Politik / International 04.05.10
Text: Julia Jung
Während der Blockkonfrontation des Kalten Krieges lieferte sich Russland mit den USA einen erbitterten Machtkampf. In jeglichen Bereichen konkurrierten die beiden Mächte um die Vormachtstellung. Und zunächst sah es für den größten Vertreter der damaligen UdSSR auch gar nicht allzu schlecht aus. In manchen Bereichen, wie zum Beispiel der Raumfahrt, war Russland der westlichen Supermacht zunächst sogar überlegen. Doch vor allem die sozialistische Wirtschaftsform machte dem kommunistischen Land zu schaffen und führte letztlich zu dessen Untergang. Doch wie sieht es heute aus? In welche Richtung entwickelte sich das Land nach dem Ende der Blockkonfrontation? Ein Resümee über den Wandel einer Großmacht.
Die Zeit danach
Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ging auch an Russland nicht spurlos vorüber. Die seitdem unabhängige Moskauer Führung konnte keine stabile Gegenmacht zu der Dominanz der USA mehr bilden. Stattdessen konzentrierte man sich nun mehr auf den eigenen Strukturwandel. Nach der zunehmenden wirtschaftlichen Stagnation kam man zu der Einsicht, dass ein Kurswechsel von Nöten sei. Diese Systemtransformation wird hauptsächlich durch zwei Reformprogramme geprägt, die durch den damaligen Generalsekretär Michail Gorbatschow eingeleitet wurden. Zum Einen verfolgte er einen Wandel in Wirtschaft und Verwaltung („Perestroika") und zum Anderen mehr Offenheit und Transparenz nach innen und außen („Glasnost"). Tatsächlich gelang es auch, die zentrale Planwirtschaft aufzugeben, doch auch die Beziehungen zu anderen Staaten durften bei der umfassenden innerstaatlichen Modernisierung nicht vergessen werden und mussten neu definiert werden.
GUS statt NATO
Um die Beziehung zu den ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion zu stärken, wurde 1991 die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) gegründet. Sie sollte die Zusammenarbeit fördern und einen gemeinsamen Sicherheitsraum schaffen. Dieses Bedürfnis war sicherlich nicht ganz unbegründet, denn der wichtigste militärische Beistandspakt der Sowjetunion, der Warschauer Pakt, wurde 1991 ebenfalls aufgelöst. Das westliche Bündnis NATO (North Atlantic Treaty Organization) gewann dagegen durch Osterweiterungen immer mehr an Bedeutung. Doch hier blieb Moskau außen vor. Bis heute ist Russland unter Präsident Medwedew kein Mitglied des Militärbündnisses und kann daher bei westlichen Interventionen, wie in den 1990er Jahren auf dem Balkan, lediglich per NATO-Russland-Rat mitwirken.
Starker Staat
Doch trotz so manchem Rückschlag konnte sich Russland weiterhin als starker Staat behaupten. Denn auch, wenn eine Mitgliedschaft in der NATO nicht in Aussicht steht, wirkt Moskau dafür in anderen globalen Institutionen aktiv und gleichberechtigt mit. In den Vereinten Nationen (UNO) hat Russland schon seit deren Gründung einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Durch diesen kann der Staat bei zentralen Sicherheitsfragen mit entscheiden und gegen diverse Resolutionen ein Veto einlegen. Zudem ist Russland als eine der wichtigsten Industrienationen führendes Mitglied der WTO (World Trade Organization - Welthandelsorganisation) und der G8 (Gruppe der acht führenden Wirtschaftsnationen).
Seinen wirtschaftlichen Aufstieg hat das Land nicht zuletzt seinem enormen Reichtum an natürlichen Ressourcen zu verdanken. Vor allem die Energieressourcen bringen die Abnehmerländer in eine gewisse Abhängigkeit. Der flächenmäßig größte Staat der Erde hat außerdem einen weiteren Trumpf im Ärmel: Atomwaffen. Diese dienen nicht nur zur Einschüchterung anderer, sondern machen eine Einbeziehung dieses Landes bei wichtigen Sicherheitsfragen fast unumgänglich.
Bedrohung durch die USA
Trotz dieser Erfolge fühlt sich Russland zunehmend von den USA bedroht. Während die eigene Einflusssphäre zunehmend schrumpft, breiten sich die USA förmlich aus und binden ehemalige Ostblockstaaten in Bündnissen wie der NATO an sich. Dennoch erkannte vor allem der ehemalige Präsident Wladimir Putin, dass Russland bei einer Kooperation mit dem Westen nur gewinnen kann, während es bei einer Konfrontation verliert. Daher zeigte man sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auch solidarisch mit Washington. Doch diese Phase der Harmonie endete schnell wieder, nachdem sich die USA unter anderem das Recht der präventiven Gewaltanwendung anmaßten, Resolutionen des Sicherheitsrates ignorierten (wie beim Irakkrieg 2003) und sich zunehmend in innere Angelegenheiten Moskaus einmischten.
Freundschaft mit China
Während das Verhältnis zu den USA also abkühlte, orientierte sich der Kreml eher in östlicher Himmelsrichtung. Im Zuge der „Mehrvektorenpolitik" (eine Politik, die eindeutige Festlegungen und damit Begrenzungen des eigenen Spielraums vermeidet) folgte eine strategische Annäherung an China und weitere asiatische Mächte wie Indien und Japan. Mit der Zusammenarbeit zwischen China und Russland soll mitunter ein Gegengewicht zur unipolaren, von den USA dominierten Weltordnung geschaffen werden. Traditionelle Streitigkeiten zwischen Moskau und Peking wurden aus diesem Zweck in den Hintergrund gedrängt, um der Kooperation Platz zu schaffen. Natürlich profitieren beide Länder nicht nur bei der „USA-Verdrängung", sondern auch wirtschaftlich voneinander. Für Russland bildet China den größten Markt an Waffenexporten und die Wirtschaftsgroßmacht China nimmt im Gegenzug dazu dankend Energielieferungen des rohstoffreichen Landes an.
Ungewisse Zukunft
Welche Rolle hat Russland nun im internationalen Machtgefüge eingenommen? Eindeutig beantworten kann man diese Frage wohl kaum. Denn der bedeutendste Nachfolgestaat der UdSSR hat den traumatischen Zerfall seines Imperiums und den eigenen Abstieg als globale Großmacht nur schwer verkraftet. Dennoch transformierte sich das Land in den letzten Jahren größtenteils erfolgreich und ist fest entschlossen, seinen Platz in der internationalen Gemeinschaft wieder einzunehmen. Ob das tatsächlich gelingen wird, muss erst die Zukunft zeigen.
(Text: Julia Jung)
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