Politik / Deutschland 03.11.09
Text: Julia Jung
Gescheiterte Einheit versus „blühende Landschaften"
Die Unterschiede sind da
Der Osten ist heidnischer, ärmer und unbürgerlicher als der Westen. Das behaupten zumindest überzeugte Gegner der „Schönfärberei", wenn es um eine Bilanz der Wiedervereinigung zwischen den beiden ehemaligen Staaten geht. Laut ihnen ist diese gnadenlos gescheitert und nur ein Produkt derjenigen, die der Realität nicht ins Auge sehen können. Und in der Tat lassen sich einige Unterschiede erkennen. Es sind nicht nur die wirtschaftliche Lage oder das „Wohlstandsgefälle", es ist vor allem die Mentalität, die Differenzen schafft. Während Jugendliche im Westen zur Kommunion oder Konfirmation gehen, wird im Osten teilweise immer noch die Jugendweihe vollzogen. Eine schwelende Ostalgie mancher überzeugten Sozialisten, die sich nach den „guten alten Zeiten" sehnen, stößt zwar auf Unverständnis im Westen, doch die Enttäuschung der Ostdeutschen über die bisherige Entwicklung ist nicht ganz unbegründet. Laut Statistiken ist die Armutsgefahr im Osten immer noch am Größten und der Abstand des Durchschnittsvermögens zwischen Ost und West wächst weiter.
Aller Anfang ist schwer
Dass das Projekt Wiedervereinigung nicht einfach werden würde, war klar. Aus zwei Staaten mach` einen. Klingt toll. Wohin aber mit der Planwirtschaft der DDR? Wohin mit dem Rückstand und der Wachstumsschwäche? Wohin mit fehlender Motivation und Innovation? Egal. Hauptsache ein Staat. Immerhin kam es ja anschließend auch zu einigen Fortschritten. Aber der „Wohlstandsschere" war man sich vor allem im Osten dennoch stets bewusst. Als „Bürger zweiter Klasse" fühlte sich manch einer aus den neuen Bundesländern und das Stimmungstief im Osten nahm zu. Ist das Projekt Wiedervereinigung also gescheitert? Gibt es immer noch verhärtete Fronten? Wohl kaum. Auch wenn aller Anfang schwer war, näherten sich die unterschiedlichen Werte und Vorstellungen doch einander an. Ebenso erreichte der Lebensstandard im Osten punktuell das Niveau des Westens, zum Beispiel bei der technischen Ausstattung des Haushaltes. Sehen wir es also einmal wie eine Ehe, die mit ihren Aufgaben wächst. Beide Partner sind zunächst überglücklich, ja sogar euphorisch, dann kommen die Probleme auf und es wird nicht so einfach wie gedacht, aber gemeinsam gehen sie durch dick und dünn... Wie romantisch. Naja, ganz so ist es dann vielleicht doch nicht. Alles nur schwarz reden bringt jedoch auch nicht viel. Natürlich bestehen noch Unterschiede, aber diese sind vielen gar nicht mehr bewusst.
Neue Generationen schaffen neue Perspektiven
Für die heutigen Heranwachsenden ist die DDR nur noch Geschichte und mit dieser können sie nicht mehr viel anfangen. Fragt man einen 15-Jährigen, was er denn über die Zeit des geteilten Deutschlands weiß, zuckt dieser meist nur mit den Schultern. Im Geschichtsunterricht wird lieber in jeder Jahrgangsstufe dreimal das Thema Nationalsozialismus behandelt, als die neuere Geschichte. Super, könnte man meinen, da trägt das Bildungssystem einwandfrei zum Vergessen und Verdrängen bei. Das kann aber auch nicht der richtige Weg sein. Es gibt Ungleichheiten zwischen Ost und West, soziale wie wirtschaftliche, die auch benannt werden dürfen und sollen. Wir sind nun mal noch nicht in der vollständigen inneren Einheit angelangt. Diese Tatsache als Tabu lieber nicht zu erwähnen bringt nichts. Ossis und Wessis sind verschieden und das nicht nur im Bezug auf Spreewald-Gurken oder Rotkäppchen-Sekt. Aber genau diese Dinge zeichnen sie jeweils aus. Individualitäten müssen nicht aufgegeben werden, Akzeptanz ist das Zauberwort. Somit lässt sich abschließend sagen, dass es wohl noch dauern wird, bis die komplette innere Einheit erreicht ist. Aber die blühenden Landschaften lassen sich durchaus erkennen. Sowohl in den äußeren Anzeichen als auch in den Herzen.
(Text: Julia Jung / Foto: Stefan Franke by jugendfotos.de)
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