Gesellschaft / Zeitgeschichte 04.05.10
Text: Robert Reiche
Seinen Anfang nahm die russische Geschichte mit dem Großfürstentum Moskau im 14. Jahrhundert. Der sich langsam ausbreitende russische Teilstaat erlangte nach und nach mehr Macht, indem seine Herrscher geschickt Handel und Diplomatie betrieben. Aber es war vor allem der Widerstand gegen die Mongolen im späten 14. Jahrhundert, der einen geeinten und militärisch mächtigen Staat hervorbrachte und damit um 1480 zur endgültigen Niederlage der Mongolen führte. Nach dem Zusammenfall des Byzantinischen Reiches erhob sich Moskau zur letzten Bastion des orthodoxen Christentums.
Ein geeintes Land der „Rus"
Als sich Iwan IV. „der Schreckliche" 1547 zum Zaren krönen ließ, begann eine neue Epoche der russischen Geschichte. Der Vorsatz, alle „Rus" unter sich zu vereinen, führte in der Folgezeit zu Spannungen und Kriegen mit Polen und anderen Ländern. Durch das neue Selbstverständnis wurde nun auch Westeuropa auf das russische Zarenreich aufmerksam. Nach dem Tod Iwans IV. stürzte das Reich ins Chaos, wobei sich damals in der Mitte des 16. Jahrhunderts auch kriegerische Auseinandersetzungen häuften. Hierdurch gelang es jedoch bald, sich immer größere Landmassen einzuverleiben - gegen Ende des 17. Jahrhunderts erstreckte sich das Zarenreich von Europa bis nach Sibirien.
Mit Peter dem Großen näherte sich der russische Staat ab 1689 weiter an Westeuropa an. Weitreichende innere Reformen nach westlichem Vorbild sollten dem Reich einen dauerhaften Platz in der westlichen Welt sichern. Durch einen Sieg über Schweden und die daraus folgende Vormachtstellung im Norden und Osten entstand im Jahr 1721 offiziell das Russische Reich. In den folgenden Jahren regierten viele verschiedene Herrscher über das Reich, ohne ihm eine dauerhafte Prägung verleihen zu können.
Aufmarsch gegen die Truppen Napoleons
Doch mit der Herrschaft Alexanders I. begann im Jahr 1805 der Kampf gegen das napoleonische Frankreich. Der erfolglosen Kriegsteilnahme auf der Seite der „dritten Koalition gegen Frankreich" folgte eine anlehnende Haltung hin zu Napoleon, die in Ihrer Theorie eine Aufteilung Europas zwischen Frankreich und Russland vorsah. Im Sommer 1812 griff Napoleon in seinem Übermut seinen ehemaligen Verbündeten Russland an und leitete damit seine eigene Niederlage ein. Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit gelang es den russischen Truppen durch ihre Taktik der „verbrannten Erde", die Streitkräfte Napoleons im Winter zum Rückzug zu zwingen. Die massiven französischen Verluste konnten nicht wieder kompensiert werden, so dass Napoleon im Jahr 1814 endgültig geschlagen werden konnte.
Nachdem die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders durch die russische Stellung in Europa dominiert wurde, begann für das Reich ab 1855 wieder eine Zeit der Reformen. Besonders der aufkommende Imperialismus führte im frühen 20. Jahrhundert zu einer Niederlage gegen Japan. Langsam kristallisierte sich eine massive Rückständigkeit Russlands heraus, zugleich steuerten die europäischen Spannungen und das Wettrüsten Europa geradewegs in einen Krieg. Im August 1914 musste Russland schließlich als Verbündeter Großbritanniens und Frankreichs in den Ersten Weltkrieg eintreten. Nach mehreren schweren Niederlagen gegen die deutsche Armee stand Russland 1916 vor dem wirtschaftlichen und militärischen Abgrund, doch die beiden Revolutionen des Jahres 1917 verhinderten den kompletten Zusammenbruch.
Die Sowjetunion unter Lenin und Stalin
Unter der Führung Lenins begann nun das Zeitalter der Sowjetunion. Durch den Vertrag von Brest-Litowsk wurde der Krieg mit den europäischen Mittelmächten endgültig beendet. Darauf folgte jedoch ein mehrjähriger Bürgerkrieg, in dessen Verlauf mehrere Millionen Menschen ums Leben kamen. Durch eine schwere Erkrankung Lenins rückte ab 1922 Josef Stalin in den Mittelpunkt des Sowjetstaates, der sich im Jahr 1924 dann schließlich gegen Leo Trotzki durchsetzen konnte. Bis zum Jahr 1930 sicherte sich Stalin seine Macht durch gezielten Staatsterror, der nur ein Vorbote für die stalinistischen Massensäuberungen der 1930er Jahre war, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen.
Außenpolitisch bewegte sich die Sowjetunion zu dieser Zeit am Rande des internationalen Machtspektrums. Von den europäischen Mächten seit dem Ersten Weltkrieg als eher schwach betrachtet, gelang es den Kommunisten jedoch bald, eine zumindest theoretische Bedrohung für den Westen darzustellen, die es einzudämmen galt. In diesem Zuge wurde das aufrüstende Dritte Reich als „Puffer" und natürlicher Widersacher gegen die Sowjetmacht angesehen.
Mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 24. August 1939 konnte sich Russland zumindest für kurze Zeit in Sicherheit wägen. Gleichzeitig gelang ihm damit eine nahezu gefahrenlose Einverleibung eines enormen polnischen Territoriums, das zuvor von Deutschland erobert wurde. Als die deutsche Wehrmacht im Sommer 1941 dann aber in die Sowjetunion einmarschierte, eskalierte der Zweite Weltkrieg und es begann der deutsche Vernichtungskrieg um den „Lebensraum im Osten". Nach einigen schweren Niederlagen stellte die Schlacht um Stalingrad bis zum Anfang des Jahres 1943 die militärische Wende des Krieges dar. Von nun an marschierte die Rote Armee zielstrebig Richtung Westen, um im Mai 1945 schließlich den totalen Sieg über das Dritte Reich feiern zu können. Kurz darauf begann die Zeit des Kalten Krieges.
Im Verlauf der nächsten Jahre kristallisierten sich sowohl die USA als auch die Sowjetunion als führende Weltmächte heraus. Amerika baute seine atomare Vormachtstellung immer weiter aus, während Russland seinen territorialen und politischen Einfluss in Europa nicht verlieren wollte und sich somit die Blockbildung zwischen Ost und West entwickelte. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sollte die Angst vor einem nuklearen Overkill das Weltgeschehen dominieren.
Der Fall des Eisernen Vorhangs
Ebenso wie der Wettlauf um die Eroberung des Weltalls trieben viele kleinere Konflikte wie die versuchte Invasion in Afghanistan die Sowjetunion langsam in den wirtschaftlichen Ruin. Die Unzufriedenheit in den Sowjetrepubliken wuchs stetig an, bis diese schließlich Ende 1991 endgültig zerfiel und sich daraus die Russische Föderation bildete. Doch auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs offenbarte sich weiter der allgegenwärtige Zerfall Russlands (Über die Entwicklung Russlands nach dem Kalten Krieg).
Erst mit der Präsidentschaft Putins und dessen rigoroser Reform- und Konsolidierungspolitik schaffte es das Land, sich aus der inneren Zerrissenheit und der außenpolitischen Isolation zu lösen, auch wenn die sich die Beziehungen zu den USA immer weiter verschlechterten. Das gegenseitige Misstrauen sowie die jeweiligen Sicherheitsinteressen beider Nationen stellen auch heute noch den Kernpunkt der Beziehung dar. Die heutige Orientierung Russlands hin zu den aufstrebenden Staaten Asiens steht ebenso im Zeichen der Einflusssteigerung wie der Sicherung von Rohstoffen und Bündnispartnern, um so für das 21. Jahrhundert gerüstet zu sein.
(Text: Robert Reiche)
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