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Kultur / Film & Fernsehen 25.01.12

Den ganzen Tag lang vor der Flimmerkiste sitzen

Text: Christina Hubmann

tt_back_viewEin Selbstversuch und seine Folgen
Fernsehen ist schlecht für die Augen. Fernsehen macht dumm. Und vom vielen Rumsitzen wird man auch noch dick. Viele negative Vorurteile, die Christina Hubmann in einem Selbstversuch testet. Für back view geht sie der Frage nach: Was passiert, wenn man einen ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt?



Es ist ein trüber Sonntag, als ich mich dazu entschließe, für einen Tag zum TV-Junkie zu mutieren. „Ich bin schon verplant, sorry", antworte ich auf die SMS meiner Freundin. Ich habe Großes vor. Ich werde heute viel von der Welt lernen, kann morgen alle Menschen mit meinen neuen Erkenntnissen beeindrucken und bestimmt in jede politische Diskussion problemlos miteinsteigen.
Mein Kühlschrank ist voll, die Heizung brummt auf höchster Stufe und drei Red Bull-Dosen warten auf ihren Einsatz direkt neben der Couch. Es kann also losgehen, mein Experiment. Ich werde den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen. Herrlich.

Um 08:28 Uhr klingelt mein Wecker. Als ich den Fernseher einschalte, erscheinen eine Maus mit großen, klimpernden Wimpern und ein kleiner blauer Elefant auf dem Bildschirm. Ich wusste gar nicht mehr, wie sehr ich die Lach- und Sachgeschichten der „Sendung mit der Maus" vermisst habe.
Direkt danach: Wintersport. Bob. Slalom. Biathlon. Abfahrt. Eisschnelllauf. Theoretisch könnte ich die nächsten Stunden ausschließlich Sportlern im Schnee und Eis zusehen. Aber wie lange war ich eigentlich schon nicht mehr in der Kirche? Also wird umgeschaltet zum ZDF, zum Katholischen Gottesdienst.

Die Caritas hat sich zum Ziel gesetzt, ein Leben aus der Liebe Gottes zu führen und möchte dazu beitragen, dass diese Liebe in der Gesellschaft erfahrbar wird. Nach der Übertragung können die Zuschauer mit der Gemeinde Kontakt aufnehmen, die Telefonnummer wird während des Gottesdienstes bekanntgegeben.

Unnützes Wissen
Ab Minus 20 Grad können Getränke für den Menschen gefährlich werden. Das lehrt mich Wigald Boning bei einer uralten Wiederholung von ‚Clever‘. Nina Hagen versteckt sich wie eine Dreijährige unter dem Tisch, als die Stickstoff-Flasche zerplatzt. Ein Schrei, dann ein verkrampftes Lachen von der Moderatorin Barbara Eligmann. Ich denke darüber nach, mein Handy auch mal in den Mixer zu stecken, um zu sehen, ob daraus wirklich schwarzer Staub entsteht, aber ich besitze keinen Mixer.

Frische Kaffeeflecken bekommt man mit einem Staubsauger besser weg, als mit einem Rasenmäher (aber ein Rückstand bleibt immer erhalten). Ich bilde mir ein, dass ich genug Informationen aus der „Show, die Wissen schafft" mitgenommen habe und summe deshalb beim Lied „My Baby left me" mit, welches Rachel bei ‚Unser Star für Baku‘ den Musikexperten Stefan Raab, Thomas D und Alina vorsingt.

10:02 Uhr: Ich logge mich aus Langeweile bei Facebook ein. Nichts Neues.

„Haben Sie schon mal im Gefängnis gesessen? - Ja, ja, klar." So werde ich bei der Sendung ‚Die Geldeintreiber‘ begrüßt. Diesmal dabei: Eine junge hübsche Frau, die ihren Hauptschulabschluss nachholen möchte, ihre Rechnungen seit sechs Jahren nicht geöffnet hat und ihre Schulden bisher einfach nicht wahrhaben wollte. Dazu verwirrte Alte, die mit ihrem Haushalt nicht mehr zu Recht kommen. Meine Stimmung hebt sich erst wieder, als ich erfahre, dass Mickie Krauses „Schatzi, schenk mir ein Foto" auf RTL II zum Après-Ski-Hit 2012 gewählt wurde.

Was man alles lernen kann beim Fernsehen
Ich überlege kurz, was ich alles gerade Sinnvolles tun könnte, statt vor dem Fernseher zu sitzen und mich berieseln zu lassen; kann den Gedanken aber nicht zu Ende bringen und mustere stattdessen gespannt die Dame im TV, der vor laufender Kamera das Näschen nachgepudert wird.
Irgendwann zwischen 11:00 und 12:00 Uhr: Es ist Winterschlussverkauf beim Teleshopping. Gut, dass mein Handy noch nicht im Mixer zu Staub verfallen ist, sonst hätte ich mir jetzt den kleinen silbernen Anhänger mit dem grünen Steinchen und das goldene Amulett mit der aufwendigen Verzierung nicht mehr bestellen können. Ich versuche mir die Strategien zu merken, mit denen man Opfern wie mir, alles andrehen kann. Erfolglos.

Enttäuscht und ein bisschen wütend über mich selbst verweile ich bei der israelischen Hochzeit mit den schönen orientalischen Kleidern. Aber es bleibt nicht viel Zeit, auf diesem Sender zu verweilen, denn auf meinem ausgedruckten TV-Programm ist auch noch ‚Spongebob‘ blau markiert. Ich beobachte betrunkene Piraten, die ihre Krüge zu dem Lied „Spongebob, Spongebob, Spongebob Schwammkopf" heben. Nickelodeon ist eben auch nicht mehr das, was es einmal war.
Ich rufe nach meinem Mitbewohner. Ich brauche Nachschub - die salzigen Erdnüsse haben mich durstig werden lassen. Zeit, selber in die Küche zu laufen, bleibt nicht, sonst würde ich das ‚A-Team‘ verpassen. Der Erfolg mancher Serien bricht eben nie ab.

Die Sonne spitzt kurz durch mein Fenster herein. Großes Narrentreffen in Konstanz. Ich sehe winkende Schafe mit Hörnern, die riesige Glocken um ihren Hals tragen. Was müssen die Gardemädchen frieren, mit den dünnen Strumpfhosen durch die Straßen zu laufen. Gut, dass ich unter meiner warmen Decke auf der Couch liege. Konstanz hat 85.000 Einwohner, teilt mir ein lustiger Clown in roter Jacke mit.
15:15 Uhr: ‚Auf und Davon - Mein Auslandstagebuch‘. Ich werde langsam unruhig, blicke leicht wehmütig nach draußen, drehe mich mal nach links, mal nach rechts, möchte aufstehen, mich bewegen, möchte auch auf und davon.

Dinge, die die Welt bewegen
Viel zu viele Fragen werden beim ‚ZDK Kulturpalast‘ aufgeworfen. Ist es rassistisch, einen weißen Schauspieler schwarz anzumalen? Spielt Moritz Bleibtreu bald unseren derzeitigen Bundespräsidenten Christian Wulff? Ist das neue Stück "John Gabriel Borkman" von Henrik Ibsen, das derzeit auf der Berliner Volksbühne aufgeführt wird, noch Kunst? Zumindest sind es Provokationen und Skandale, komprimiert auf einem Theaterstück von nur elf Stunden. Da sitze ich lieber vor dem Fernseher.

Ich stehe kurz auf und lüfte mein Zimmer. Dann kommt mein persönliches Highlight des Tages: ‚Der Bachelor‘. Bevor der Image-Berater in der Nacht der Rosen die Wahl zwischen 21-jährigen Kunstgeschichtsstudenten, 30-jährigen Krankenschwestern und 40-jährigen Hausfrauen hat, muss er Fragen wie „Findest du mich hübsch?" oder „Was war das Romantischste, was du je für eine Frau gemacht hast?" über sich ergehen lassen. Mit seiner Sissi darf er auf einem Elefanten durch die Gegend reiten und von einem kleinen Balkon im Wohnzimmer des Hauses aus, seine bisherige Ausbeute begutachten.
20:00 Uhr: Die ‚Tagesschau‘ nehme ich noch bei völligem Bewusstsein mit, beim ‚Tatort‘ und dem Spielfilm ‚Der Pate‘ und selbst meinem geliebten Günther Jauch, lässt meine Konzentration aber schon erheblich nach. Aber erst spät nach Mitternacht erlaube ich mir, meinen Fernseher abzuschalten.

Mein Fazit zum Sonntag: Micaelas Bikini beim ‚Dschungel Camp‘ ist in meinem Augen definitiv kein Bikini - auch wenn man das angeblich in Amerika jetzt so trägt -  sondern ein Faden mit drei Knoten. Ich werde morgen meinen Internetvertrag ändern, weil das Angebot in der Werbeunterbrechung auf Pro 7 wirklich reizvoll klingt. Ich werde die pinke „Vanish" -Flasche ausprobieren - „denn wir haben ja alle was Besseres zu tun, als Wäsche waschen".
Ich habe gefühlte siebenmal in diversen Nachrichtenformaten erfahren, dass die jüngste Weltumseglerin Laura Dekker am Ziel ist, Heidi Klum und Seal dagegen die Welt wohl bald getrennt voneinander entdecken. Und, dass Augen selbst nach einem Tag Fernsehen nicht annäherungsweise viereckig sind. Nur furchtbar träge. Bevor ich einschlafe, schreibe ich meiner Freundin noch schnell eine SMS: „Ich habe genug vom Fernsehen - lass uns morgen treffen".


back view stellt sich 24 Stunden lang besonderen Herausforderungen
tt_back_viewEinen ganzen Tag ohne Internet
Einen ganzen Tag mit einem Schweigegelübte
Einen ganzen Tag ohne Nachrichten
Einen ganzen Tag im selben Vorlesungssaal
Einen ganzen Tag mit einem Videospiel
Einen ganzen Tag Sport

(Text: Christina Hubmann)

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