back view Schrift

Gesellschaft / Menschen 25.01.12

Ein Tag ohne ein Wort zu Reden

Text: Carolin Schmitt

tt_back_viewÜber einen stummen Selbstversuch
24 Stunden in vollkommener Stille. Was in buddhistischen Klöstern Gang und Gebe ist, kann man sich in der heutigen Zeit nur noch schwer vorstellen. Aber irgendwie hat das Schweigen auch einen gewissen Reiz. Ob es einen wirklich näher zu sich selbst bringt und wie man einen Tag ohne Worte übersteht, hat Carolin Schmitt im Selbstversuch getestet.



Mein Alltag ist laut. Schon morgens weckt mich mein Handy mit Gloria Gaynor's "I will surviv"e. Um dann richtig in Fahrt zu kommen, hilft meist nur das Radio. Kaum ins Auto eingestiegen, geht die Schallberieselung fröhlich weiter und an der Uni herrscht sowieso immer ein ständiges Stimmengewirr.

Doch heute wird alles anders. Es ist Sonntag, der Wecker ist aus und ich wache ganz ohne Musik auf. Da ich als armer Student wieder im „Hotel Mama" untergekommen bin, ist das Frühstück bereits gerichtet. Um mein Experiment nicht schon vor zehn Uhr beenden zu müssen, habe ich meine Eltern natürlich eingeweiht. Meine gewöhnliche morgendliche Begrüßung fällt heute flach. Ein freundliches, wenn auch noch müdes Lächeln muss reichen. Auch ohne Worte verstehe ich den Blick meiner Mutter, der mich anspornt durchzuhalten. Ihre Augen lachen und fordern mich heraus. Einen ganzen Tag schweigen - ob ich das durchhalte?

Frühstücken klappt gewöhnlicher Weise auch ohne Worte ganz gut. Auf die Butter kann man zeigen, wenn man sie braucht und der Kaffee steht in Reichweite. Da heute Sonntag ist, gibt es glücklicherweise auch nicht allzu viel zu besprechen - ein kurzes Nicken oder Kopfschütteln muss heute genügen. Mein Experiment befindet sich immer noch in den Kinderschuhen und doch merke ich schon einen Unterschied: Da ich sowieso nichts antworten werde, kann ich mich voll und ganz auf das Gesagte konzentrieren. Und da ich niemandem meine Meinung mitteilen werde, bin ich mehr amüsiert als gestresst von den Tischgesprächen. Der Morgen beginnt also ganz entspannt.

Mimik sagt mehr als tausend Wort
Ich erlaube mir, auf essentielle Fragen („Gehst du heute mit essen?") mit Kopfbewegungen oder Schulterzucken zu antworten und reagiere auf die meisten Erzählungen vom Handballspiel des vorherigen Abends mit einem Schmunzeln. Da wird mir erst bewusst, wie viel man doch tatsächlich nur durch Mimik aussagen kann. Ich werde mir meiner Gesichtszüge plötzlich sehr bewusst.

Den Rest des Vormittages verbringe ich mit meinen Büchern auf der Couch - ohne Radio, ohne Fernseher. Ich wage zu bezweifeln, dass die Stille meiner Konzentration hilft, aber ich genieße es, einfach mal nichts zu hören. Mir wird klar, wie sehr Hintergrundgeräusche auch eine innere Unruhe hervorrufen. Es war mir vorher noch nie aufgefallen - ich gehöre zu den Personen, die immer Musik anhaben müssen - aber die totale Stille hat auch etwas für sich.

Während meine Eltern am Nachmittag mit der Familie zusammensitzen, bleibe ich allerdings alleine. Nur sehr kurz begebe ich mich in die gemütliche Runde. Lange genug für meine Mutter, um allen von meinem Experiment zu erzählen. Ich selbst grinse nur und nicke. In der großen Runde stellt sich die nonverbale Kommunikation doch etwas schwieriger dar, daher ziehe ich mich schnell wieder zurück.

Am Ende des Tages fühle ich mich völlig ruhig und vollkommen entspannt. Ich kann nicht sagen, dass es eine transzendentale Erfahrung war, aber einen Tag schweigend zu verbringen, hat mir tatsächlich ein wenig mehr Ruhe gebracht. Meine Freunde würden jedem bestätigen, dass ich eine Quasselstrippe bin, aber das Reden hat mir trotzdem nicht gefehlt. Zuhören ist eben manchmal auch ganz gut.

Mein Fazit: Einen Tag mal ohne Worte zu verbringen, kann manchmal sehr beruhigend sein. Und, wenn man die Sprache mal weg lässt, fallen einem auf einmal ganz viele andere Kleinigkeiten auf, für die zwischen all den vielen Wortfetzen oft keine Zeit bleibt. Ich werde so einen Tag auf jeden Fall wiederholen. Aber nur an einem Sonntag - Uni und Büro lassen sich so komplett ohne Worte dann doch eher schwer meistern.


back view stellt sich 24 Stunden lang besonderen Herausforderungen
tt_back_viewEinen ganzen Tag ohne Internet
Einen ganzen Tag ohne Nachrichten
Einen ganzen Tag vor dem Fernseher
Einen ganzen Tag im selben Vorlesungssaal
Einen ganzen Tag mit einem Videospiel
Einen ganzen Tag Sport

(Text: Carolin Schmitt)

Kommentare

B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view