Gesellschaft / Menschen 27.07.10
Text: Ronja Heintzsch

So sitze ich an so manchem Samstag vor meiner Flohmarkt-Ausbeute und beglückwünsche mich selbst - ernte allerdings auch immer öfter den ein oder anderen schiefen Blick meiner Freunde. „Ein Plattenspieler? Warum das, wenn du doch eine Hightech-Anlage mit überdimensionalen Boxen haben kannst?"
„Ein Bücherregal? Bekommst du auch vom schwedischen Einrichtungshaus für denselben Preis in stabil und neu." Ganz zu schweigen von dem knielangen Rock, der womöglich bereits zwanzig Jahre alt wird und den Armbändern, Ringen und Ketten, die kurz vorm Verrosten sind.
Heutzutage, in einer Welt, in der alles immer höher, schneller, besser und leistungsstärker sein muss und in der Futurismus groß geschrieben wird, besinnen sich viele wieder auf das Gute in alten Dingen, die man entweder auf dem Dachboden oder im großen Trubel einer alten Markthalle zwischen etlichen, florierenden Ständen findet. Flohmärkte erleben endlich das Comeback, das sie sich verdient haben.
Sie versprühen einen Charme, der im Alltag längst verloren gegangen ist. Es muss nicht mehr zwingend beneidenswert sein, den neuesten 3D - Fernseher zu haben. Eben die gleiche Faszination kann ein altes Radio auf manch einen ausüben. Womöglich aus dem simplen Grund, dass der Fernseher 100 000 Mal hergestellt wurde und demnächst sowieso in jedem Wohnzimmer steht, während das Radio mit seinem schrägen, alten Aussehen einzigartig anmutet.
Um die eigene Individualität zu unterstreichen, suchen viele also wieder Flohmärkte auf, wo sie einzigartige und außergewöhnliche Objekte erstehen können, die man in ihrem Freundeskreis so schnell nicht wieder findet. Nicht jeder hat mein schiefes Bücherregal, jedoch muss ich die Freunde an zwei Händen abzählen, deren Kleiderschrank einen schwedischen Namen hat.
Als ich diesen schwarzen Rock von Yves Saint Laurent kaufte, kam ich sogleich mit der Verkäuferin ins Gespräch. Sie war eine begeisterte Pionierin in Sachen Mode, wie es mir schien. Wir redeten über den früheren Preis des Kleidungsstückes, wie er sich bis heute entwickelt hatte. Auf Flohmärkten tummeln sich Hunderte von Gleichgesinnten, die allesamt einer Besessenheit nachgehen. Nicht schwer also, einen Seelenverwandten in Sachen Briefmarken, Eisenbahnen oder Jimi Hendrix- Platten zu finden. Noch interessanter wird es allerdings, wenn man auf die Bedeutung des verkauften Gegenstandes in Bezug auf den Verkäufer zu sprechen kommt.
So hatte die 40-jährige Dame ihren schwarzen Rock zum bestandenen Abitur von einer Freundin aus ihrem Jahrgang geschenkt bekommen. Nach einer jahrelangen festen Beziehung zu seiner Trägerin, passte sie jedoch nicht mehr in ihn hinein und so fand er seinen Weg auf den Flohmarkt. Oftmals besitzen die verkauften Gegenstände eine Historie, so einzigartig wie sie selbst, was ihre Ausstrahlung nur noch unterstreicht.
Flohmärkte kann man jedoch auch einfach besuchen, um sich längst vergangene Jahrzehnte ins Gedächtnis zurück zu rufen. Die Sechziger mit ihren bodenlangen Hippie-Kleidern und dem legendärem Woodstock- Festival; oder die Achtziger mit "99 Luftballons". Nicht umsonst werden Flohmärkte auch als Geschäft mit der Erinnerung bezeichnet. Denn hier werden Zeitungen aus den Kriegsjahren verkauft, Platten aus der Kindheit und das Porzellan-Service, das die Großmutter vor fünfzig Jahren zum ersten Geburtstag aufdeckte.
So ziehen Flohmärkte gleichermaßen Erwachsene und Jugendliche an. Die Erwachsenen, die noch einmal ihre Erinnerungen an die damaligen schönen Zeiten wieder aufleben lassen wollen und die jüngeren Generationen, die sich wünschen, in einer Ära gelebt zu haben, in der die Welt für ein paar Sekunden auch einfach mal still stand, weil kein neues Gerät mit Apfel auf der Rückseite auf den Markt kam.
Flohmärkte erleben ein Comeback, ebenso wie mein Plattenspieler, der gerade zum zehnten Mal dieselbe Stelle der Platte von den Smiths wieder gibt. Doch diese kleinen Pannen nehme ich gerne in Kauf, wenn ich im Gegenzug dafür das Gefühl habe, wieder ein Ding einer unbeschwerten Epoche zu sein.
(Text: Ronja Heintzsch / Fotos: André Hirtz by jugendfotos.de)
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