Gesellschaft / Zeitgeschichte 20.10.09
Text: Anna Franz
Was heißt das?
Die New Yorker haben Angst vor einem Anschlag mit einer „schmutzigen Bombe". Sicherheitsleute patrouillieren mit sensiblen Messgeräten durch die Straßen. Sie erkennen jedes Anzeichen von Radio-Aktivität. Selbst bei Patienten, die eben geröntgt wurden, schlagen die Geräte aus. Das Ziel: Einen Angriff mit einer „schmutzigen Bombe" zu vereiteln.
Eine Atombombe herzustellen, ist schwierig - die schmutzigen Bomben allerdings sind keine Herausforderung für einen Terroristen. Es reicht etwas radioaktiver Müll und ein herkömmlicher Sprengstoff. So ein gefährliches Paket ließe sich leicht in einem Rucksack verstecken. In Manhattan gezündet, würde es einen Umkreis von mehreren Kilometern verstrahlen. Nach 9/11 würde ein solcher Anschlag der Millionenstadt das Genick brechen, sagte der Detective der örtlichen Anti-Terroreinheit, David Kao, in einem Interview mit dem ZDF. Die Sicherheitsleute behaupten nicht, sie würden jeden finden - aber durch die ständigen Kontrollen könnten sie doch die Wahrscheinlichkeit eines solchen Angriffs verringern.
„Dirty bombs" wären die „harmlose" Form eines Anschlags mit Atomwaffen. Wer den Blick von den USA abwendet, sieht im Rest der Welt zahlreiche kleinere Länder, die versuchen, durch Atomwaffen ernst genommen zu werden. Zuletzt hat besonders Nordkorea Schlagzeilen gemacht. Der abgeschottete kommunistische Staat drohte im August damit, Atomwaffen einzusetzen, sollten Südkorea und die USA ihn in irgendeiner Weise angreifen. Doch Korea ist nicht der einzige Brennpunkt.
Ebenso gefährlich ist der schwelende Konflikt zwischen Indien und Pakistan - beide Staaten beanspruchen seit ihrer Gründung die Kaschmir-Region für sich. Immer wieder führten sie Kriege an der sogenannten „heißen Grenze" und noch immer gibt es Kämpfe in dem Grenzgebiet. Atomwaffen brachte Indien zuerst ins Spiel - als Drohung, um Pakistan ruhig zu stellen. Die Pakistanische Regierung empörte sich, und hatte Angst, überrollt zu werden. Eigene Atomwaffen mussten her - sei es nur zur Abschreckung. Sie kamen im Jahr 1998, das viele Pakistani als zweite Geburt betrachten: Es gab erfolgreiche Atomtests im eigenen Land. Das ganze Land war erleichtert dem Gegner Indien endlich in die Augen blicken zu können. Doch die restliche Welt betrachtete die zwei neuen Atommächte in Südasien mit Sorge. Denn ein taktisches Wettrüsten, so wie zwischen den USA und der ehemaligen UdSSR, funktioniere in Asien nicht, weder in Indien und Pakistan, noch in Korea - meint Journalist Claus Kleber in seiner ZDF-Dokumentation „Die Bombe". Man könne sich nicht darauf verlassen, dass die kleinen Atommächte so rational entscheiden, wie es die USA und Russland damals getan hätten. „Wenn Pakistan mit dem Rücken zur Wand steht, ist alles möglich", so Kleber.
Angenommen, Pakistan und Indien würden tatsächlich Atomwaffen gegeneinander einsetzen, welche Auswirkungen hätte das für Asien, Europa, die Welt?
Dieses Szenario wählten Atmosphärenphysiker der University of Colorado in Boulder. Sie führten im Jahr 2008 Computersimulationen durch, um die Auswirkung eines Atomanschlags in Pakistan auf den Rest der Welt zu ermitteln. Dabei ging es ihnen weniger um die verheerenden Zerstörungen, die die Explosionen im jeweiligen Land verursachen würden, sondern um die Auswirkungen auf die Atmosphäre und das Klima.
Ihr Ergebnis: Es muss nicht einmal ein Weltkrieg sein - selbst der Schlagabtausch zwischen zwei kleineren Staaten hätte schlimme Folgen für die Menschheit. Die Bomben-Explosionen würden gewaltige Feuerbrünste hervorrufen, die tonnenweise Ruß in die Atmosphäre katapultierten. Die dunklen Partikel würden vom Sonnenlicht aufgeheizt und somit die umgebende Luft erhitzen. Die so entstandene Energie würde wiederum viele chemische Reaktionen in Gang setzen, die letztlich einen Großteil der Ozonschicht zerstörten. Bis zu 40 Prozent der Ozonschicht wäre in unseren Breiten vernichtet - an den Polkappen sogar bis zu 70 Prozent. Die Ozon-Konzentration in der Atmosphäre könnte sich erst nach zehn Jahren wieder normalisieren.
Die Folge: Zahlreiche Menschen würden an Hautkrebs oder an der Augenkrankheit „Grauer Star" erkranken. Auch das Ökosystem käme aus dem Gleichgewicht, Meerestiere wie Krabben, Fische und Phytoplankton würden durch die ungefilterte Sonneneinstrahlung sterben. In einer früheren Studie wurde bereits berechnet, dass ein solcher Atomschlag so viele Menschenleben kosten würde wie der Zweite Weltkrieg: 55 Millionen.
Düstere Aussichten - doch es gibt Licht im Dunkel
Claus Kleber sprach im Rahmen seiner Dokumentation etwa mit Saif al-Islam Al-Gaddafi, dem Sohn des Revolutionsführers von Libyen. Der Staat am Mittelmeer hatte Uran aus Russland bekommen, es in eigenen Anlagen angereichert und stand nach eigenen Angaben kurz vor dem Bau einer Atombombe. Doch Saif al-Islam Al-Gaddafi entschied um: In einer „Nacht-und-Nebel-Aktion" brach er den Bau der Bombe ab und gab das angereicherte Uran an Russland zurück. Das war 2004. Zu Kleber sagte Gaddafi, es sei die richtige Entscheidung gewesen. Mit Atomwaffen hätte die Situation leicht außer Kontrolle geraten können - nun sei Libyen wieder sicher. Die Hauptstadt Tripolis soll zur neuen Metropole am Mittelmeer werden. Lybien wächst und die Entscheidung hat dem Land tatsächlich gut getan. Dennoch wäre es schön, wenn andere Länder wie Iran, Pakistan oder Indien die gleiche Einsicht hätten.
Barack Obama wünscht sich eine „Welt ohne Atomwaffen", und auch Wladimir Putin sagt, Russland sei bereit, seine Atomwaffen abzuschaffen - nach allen anderen Atommächten. Bleibt nur die Hoffnung, dass die Situation nicht eskaliert.
(Text: Anna Franz / Fotos: Anja Schymek by jugendfotos.de und Stefan Lautenschlager by pixelio.de)
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