Gesellschaft / Zeitgeschichte 18.02.09
Text: Sarah Binz
Die geschichtliche Entwicklung des Faschings
Die älteste schriftlich erwähnte Fastnachtsfeier fand 1341 in Köln statt, es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass vor allem im süd- und westdeutschen Raum schon wesentlich früher ähnliche Bräuche stattfanden. Dabei findet sich eine Unzahl regionaler Besonderheiten was Kostümierung, Gestaltung der Masken und Bräuche angeht, ebenso wie sich die genaue Bezeichnung von Region zu Region oder von Stadt zu Stadt unterscheiden kann.
Ab dem 14. Jahrhundert sind auch Umzüge und größere Schauspiele belegt, die neben der reinen Unterhaltung auch der Präsentation neuer landwirtschaftlicher Geräte wie Pflügen oder Eggen dienten. Die heute übliche Maskierung entstand ebenfalls in dieser Zeit. Zum einen verstärkte sie noch den absurden, verdrehten Gesamteindruck des Festes, zum Anderen bot sie eine Anonymität, die die Möglichkeit zu Ausgelassenheit und Zügellosigkeit vergrößerte.
Der eher harmlose volksfestähnliche Charakter des Festes erhielt im 16. Jahrhundert eine neue Dimension, die sich an der Zwei-Reiche-Lehre des Augustinus orientierte. Die Fastenzeit wurde aufgefasst als „civitas dei", also Gottesreich, während die Fastnacht gleichgesetzt wurde mit der „civitas diaboli", also dem Teufelsreich. Mit diesem Bedeutungswechsel ging auch eine Veränderung der Masken und der Kostümierung einher, verstärkt tauchten Teufelsmotive auf und auch der Narr wurde populär. Als Symbol für Dummheit und Beschränktheit und darüber hinaus für eine verkehrte Welt, in der die Gesetze Gottes keine Gültigkeit mehr haben und sogar geleugnet werden, bildet er quasi das perfekte Motiv für die „närrischen Tage" und geben den feiernden Gläubigen eine Demonstration einer Welt ohne höhere weltliche und kirchliche Autoritäten. Die zu übermittelnde Nachricht lautete quasi: Für ein paar Tage ist dieses gottlose Chaos ja ganz nett, aber hütet euch davor, die kirchliche Ordnung dauerhaft anzweifeln oder außer Kraft setzen zu wollen denn dann gibt es weder Gesetze noch Erlösung!
Diese temporäre Abschaffung der Hierarchien zieht sich im Mittelalter und im Prinzip bis heute durch alle Gesellschaftsschichten, selbst aus katholischen Nonnenklöstern gibt es Berichte über ausgedehnte Gelage, Glücksspiel und Tanz bis in den Morgen.
Im 18. Jahrhundert verlor der Karneval schließlich seine Bedeutung, möglicherweise einhergehend mit der voranschreitenden Aufklärung, die die alten katholischen Traditionen nach und nach überwand.
Während der Romantik im 19. Jahrhundert wurden vor allem vom Bürgertum ausgehend Versuche unternommen, der Fastnacht ihre ursprüngliche Bedeutung zurückzugeben und die Feierlichkeiten zu organisieren. Hieraus entstanden die bis heute stattfindenden Karnevalsvereine, -sitzungen, Büttenreden - die damals vor allem in Mainz bereits ihren politischen Anspruch betonten - und Umzüge. Der erste Karnevalsumzug fand 1823 in Köln statt, andere rheinische Städte übernahmen die dortigen Praxen schnell und etablierten eigene Interpretationen.
Während des Nationalsozialismus mussten sich die Karnevalisten wie alle Institutionen und Vereine gegen Instrumentalisierung im Sinne der Regierung zur Wehr setzen. Die kirchliche Herkunft sollte verleugnet, die Fastnacht stattdessen als ein „urgermanischer", auf heidnischen Traditionen beruhender Brauch verstanden werden. Der Anteil an Büttenreden und Veranstaltungen, die auf typisch hintergründige und persiflierende Weise Kritik am nationalsozialistischen System übten, kann jedoch eher gering angesetzt werden, auch wenn einige Karnevalsvereine hier gern Anderes behaupten.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich die Karnevalsfeierlichkeiten weiter. Auch der politische Anspruch ist häufig noch vorhanden, wie sich zum Beispiel an der Gestaltung der großen Umzugswagen erkennen lässt - inwieweit das den alljährlich ausgelassen feiernden Jecken und Narren jedoch bewusst beziehungsweise wichtig ist, erscheint fraglich.
(Text: Sarah Binz)
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