumindest in Teilen auch europäisch fühlen.
Für die Ursprünge Europas gibt es mehrere Ansätze, die für eine gemeinsame Identität sprechen: die christlich-abendländische Kultur, gemeinsame Wertvorstellungen, der gemeinsame wirtschaftliche Raum, die geographischen Grenzen sowie die über Jahrzehnte hinweg entwickelte gemeinsame Rechtsordnung Europas. Was in den Köpfen der Europäer jedoch meist fehlt, ist ein gewisser Stolz auf die herangewachsene Union.
Die junge, europäische Generation
Die österreichischen Demographen Wolfgang Lutz und Vegard Skirbekk gehen davon aus, dass der fehlende Europa-Gedanke durch die jüngeren Generationen automatisch stärker in den Köpfen verankert wird. Schon in jungen Jahren wachsen Jugendliche heute mit einer gleichermaßen nationalen und einer europäischen Identität auf. Die Europäische Union ist vergleichsweise frisch und ist mittlerweile Thema in vielen nationalen Medien und Politikfeldern. Alleine dadurch wächst ein europäischer Gedanke in allen Mitgliedstaaten heran, so die Demographen.
Auch Urlaub, Einheitswährung und Studienplätze in ganz Europa tragen ihren Teil dazu bei. Lutz und Skirbekk halten diese Tendenz für äußerst realistisch und rechnen damit, dass die Legitimität sowie die Akzeptanz der EU durch dieses allmählich wachsende Identitätsgefühl zunehmen werden. Auch, wenn die Politikverdrossenheit gegenüber Brüssel gerade in Deutschland vergleichsweise hoch ist.
Die Politiker Europas selbst scheinen sich dieser Aufgabe durchaus bewusst zu sein - zumindest in der Verfassung. So ist die Beziehung zwischen der Union und den Mitgliedstaaten in Artikel I-5 näher beschrieben: „Die Union achtet die Gleichheit der Mitgliedstaaten vor der Verfassung sowie die nationale Identität der Mitgliedstaaten" und weiter heißt es „Sie achtet die grundlegenden Funktionen des Staates, insbesondere die Wahrung der territorialen Unversehrtheit, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und den Schutz der nationalen Sicherheit."
In Artikel I-8 wird andererseits speziell von europäischen Symbolen gesprochen, mit denen eine gemeinsame europäische Identität gefördert werden soll. Dazu gehört die Flagge, die Hymne, der Leitspruch der Union „In Vielfalt geeint", ein gemeinsamer Europatag, der am 9. Mai gefeiert wird, und mit dem Euro eine gemeinsame Währung.
Vor allem zur Europawahl stehen immer wieder das Demokratiedefizit und die mangelnde Unterstützung der Europäischen Union in der Bevölkerung zur Debatte. Dabei kann ein viel grundlegenderes Problem für Abhilfe sorgen: Der Gedanke eines gemeinsamen, friedlichen Kontinents und die Identifikation mit diesem Kontinent- also die Schaffung und Förderung einer wirklichen Europäischen Identität.
(Text: Konrad Welzel / Foto: Gloria van Doorn by jugendfotos.de)
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Kommentare
Und die "junge Generation" wächst nicht mit Europa-Gedanken auf, diie so mystisch sind, wie hier beschrieben. Der Europa-Gedanke der jungen Generation trägt solche tollen Merkmale wie Heiligendamm und prügelnde Polizisten, die agent provocateurs nötig haben, um gleich mal richtig zu spalten. Wenn das Verständigung sein soll?
Die junge Generation sieht auch, das ein Bahnhof, der ein paar Reichen aus Europa was nützt (wenn überhaupt), gegen alle Vernunft durchgesetzt wird. Die junge Generation sieht, daß sie nicht mal bei der Wahl einer europäischen Verfassung, über die sie kaum nachdenken durfte, miteintscheiden darf. DIe junge Generation sieht die Iren zur Zustimmung gezwungen zu werden, "Es wird solange gewählt, bis das rauskommt, was WIR (die politische Kaste) wollen."
Die junge Generation sieht, daß man wirklich gar kein Interesse daran hat, mit der Bevormundung aufzuhören. Die junge Generation weiß auch teilweise, daß man sie um Hunderte Milliarden gebracht hat, die sie in ihrer Zukunft mit ihrer Arbeit zurückzahlen dürfen (DAS ist vielleicht ein Identitätspunkt: die D.U.: die Debt-Union).
Europa lebt durch seine Vielfalt und dadurch, das es vielfältig sein kann. Europa hat keine Identität, weil man dann schon von der Psychopathologi e einer multiplen Persönlichkeit sprechen müßte, die sich bisweilen selbst bekämpft, täuscht und belügt.
Und Europa ist vorallem nicht erst seit diesem wahnsinnigen Börokratie-Appara t ein Kontinent der Vielfalt, nein, durch dieses bürokratische Monster wird diese Vielfalt gefährdet, weil man selbst Gurken für alle normieren will, so machtgeil ist man.
zunächst zur Kritik zu Roma und Sarrazin - diese beiden Themen kochten in den Medien erst nach Veröffentlichung meines Artikels hoch. Für mich selbst traten sie bei der Recherche deshalb noch in den Hintergrund.
Die Einwände zur Jungen Generation und die anschaulich genannten Beispiele sind durchaus berechtigt. Das kann ich vollkommen verstehen und sehe ich auch ein. An dieser Stelle wurde im Artikel jedoch auch in erster Linie die Meinung der Demographen und Wissenschaftler widergegeben. Es ist also einerseits nicht die MEinung des Autors, der Redaktion - auf der anderen Seite muss ich mir aber auch ankreiden lassen, dass der Text zu unkritisch geschrieben ist. Ich habe es zwar an wenigen Stellen angedeutet, aber nicht offensichtlich. Und alleine der Schlusssatz reicht dafür dann nicht aus.