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Gesellschaft / Zeitgeschichte 10.08.10

Acht Jahrhunderte für 50 Prozent

Text: Melanie Nees

tt_back_viewEin historischer Rückblick auf die Emanzipation der Frau
Die Frau vor dem Herd, der Mann bei der Arbeit - so sah lange Zeit die ganz klare Rollenverteilung aus. Doch das war noch lange nicht alles. Die Frauen wurden nicht nur dazu verdonnert, sich um den Haushalt zu kümmern, sie mussten auch noch die hübsche Vorzeigeehefrau spielen, sich so benehmen, dass ihr Mann seinen guten Ruf behalten konnte und bloß nicht auf die Idee kommen, irgendwelche beruflichen Ambitionen zu entwickeln.


Aber selbst, wenn solche Ambitionen vorhanden waren, ohne Bildung konnten sie nicht verwirklicht werden und genau das war ein weiteres Problem. Denn die Bildung war bei den Frauen absolute Mangelware. Kein Mann wollte Geld investieren, aus Angst, dass seine Frau zu ihm aufschließen könnte. Ab dem 16. Jahrhundert wurde durch den Frauenorden immerhin gewährleistet, dass auch der weibliche Teil der Bevölkerung Lesen und Schreiben lernen durfte und Allgemeinbildung vermittelt bekam.

Die Hausfrauen- und Mutterrolle hatte sich seit dem 18. Jahrhundert fest etabliert. Für die Ernährung der Familie war einzig und allein der Ehemann zuständig. Noch schlimmer sah es für unverheiratete Frauen aus: Sie wurden als nutzlos angesehen und lebten am Rande der Gesellschaft. Von allen Frauen, ob verheiratet oder nicht, wurde Zurückhaltung, Demut und Höflichkeit erwartet. Noch im 18. Jahrhundert kehrten die ersten Frauen diesen Attributen den Rücken zu und begannen sich gegen ihre "Bestimmung" - Zwangsehen, schlechte Behandlung durch den Ehemann und viele weitere Ungerechtigkeiten - zu wehren.

Da nur Männer Zugang zu politischen Mandaten hatten, nutzten die beteiligten Frauen stattdessen die Literatur, um ihre Interessen an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine solche versuchte Revolution, damals allerdings noch mit Bezug zur Kirche, gab es schon einmal im 12. und 13. Jahrhundert. Diese scheiterte jedoch.

Der wichtigste Auslöser für diese zweite Emanzipationsbewegung war die Französische Revolution, bei der die Franzosen sich Gleichheit und Freiheit erkämpft hatten. Diese beiden Privilegien blieben den Französinnen, die ebenfalls mitgekämpft hatten, jedoch verwehrt. Die Bewegung hat einige deutsche Frauen mitgerissen, doch Entmündigungen und die öffentlichen Gegenargumente zahlreicher Männer, die sich darauf beriefen, dass die Rollenverteilung naturgegeben sei, ließen diese Bewegung scheitern.

Auch neue Bewegungen, die im 19. Jahrhundert aufkamen, wurden allein durch die Vormachtstellung der Männer in der Gesellschaft mit Leichtigkeit beendet. Aufgrund der angeblichen Unwichtigkeit des weiblichen Teils der Schöpfung schien das geforderte Wahlrecht - genau wie die Gleichstellung der Geschlechter - über diese Jahrhunderte hinweg unerreichbar.

Der Wandel der Zeit
Als die industrielle Revolution über Deutschland hereinbrach, änderte sich diese Stellung plötzlich von ganz alleine. Die Löhne waren oft so niedrig, dass es nicht genügte, wenn nur der Mann arbeitete. So wurden zahlreiche Frauen schlagartig mit in die Rolle des Ernährers einbezogen und entwickelten ein neues Selbstbewusstsein, auch wenn sich schon die nächste Ungleichheit zu etablieren begann: Die Frauen wurden für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt.

Dazu kam, dass Vergewaltigung keine Straftat war. Diese ganzen Ungerechtigkeiten konnte und wollte die weibliche Bevölkerung schließlich nicht mehr dulden. Während einige sich schon mit einer Gleichstellung im Beruf und auf der Bildungsebene zufrieden geben würden, forderten einige radikalere Teilnehmerinnen der nächsten Emanzipationsbewegung eine vollständige Gleichberechtigung in allen Bereichen. Sie wollten gesellschaftlich, rechtlich, privat, politisch und wirtschaftlich den Männern in nichts mehr nachstehen müssen.

Der erste Erfolg konnte 1908, als die ersten Frauenrechtlerinnen schon seit Jahrhunderten tot waren, verzeichnet werden. In diesem Jahr wurde die "Soziale Frauenschule", eine Fachschule für pädagogische und soziale Berufe, in Berlin gegründet. Auch im ersten Weltkrieg begannen die schon im 12. Jahrhundert gesäten Samen, die sich über die Jahrhunderte hinweg stark vermehrt haben, Wurzeln zu schlagen.

Als die Männer an der Front kämpften, haben die Frauen die Rolle des Familienoberhauptes eingenommen oder waren selbst am Krieg beteiligt. So haben einige Frauen z.B. als Armeehilfskräfte oder Schaffnerinnen gearbeitet. Man könnte meinen, gesellschaftliche Missstände seien die Räder, die die Emanzipation erst vorantreiben konnten. Das Selbstbewusstsein der Frauen stieg weiter an, doch im Verlauf des Krieges begannen viele an einer möglichen Emanzipation zu zweifeln, weshalb die Bewegung wieder ausgebremst wurde.

Der Auftrieb durch die Frauenvereine
Bei alldem spielten viele Frauenvereine, die sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zusammengefunden hatten, eine wichtige Rolle. Sowohl die Gründung der "Sozialen Frauenschule" als auch die Einführung von Vereinen für die politische Bildung von Frauen nach dem ersten Weltkrieg waren die Verdienste solcher Frauenvereine. Die darauf folgenden Etappen, die die Frauenbewegung erreichen konnte, waren die freie Berufswahl und das Recht, sich in der Politik einzubringen. Von diesem "Machtzuwachs" war jedoch nach dem Krieg in den Familien keine Spur mehr.

Nach außen sah es oft so aus, als ob Frauen jetzt mehr Rechte hätten und selbstbewusster seien, doch in der Ehe war die demütige Hausfrauenrolle immer noch an der Tagesordnung. Immerhin konnte frau sich jetzt den Ehemann selbst aussuchen. Außerdem wurde 1918 das jahrelang geforderte Wahlrecht für alle eingeführt. Da jetzt die elementarsten Forderungen der Frauenrechtlerinnen erfüllt waren, lösten sich viele Frauenvereine auf und die Bewegung klang ab. Diese Zufriedenheit kam jedoch zu früh.

Während des zweiten Weltkrieges setzten sich die Nationalsozialisten stark dafür ein, dass sich das traditionelle Rollenbild wieder fest etabliert. Mit Darlehen für Männer, die alleine die Familie ernähren, einer Steuererhöhung für Kinderlose und einer staatlichen Kinderbeihilfe für Verheiratete wurde die Frau beinahe zurück zu den Kindern und an den Herd getrieben, da es dann nicht mehr aus finanziellen Gründen nötig war, dass auch die Frau arbeitete. Was die soziale Behandlung von Frauen angeht, wurden auch Rückschritte gemacht. Die Nationalsozialisten haben einige Frauen sterilisieren lassen. Gegen Ende des Krieges haben sich dann aber wieder einige Frauenvereine zusammengefunden und nach dem Krieg waren zahlreiche Frauen am Wiederaufbau beteiligt.

In den 1960ern war erneut indirekt ein anderer Teil der Gesellschaft dafür verantwortlich, dass die Frauenbewegung wieder ins Rollen kam. Zu dieser Zeit war die Studentenbewegung aktiv und es gab Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Da ließen sich die Frauenrechtlerinnen, die jetzt zum Großteil als Feministinnen bezeichnet wurden, gerne von der revolutionären Stimmung mitreisen und griffen ihre Bewegung wieder auf. Die Proteste richteten sich unter dem Motto "Mein Bauch gehört mir" hauptsächlich gegen das bestehende Abtreibungsverbot.

Unter den Protestierenden waren aber immer mehr radikale Feministinnen, was dazu führte, dass die Bewegung nun mehr Öffentlichkeitswirkung erreichte. Die nächste erreichte Etappe war die Einrichtung von Frauenzentren in den 1970ern, in denen Frauen sich zum Thema Selbstverteidigung, Sexualität und Ähnlichem informieren konnten. In den 80ern gab es erneut Proteste mit dem Fokus auf Gewalt gegen Frauen. Es wurde darauf aufmerksam gemacht, dass Gewalt in der Ehe und Vergewaltigungen von Mädchen im Familienkreis kein seltenes Phänomen waren. Um Vergewaltigungs- und Gewaltopfern zu helfen wurden daraufhin Frauenzentren eingerichtet, die für viele einen großen Schritt zur Gleichberechtigung bedeuteten, da Frauen nun vor der Willkür der Männer mehr geschützt waren.

In den 1990ern wurde ein weiterer wichtiger Schritt zur Gleichstellung getan. In der Politik wurden von nun an die Interessen der Frauen mehr einbezogen und die Parteien führten eine Frauenquote ein. Daraufhin zog auch die Wirtschaft nach und erhöhte die Frauenquote, die weit unter der der Männer lag. Diese Tendenz hat sich bis heute weiter gesteigert - bis hin zu einer deutschen Bundeskanzlerin - und die Gleichberechtigung scheint in vielen Bereichen vollbracht zu sein. Doch ein seit Jahrhunderten gefestigtes Rollenbild kann nicht einfach weggewischt werden. Laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts für Demoskopie sehen sich heute 50 Prozent der Frauen als emanzipiert und selbstbewusst. In ungefähr acht Jahrhunderten von null auf 50 Prozent. Na immerhin.


(Text: Melanie Nees)

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