Gesellschaft / Zeitgeschichte 06.10.09
Text: Julia Nix

Mit einer Gesamtfläche von 55 Quadratkilometern ist Loch Ness ("Loch" = gälisch für See) der zweitgrößte See Schottlands. Um den See mit dem Auto zu umrunden, braucht man eine ganze Weile. Kein Wunder also, dass sich um das Gewässer ein ganz besonderer Mythos entwickelt hat. Zur Legendenbildung trägt vielleicht auch die gespenstische Atmosphäre bei, die den Besucher schnell beim Anblick von Uruquart Castle erfasst - einer am Ufer des Sees gelegenen Burgruine, die um 1230 erbaut wurde und bis zu ihrem Verfall zu den größten Burgen Schottlands gehörte. Der Geist vergangener Tage ist gerade an diesem Ort in Schottland allgegenwärtig.
Über die Jahrhunderte tauchen immer wieder Meldungen auf, dass im Loch Ness ein Seeungeheuer gesichtet wurde. Meist wird dieses Seeungeheuer, das den Spitznamen "Nessie" bekam, als Seeschlange beschrieben - von etwa 20 Metern Länge. Die Form variiert jedoch in den verschiedenen Geschichten über das Gesehene. Bereits im Jahr 565 wurde von der Sichtung eines Seeungeheuers berichtet: Im "Life of St. Columba" des Abtes Adamnan, einer Beschreibung des Lebens des Columban von Iona, wird berichtet, wie der Heilige das Leben eines Pikten rettete, der im Fluss Ness angegriffen wurde. Im Jahr 1527 wird ein ähnliches Wesen von Duncan Campbell gesichtet. Im 16. Jahrhundert findet das Monster sogar Einzug in eine alte Chronik. In dieser heißtes, dass ein riesiges Tier aus dem See Loch Ness drei Männer erschlagen habe. Um 1650 berichtet der englische Chronist Richard Franck, der berühmte Loch Ness sei wegen seiner "schwimmenden Inseln" bekannt, was möglicherweise auf ein großes Tier in dem Gewässer anspielt.
Weitere Sichtungen gab es zwar unter anderem 1872 und 1903, weltweit berühmt wurde das Wesen allerdings erst am 2. Mai 1933, als erstmals regionale Zeitungen von der Sichtung eines Ungeheuers berichteten. Die Zeitung Inverness Courier brachte einen Artikel über Einheimische, die "ein riesiges im Loch tauchendes Tier" gesichtet hätten. Der Bericht über das "Monster" wurde eine Mediensensation: Londoner Zeitungen sendeten Reporter nach Schottland, und ein Zirkus bot sogar eine Summe von 20 000 Pfund für das Einfangen des Ungeheuers. Noch im selben Jahr beschrieb A.H. Palmer, der Nessie angeblich am 11. August 1933 beobachtete, die Kreatur hätte ihren Kopf, den sie von vorne sahen, niedrig im Wasser. Ihr Mund, der eine Länge von 30 bis 46 Zentimeter, öffnete und schloss sich - die maximale Mundöffnung wurde auf ungefähr 15 Zentimeter geschätzt.
Das neue Interesse an dem Ungeheuer von Loch Ness wurde durch ein vom Chirurgen R.K. Wilson geschossenes Foto vom 19. April 1934 geweckt. Es zeigt angeblich ein großes Tier mit einem langen Hals, welches durch das Wasser gleitet. Jahrzehnte später, am 12. März 1994, beanspruchte Marmaduke Wetherell für sich, das Foto gefälscht zu haben - nachdem er von der Zeitung Daily Mail angestellt wurde, Nessie zu jagen. Wetherell gab auch an, dass Wilson das Foto nicht aufgenommen hat und sein Name nur benutzt wurde, um die Glaubwürdigkeit des Fotos zu erhöhen. Immer wieder gibt es Menschen, die das Monster angeblich gesichtet haben, so genannte "Nessie-Hoaxer" (deutsch: Nessie-Fälscher). Frank Searle war vermutlich der bekannteste "Nessie-Hoaxer". Searle, ein ehemaliger Soldat, tauchte im Juni 1969 am Loch Ness auf und beschäftigte sich zunächst in ernsthafter Weise mit der Suche nach Nessie. In seinen späteren Jahren, in denen er ein Hausboot und eine "Monster-Exhibition" bei Lower Foyers betrieb, legte er häufiger eher zweifelhafte Beweise für die Existenz des Monsters vor.
1972 machte eine vom US-amerikanischen Patentrichter Robert Rines geleitete Gruppe einige Unterwasserfotos. Eines war ein ungenaues Bild, auf dem möglicherweise eine Flosse zu sehen ist. Auf der Basis dieses Fotos verkündete der Fotograf Sir Peter Scott 1975, dass der wissenschaftliche Name des Monsters "Nessiteras rhombopteryx" lauten würde. Das würde die Aufnahme von Nessie im "British register of officially protected wildlife" bedeuten. Der Name ist allerdings ein Anagramm von "monster hoax by Sir Peter S.", was möglicherweise der Skepsis von Sir Peter zuzuschreiben ist.
Am 28. Mai 2007 wurde durch Gordon Holmes aus Yorkshire ein neues Video eines vermeintlichen Ungeheuers von Loch Ness aufgenommen. Darauf zu sehen ist ein etwa zehn Kilometer pro Stunde schnelles und circa 15 Meter langes, aalähnliches Objekt. Die Qualität des Videos gilt als ausgesprochen gut, eine Fälschung ist unwahrscheinlich, weil auch der Uferbereich auf dem Video gut zu erkennen ist. Dennoch: Ein eindeutiger Beweis für Nessies Existenz konnte jedoch in all den Jahren nicht erbracht werden. Die Fotos und Videos können also lediglich als Indizien für die Existenz eines großen Lebewesens im Loch Ness gesehen werden.
Die schottischen Tourismusbüros wissen indessen, die Marke "Nessie" gut zu verkaufen. So gibt es in unmittelbarer Nähe des Sees ein "Loch Ness Visitor Center", in dem sich die Besucher über den Mythos Nessie umfassend informieren können. Ein ebenfalls nah gelegenes Hotel wirbt mit einer Nessie-Statue um potenzielle Gäste. Auch, wenn Nessie vor allem bestmöglich vermarktet wird - Loch Ness zählt durch den Mythos des Seeungeheuers zu den beliebtesten Touristenzielen des Landes -, so ist Schottland doch ein Land voller Magie. Und an dieser Stelle ganz besonders.
(Text & Fotos: Julia Nix)
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